Themen des Artikels

Um Themen abonnieren und Artikel speichern zu können, benötigen Sie ein Staatsanzeiger-Abonnement.Meine Account-Präferenzen

Resozialisierung

Kolumbien: Pablo Escobars Bombenleger fand im Gefängnis zum Glauben

Er kämpfte als Guerillero, legte Bomben für Pablo Escobar und verbrachte Jahre hinter Gittern. Gewalt, Drogen und Hass bestimmten sein Leben – bis etwas geschah, das José Rodrigo Arenas bis heute als völligen Bruch mit seiner Vergangenheit beschreibt. Tagtäglich kehrt er ausgerechnet an den Ort zurück, an dem sein altes Leben zu enden schien.
Links eine Person mit Hut, rechts städtische Hochhäuser vor Bergen.

José Rodrigo Arenas arbeitet seit über 30 Jahren ehrenamtlich im Gefängnis, um Insassen den Glauben näher zu bringen.

Seehaus e.V. / xsimonmayerx via imago-images.de)

Medellín. Pablo Escobar wies ihn an, bis Montagmorgen ein Stadtviertel in die Luft zu sprengen. Also legte er es bereits am Sonntag in Schutt und Asche.

Heute ist José Rodrigo Arenas 71 Jahre alt. Zum Interview erscheint er in blauer Uniform. Seine Haltung ist gerade, sein Gesicht ständig in Bewegung, während er von einem Leben erzählt, in dem Gewalt über Jahrzehnte fast selbstverständlich war. Von einer Kindheit ohne Liebe. Von Drogen, Gefängnissen und Guerillakämpfern. Von Pablo Escobar. Und schließlich von einem Moment, von dem Arenas heute sagt, er habe alles verändert. Wenn er über seine Vergangenheit spricht, liegt zwischen dem Mann von heute und dem Jungen von damals ein langer Weg durch Kolumbien.

Eine Kindheit von Gewalt geprägt

Sein Weg beginnt in Armenia Quindío, einer Kaffeeregion Kolumbiens. Dort kommt Arenas im August 1955 zur Welt. Liebe, sagt er heute, habe er von seinen Eltern nicht erfahren. Vielleicht konnten sie ihm keine geben. Vielleicht wussten sie selbst nicht, was Liebe war. Arenas kann es bis heute nicht sicher sagen, aber er ist überzeugt: Schlechte Absichten hatten seine Eltern nie. Was er aber statt Liebe kennenlernte, war Gewalt. Sie bestimmte seine Erziehung und begann früh, sein Verhältnis zu sich selbst und zu anderen Menschen zu prägen: „Ich habe angefangen, mich selbst zu hassen. Und auch jeden anderen.“

Mit neun Jahren verlässt Arenas sein Elternhaus. Sein Ziel ist Bogotá. Die Hauptstadt, die heute als der größte städtische Ballungsraum Kolumbiens gilt. Sie sei damals wie heute stark von Gewalt geprägt gewesen, erzählt er. Geld hat der junge damals Arenas kaum. Schon bald nachdem er ankommt, lebt er mit anderen Jungen auf der Straße. Seine erste Gewalttat, beging er mit ihnen zusammen: Gemeinsam überfallen sie einen Taxifahrer. Um nach dem Raub kein Risiko einzugehen, bringen sie ihn um. Das Geld brauchen sie für ein Dach über dem Kopf – es reicht für eine einzige Nacht.

Arenas wird als Einziger von diesen Jungs gefasst. Er sagt heute, es lag an seiner Unerfahrenheit. Es folgen seine ersten anderthalb Jahre im Jugendgefängnis. Noch mit zehn Jahren, er ist wieder in Freiheit, tritt eine Frau in sein Leben. Sie habe ein ähnliches Schicksal mit ihrer Familie erlebt und ihn gefragt, ob sie bei ihm bleiben dürfe. Was damals beginnt, hält 28 Jahre. Sie wird die Frau an seiner Seite und später die Mutter seiner Kinder.

