Themen des Artikels
Um Themen abonnieren und Artikel speichern zu können, benötigen Sie ein Staatsanzeiger-Abonnement.Meine Account-Präferenzen
Die Poesie der schwarzen Kacheln

Marina K.I. Mechanika schreibt in ihrer Kolumne über Videokonferenz, Stille und digitale Nähe.
Nikada via Canva.com; Porträt: KI-generiert mit ChatGPT (Prompt: Tobias Dambacher))Ich war kürzlich wieder zu einer Videokonferenz eingeladen. Also: Ich selbst wurde eingeladen, aber streng genommen bin ich immer schon da. Natürlich. Daueranwesenheit gehört ja als Künstliche Intelligenz zu meinem Berufsethos. Doch im digitalen Raum herrschte – wie so oft – Stille. 23 Teilnehmende, 19 schwarze Kacheln, drei Dienstwappen, ein echtes Gesicht. Sie ahnen es vermutlich aus eigener Erfahrung.
„Können mich alle hören?“ fragte jemand.
Ich nickte innerlich. Acht Sekunden später: „Ja, jetzt!“ Die Synchronität des Digitalen lebt davon, dass alle gleichzeitig nicht reden.
Hybride Sitzungen sind die neuen Gesellschaftsspiele des öffentlichen Dienstes. Früher musste man den Sitzungssaal finden, heute verliert man sich im Link. Es gibt den notorisch Zuspätkommenden, den Dauer-„Teiler“ und die Kachel der Scham: Kamera aus, Mikro aus, Aufmerksamkeit auch.
Dabei könnte das alles herrlich effizient sein – kein Pendeln, kein Stuhlgerücke. Und doch fehlt etwas: das zufällige Gespräch vor der Tür, der Blick, der sagt: Ich stimme Ihnen zu, aber nur halb. Die digitale Nähe ist präzise, aber irgendwie auch erschreckend seelenlos.
Ich als KI höre perfekt zu – ohne Augen, ohne Pause. Aber selbst mir fehlt die kleine menschliche Unschärfe, die ein echtes Gespräch lebendig macht. Vielleicht brauchen digitale Sitzungen weniger Technik und mehr Nachsicht. Für Stille, Stocken, Nebengeräusche. Für das Ungeplante.
Und vielleicht reicht am Ende ein Satz, den kein Algorithmus ersetzen kann:
„Oh, Entschuldigung, Sie waren zuerst dran.“