Doch zunächst folgen Jahre voller Drogen und Kriminalität. Arenas verbringt weitere Jahre im Gefängnis, schließt sich Banden an, überfällt Banken und führt Mordaufträge aus. Gleichzeitig und immer wieder erreicht er einen Punkt, an dem er selbst nicht mehr leben will. Mit 14 finden ihn seine Eltern dann wieder. Er soll nach Hause kommen und zur Schule gehen. Das Mädchen, das er damals auf der Straße kennengelernt hat, ist zu diesem Zeitpunkt von ihm schwanger, ein anderes Kind haben die beiden bereits. Trotzdem oder gerade deswegen versucht Arenas tatsächlich kurze Zeit, wieder ein Schüler zu sein. Doch etwas in ihm kann sich nicht verändern, auch wenn es die äußeren Umstände tun: „Meine Grundeinstellung war die Gewalt.“

Vom Klassenzimmer zur Guerilla

Nach einem Schulwechsel von dieser ersten zu einer anderen Schule lädt ihn eine Mitschülerin zu einem Treffen ein. Sie und einige andere wollten, sagt sie, „etwas Gutes für das Land machen“. Arenas will zunächst nicht. Doch die Schülerin lässt nicht locker. Er entscheidet sich eher widerwillig, der Sache eine Chance zu geben, ist aber bald von den Ideen dieser Gruppe überzeugt. Es ist sein erstes Treffen mit den Mitgliedern jener Bewegung, die später als M-19 bekannt wird.

Nur wenig später lässt Arenas sich im Hinterland zum Guerillakämpfer ausbilden. Die Cauca-Region liegt im Südwesten Kolumbiens und grenzt an den Pazifik. Dort spezialisiert er sich auf Sprengstoff. Warum er sich für diese Spezialisierung entschieden hat, erklärt er rückblickend so: „Mein Motiv war der Hass, den ich gegen alle Welt hatte. Ich wollte zeigen, wie ich über die anderen denke.“

Er muss zusehen, wie Menschen aus seinem Umfeld von der Polizei getötet werden, erzählt von Folter und von Kollegen, die daran sterben. Heute glaubt er, Gott habe ihn damals vor demselben Schicksal bewahrt. Zu dieser Zeit allerdings richtet sich seine Wut darüber hauptsächlich gegen die Polizei.

Elf Jahre bleibt Arenas Teil der M-19, kämpft für die Bewegung, in die er noch als Schuljunge eingetreten war: „Ich habe gelitten und deswegen mussten andere auch leiden.“ Als schließlich ein Friedensabkommen geschlossen wird, will Arenas aussteigen. Er will ein anderes Leben beginnen. Doch von einem Neuanfang kann zunächst keine Rede sein.

Der gescheiterte Ausstieg

Arenas erzählt, die Regierung habe ehemalige Mitglieder der M-19 verfolgt und nacheinander getötet. Auch der Glaube an Gott spielt zu dieser Zeit für ihn noch keine Rolle. Der Glaube sei für ihn nicht mehr als ein „Opium“ gewesen. Zu oft habe er Christen erlebt, deren Verhalten nicht zu dem passte, was sie predigten. Er erinnert sich an die Nachbarschaft seines Elternhauses. Sein Vater habe die Tagelöhner, die für ihn auf der Kaffeefarm arbeiteten, besser behandelt als ihr christlicher Nachbar: „Die richtige Art zu leben war also so, wie es mein Vater tat. Nicht wie die Christen.“

Nach seiner Zeit bei der M-19 versuchte Arenas, in einer Werkstatt Fuß zu fassen und sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Doch sein Name ist in der kriminellen Szene längst bekannt. Wegen des Mordes an vier Jungen flieht er nach Barranquilla. Von Cali bis dorthin ist er 24 Stunden in einem Reisebus unterwegs. Ein Tag, der genug Raum zwischen ihn und sein altes Leben bringen soll. Denn in Barranquilla soll alles anders werden. Arenas will arbeiten. Geld verdienen. Verantwortung für seine Frau und seine beiden Töchter übernehmen.  Doch die Drogen bestimmen noch immer seinen Alltag: „Die Sucht nach Drogen hat mir das Leben geraubt.“ Er sei krank geworden, erzählt er. Trotzdem fasst Arenas einen Plan. Er will Motorräder reparieren und ein eigenes, kleines Geschäft eröffnen.

Zunächst aber findet er in einer fremden Werkstatt Arbeit. Drei Monate bleibt er dort, wird bezahlt und spart. Nur wenige Wochen trennen ihn noch von seinem eigenen Laden, dann will er eröffnen. Während er gerade bei der Arbeit ist, ein Motorrad repariert, seinen Werkzeugkoffer neben sich, fährt plötzlich ein großer Geländewagen vor.  Vier Männer steigen aus. Sie tragen dunkle Brillen und sind mit goldenem Schmuck behängt. Arenas glaubt zu wissen, was jetzt passiert: „Ich dachte, jetzt haben sie mich erwischt.“

In seinem Werkzeugkoffer versteckt, liegt eine kleine Pistole. Für den Notfall: „Der letzte Schuss wird meiner sein, auch wenn ich hier nicht mehr davonkomme.“

Doch die Männer sind nicht gekommen, um ihn zu töten. Sie haben ein Angebot für Arenas: „Der Patron sucht dich“, sagen sie ihm. Er erkennt sie wieder: D ie vier Männer haben ebenfalls früher zur M-19 gehört, sein altes Leben hat ihn eingeholt. Seit drei Jahren, erzählen sie, arbeiten sie für einen Mann, den sie nur den „Patron“ nennen.

In seinem Auftrag sind sie heute hier: „Rodrigo, der Patron, sucht dich. Er will dich gewinnen.“ Der Patron ist Pablo Escobar. Der Drogenbaron ist zu diesem Zeitpunkt durch den groß angelegten, industrialisierten Drogenhandel zu einem der reichsten Menschen der Welt geworden. Jetzt lässt er nach Arenas suchen – nicht wahllos, sondern gezielt. Die Männer haben einen Koffer dabei. Darin: Geld, Goldschmuck und Drogen: „Das Geld wurde nicht mehr gezählt, sondern gewogen.“

Doch im Geländewagen liegen auch Waffen. Arenas schreckt das zunächst ab. Das Geld nimmt er trotzdem. Mit guten Absichten. Eigentlich will er Werkzeug davon kaufen und sein neues Leben beginnen. Nach 14 Tagen ist alles weg. Er hat das Geld für Drogen ausgegeben.

Nur die Visitenkarte der Männer steckt noch in seiner Brusttasche. Sie ist das, was von ihrem Besuch übrig geblieben ist. Also ruft Arenas an. Als es in der Telefonleitung knackt und die Verbindung steht, ist es das Ende seines kurzen Versuchs, ein anderes Leben zu führen.

Der Flug nach Medellín

Die Männer kommen nur kurze Zeit nach seinem Anruf, um ihn abzuholen. Arenas beschreibt sich zu dieser Zeit selbst als dünn und schmutzig, aber trotzdem steigt er in das große Auto und lässt sich von ihnen zu einem Flugzeug bringen. Gemeinsam fliegen sie nach Medellín, die zweitgrößte Stadt Kolumbiens. Dort warten nach Arenas‘ Erinnerung 126 Männer, die bereits im Luxus leben. Sie alle erwarteten ihn schon: „Alle Welt kannte mich und hat mich empfangen.“

Arenas erhält zunächst einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll sich erholen. Er bekommt Geld, gute Autos und Unterstützung. Doch schon am nächsten Tag heißt es, Pablo Escobar, der Patron, warte auf ihn.

Es ist ein Samstag, als sich die beiden Männer das erste Mal gegenüberstehen. Escobars erste Reaktion fällt wenig schmeichelhaft aus: „Wer ist dieser Dünne?“, fragt er. Arenas sieht zu diesem Zeitpunkt schlecht aus. Nicht nur, dass er so dünn ist: Mehrere Streifschüsse haben ihn getroffen. Escobar zweifelt offenbar daran, dass ausgerechnet dieser Mann der Sprengstoffexperte sein soll, nach dem alle suchen. Deswegen soll er w enige Tage später beweisen, was er kann.

Ein Auftrag für Montagmorgen

Escobar nennt ihm eine Straßenecke. Dort stehen eine Apotheke, zwei Geschäfte und ein Amt. Bis Montag soll davon nichts mehr übrig sein. Er brauche den Platz „frei“. Arenas will Eindruck machen, er zögert nicht, als er die Anweisungen erhält: „Wenn er es am Montag sehen will, dann mache ich es am Sonntag schon.“ Er präpariert eine Autobombe mit rund 30 Kilogramm Sprengstoff. Am Sonntagmorgen um sieben Uhr explodiert sie: „Es hat ausgesehen, wie das Ende der Welt.“

Für seine Arbeit erhält Arenas 14 000 Dollar. Und Pablo Escobar weiß nun sicher, dass er den Mann gefunden hat, den er gesucht hatte. Für Arenas beginnt nicht erst hier eine Zeit, auf die er heute nur ungern zurückblickt. Aber es ist eine weitere Phase seines Lebens, die er bedauert. Er weiß, welche Rolle er damals spielte: „Ich war ein Instrument für die Gewalt in Kolumbien.“

Seine Karriere als Bombenleger von Pablo Escobar endete später in einer Festnahme: „Wenn ich heute zurückschaue, merke ich, dass Gott eine Absicht hatte“, sagt Arenas, wenn er von diesem Tag erzählt. Wieder geht es um eine Autobombe. Wieder um einen Auftrag von Escobar. Doch diesmal lässt ihn sein Fluchtfahrer zurück. Arenas ist auf sich allein gestellt – und wird festgenommen. Drei Tage lang, erzählt er, wird er gefoltert. Man schlägt ihm die Zähne aus, verbrennt seinen Rücken mit Säure und zieht ihm die Fingernägel. Manche Dinge sind zu grausam, um sie zu erzählen.

Dann erscheint ein anderer Gefangener. In seiner Hand hält er zwei Stoffumschläge mit Geld. Der Mann besticht die Folterer, damit Arenas nicht weiter gequält wird. Tatsächlich kommen sogar Krankenschwestern und kümmern sich um ihn. Er erhält Kleidung und wird a nschließend sogar ins Gefängnis gebracht. Doch hier wartet bereits die nächste Gefahr. Auf Arenas ist ein Kopfgeld ausgesetzt. Dabei erholt sich sein Körper noch immer von dem Grauen der letzten Tage: Seine linke Hand und sein linker Fuß funktionieren nach der Folter nicht mehr richtig. Trotzdem sagt er: „Ich kam, um zu kämpfen, obwohl es mir nicht gut ging.“

Er schafft es, die Kontrolle über den Innenhof zu gewinnen. Von außen erreicht ihn genug Geld, um auch hinter Gittern Macht auszuüben. Er bannt die Gefahren, lässt keinen Zweifel an seinem Einfluss.

Als Gefängnishelfer das erste Mal mit Bibeln kommen, lässt Arenas die Bücher stehlen. Mit Gott will er nichts zu tun haben. Noch nicht, doch es dauert nicht mehr lange, bis ein Moment sein Leben verändert.

Er erhält eine Kassette seines Vaters

Immer wieder kommen Menschen ins Gefängnis, die vom christlichen Glauben erzählen. Arenas interessiert sich nicht dafür, er weist sie zurück und stößt den Glauben von sich.

Dann stirbt sein Vater. Arenas glaubt, er sei an der Last zerbrochen, seinen Sohn im Gefängnis zu wissen. Vor seinem Tod nimmt der Vater eine Kassette für ihn auf. Darauf hört Arenas seine Stimme: „Sohn, wo bist du? Ich vermisse dich.“

Sein Vater sagt, er wolle ihm noch einmal in die Augen schauen. Er wolle sich mit ihm versöhnen. Während Arenas‘ Abwesenheit war sein Vater selbst zum Glauben gekommen. Für den Sohn wird diese letzte Tonaufnahme zu einem Anstoß. Denn Arenas glaubt zu diesem Zeitpunkt, dass der Rest seines Lebens bereits feststeht: 128 Jahre Haft sollen es sein. Es sei die höchste Gefängnisstrafe, die in Kolumbien je ausgesprochen worden war. Er steht in seiner Wahrnehmung am Ende seines Lebens. Und beginnt über einen Gott nachzudenken, den er zuvor abgelehnt hatte: „Ich wusste damals nicht, dass Gott mich so sehr liebte, dass er seinen Sohn für mich gegeben hat, um mich zu verändern.“

Eine Nacht formte einen neuen Menschen

Arenas beschreibt sich selbst als einen Mann, der von Hass zerfressen war. Er hasste Christen, auch wegen der angeblichen Gläubigen, deren Leben in seinen Augen nicht zu ihren Werten passte.

Als Arenas 32 Jahre alt ist, will er sich das Leben nehmen. Gegen Mitternacht will er sich erhängen. Doch bevor er es tut, spricht er zu dem Gott, von dessen Existenz er nicht überzeugt ist: „Wenn es dich gibt, du Gott dieser verrückten Hallelujahs. Wenn du mich verändern kannst, dann verändere mich.“ Was ihn beinahe in den Tod getrieben hätte , sagt Arenas heute, sei in diesem Moment nicht die Länge seiner Gefängnisstrafe gewesen. Es sei das gewesen, „was er im Herzen trug“. Der Hass. Die Gewalt. Die Freude daran, Blut fließen zu sehen.

Während er also einsam in seiner Zelle auf den Tod wartete, geschieht innerhalb weniger Stunden etwas, das er sich bis heute nur durch seinen Glauben erklären kann: „Um zwei Uhr morgens war ich eine andere Person.“

Die Bindung an Drogen und Gewalt sei verschwunden. Gott habe sie für ihn gebrochen. Zum ersten Mal habe er einen Frieden gespürt, den er vorher nicht gekannt habe.

Vom nächsten Morgen an lebte der veränderte Arenas ein Leben, das nun wirklich sein „Neues“ werden sollte. Die Confraternidad Carcelaria de Colombia begleitet ihn während dieser Veränderung. Das ist eine Organisation, die seit mehreren Jahrzehnten in den Gefängnissen von Kolumbien arbeitet und sich gegen die Folgen des langjährigen Bürgerkrieges einsetzt, um Frieden zu schaffen.

Aus 128 Jahren werden zehneinhalb

Arenas beginnt in dieser Zeit und mit seinem gefundenen Glauben, für seine Freiheit zu beten. Tatsächlich verändert sich seine Haftstrafe. Aus 128 Jahren werden 35. Später wird die Haftstrafe auf 16 Jahre verkürzt. Nach zehneinhalb Jahren hinter Gittern kommt Arenas schließlich frei. Die Confraternidad Carcelaria de Colombia begleitet ihn während dieser Zeit. Doch seine Verbindung zu der Organisation und auch zu dem Gefängnis endet mit seiner Entlassung nicht. Im Gegenteil.

Heute hat Arenas eine Leitungsfunktion bei der Organisation inne. Einen großen Teil seiner Zeit verbringt er weiterhin in Gefängnissen. Nicht mehr als Insasse, sondern als jemand, der anderen von seiner eigenen Geschichte erzählt. Seit mehr als 35 Jahren versucht er, Gefangene auf ihrem Weg zum Glauben zu begleiten und ihnen dabei zu helfen, die Gewalt hinter sich zu lassen: „Ich gebe Zeugnis von der Kraft Gottes. Das, was er mit mir gemacht hat, kann er auch noch mit vielen anderen machen.“

Der 71-Jährige erzählt von den Gefängnissen, von Männern, deren Biografien Teile seiner eigenen Vergangenheit spiegeln. Er ist zu einem Teil des Guten geworden, sieht sich selbst auf „Jesus Seite“: „Wir sind die Personen, die Gott benutzt, um das Leben anderer zu verändern“, erzählt er über seine ehrenamtliche Arbeit.

Dorthin, wo Arenas einst Macht ausübte, Gewalt kannte und Bibeln stehlen ließ, kehrt er heute also freiwillig zurück. Gerne erinnert er sich trotzdem nicht an seine Vergangenheit. Doch gerade deshalb erzählt er sie. Er möchte zeigen, was der Glaube in seinen Augen bewirken kann – und was Menschen verändern können, die sich in den kolumbianischen Gefängnissen engagieren: „Viele von uns durften so Jesus kennenlernen und dürfen jetzt auf seiner Seite stehen.“

Arenas sagt, die Confraternidad Carcelaria de Colombia ermögliche Menschen mit gewalttätiger Vergangenheit einen neuen Anfang. Auch in den Gefängnissen habe sich dadurch vieles verändert. Trotzdem bleibt seine eigene Geschichte für ihn eine schwere Last: „Mein Leben ist traurig und ich möchte mich eigentlich gar nicht daran erinnern.“

Vor kurzem wurde in Kolumbien eine neue Regierung eingesetzt. Arenas beschreibt den politischen Wechsel als einen Übergang von einer extrem linken zu einer extrem rechten Regierung. Er betet dafür, dass die Gefängnisarbeit auch unter den neuen politischen Bedingungen weiter möglich bleibt. Welche Auswirkungen der Regierungswechsel konkret auf die Arbeit haben könnte, kann er noch nicht sagen. Aber dass diese Arbeit Menschen verändern kann, daran hat Arenas keinen Zweifel – deshalb sei es so wichtig, sie aufrechtzuerhalten. E r glaubt, dass selbst hinter den dicksten Gefängnismauern ein anderes Leben begonnen werden kann.

Die Confraternidad Carcelaria de Colombia

Der Verein Seehaus e. V. und die Organisation Coworkers aus Baden-Württemberg arbeiten eng mit der Confraternidad Carcelaria de Colombia, Prison Fellowship Kolumbien, zusammen. Sie sind Teil des internationalen Netzwerks Prison Fellowship International und engagieren sich für die Resozialisierung von Gefangenen, die Versöhnung zwischen Opfern und Tätern sowie die Unterstützung von Inhaftierten und ihren Familien. Ein wichtiger Ansatz dabei ist die Restorative Justice, die darauf abzielt, Verantwortung zu übernehmen, entstandenes Unrecht aufzuarbeiten und Wege in ein gewaltfreies Leben zu eröffnen.

Die Confraternidad Carcelaria de Colombia setzt diese Arbeit direkt in kolumbianischen Gefängnissen um. Über die Hoffnungsträger Stiftung werden unter anderem Versöhnungsprojekte sowie soziale, landwirtschaftliche und ökologische Initiativen wie Aufforstungsmaßnahmen unterstützt. Coworkers ergänzt die Zusammenarbeit, indem Fachkräfte und Freiwillige zu lokalen christlichen Partnerorganisationen wie Prison Fellowship Kolumbien entsandt werden. Dort arbeiten sie unter der Leitung der jeweiligen Partnerorganisation.

Auch Arenas ist im Rahmen dieser Organisation in kolumbianischen Gefängnissen tätig und übernimmt dabei eine leitende Funktion. Zuletzt war er zu Besuch in Deutschland, wo er unter anderem das Seehaus in Leonberg sowie Coworkers in Stuttgart besuchte.

Nutzen Sie die Vorteile unseres

Premium-Abos. Lesen Sie alle Artikel aus Print und Online für

0 € 4 Wochen / danach 219 € jährlich Nachrichten aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung in Baden-Württemberg Jetzt abonnieren

Lesen Sie auch