Themen des Artikels
Um Themen abonnieren und Artikel speichern zu können, benötigen Sie ein Staatsanzeiger-Abonnement.Meine Account-Präferenzen
Bürgermeisterinnen berichten von Hürden im Amt

Bürgermeisterinnen in Baden-Württemberg sehen sich im Wahlkampf wie auch im Alltag immer wieder mit Diskriminierung konfrontiert.
KI-generiert mit ChatGPT, Prompt: pkw)Ludwigsburg. „Frau, jung, unverheiratet – eine Schande für die Stadt.“ Diesen Satz bekam eine Bürgermeisterkandidatin im Wahlkampf zu hören. Solche Erfahrungen sind kein Einzelfall. Für ihre Bachelorarbeit an der Verwaltungshochschule in Ludwigsburg hat Nadine Schmid untersucht, welchen Herausforderungen Bürgermeisterinnen in Baden-Württemberg begegnen – im Wahlkampf und im Amt.
43 Prozent berichteten von Diskriminierung
Die 24-Jährige schrieb alle zum Stichtag Ende 2024 amtierenden Bürgermeisterinnen im Land an. 53 von 104 nahmen an der Befragung teil. Das Bild, das sie zeichneten, ist deutlich: 43 Prozent der Kandidatinnen berichteten von geschlechtsbezogener Diskriminierung im Wahlkampf. Häufig wurden ihre fachliche Kompetenz und Belastbarkeit infrage gestellt. 61 Prozent der Betroffenen mussten sich Fragen zur Familienplanung gefallen lassen – ein Thema, das männliche Bewerber kaum betrifft. 21 Prozent berichteten von offen sexistischen Kommentaren wie „Eine Frau gehört an den Herd“.
Auch im Amt setzt sich das fort. 36 Prozent der befragten Bürgermeisterinnen gaben an, Diskriminierung zu erleben – vor allem durch ältere Bürger, teils aber auch innerhalb der Verwaltung. Viele schilderten, nicht ernst genommen oder in Entscheidungsprozessen übergangen zu werden. Zudem würden ihre Fehler strenger bewertet als die männlicher Kollegen. Einzelne berichteten sogar von sexuellen Übergriffen oder frauenfeindlichen Gerüchten.
Für Schmid war das Thema naheliegend. Schon als Kind wollte sie Bürgermeisterin werden. Im privaten Umfeld sei ihr jedoch immer wieder begegnet: Karriere und Familie – beides zusammen sei schwierig. Mit ihrer Bachelorarbeit wollte sie wissen, wie es um die Gleichstellung im Spitzenamt einer kommunalen Verwaltung tatsächlich steht. Die Offenheit der Teilnehmerinnen habe sie beeindruckt, sagt Schmid. Viele wünschten sich vor allem eines: dass es nichts Besonderes mehr ist, wenn eine Frau Bürgermeisterin ist. „Die Frauen wollen keine Sonderbehandlung“, fasst sie zusammen. Doch gesellschaftliche Rollenbilder seien weiterhin tief verankert und prägten den Amtsalltag der Rathauschefinnen noch immer.
Die Unterstützung des Partners ist entscheidend
Gleichzeitig schilderten die Bürgermeisterinnen auch positive Erfahrungen. Manche berichteten, in Verhandlungen unterschätzt zu werden – und genau das strategisch zu nutzen. Andere würden als zugänglicher wahrgenommen und führten nach eigener Einschätzung oft empathischere Gespräche mit Bürgerinnen, Bürgern und Mitarbeitenden.
Überraschend positiv fiel die Bewertung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus: 57 Prozent bezeichneten sie als gut oder sehr gut – trotz hoher zeitlicher Belastung. Entscheidend sei aber meist die Unterstützung des Partners. In vielen Fällen übernähmen diese einen Großteil der Care-Arbeit oder reduzierten ihre Erwerbstätigkeit. Problematisch bleibe jedoch die Erwartung ständiger Präsenz im Ort. Elternzeit halten viele für kaum realisierbar; mehr als acht Wochen Abwesenheit seien in der Praxis selten möglich.
An ihrem eigenen Berufsziel hält sie fest
Schmid zieht ein gemischtes Fazit: Trotz positiver Entwicklungen und individueller Erfolgsgeschichten stehen Bürgermeisterinnen noch immer vor geschlechtsspezifischen Hürden – von Diskriminierung im Wahlkampf bis zu Rollenkonflikten im Amt. Die Vereinbarkeit von Amt und Familie gelinge oft nur durch private Unterstützung.
Rund elf Prozent Frauen im Bürgermeisteramt gibt es in Baden-Württemberg: Damit es mehr werden, bräuchte es politische und gesellschaftliche Initiativen. Diese müssen aber durch einen grundlegenden Wandel der Erwartungshaltungen begleitet werden, betont Schmid.
An ihrem eigenen Berufsziel hält sie fest. Nach dem Studium beginnt sie als Ordnungs- und Sozialamtsleiterin. Sie will zuerst Erfahrungen sammeln und Verantwortung übernehmen – und irgendwann selbst als Rathauschefin kandidieren.
Eine Kampagnenseite „Bürgermeisterin werden“ zum Thema finden Sie hier.
Sprüche gegenüber Frauen im Wahlkampf:
„Viele ältere Männer haben mir gesagt, dass sie mich lieber vor der Aufgabe schützen möchten und deshalb nicht wählen.“
„Bei einem Wahlstand hat ein Mann zu mir gesagt: Frau, jung, unverheiratet – eine Schande für die Stadt.“
„Respektlosigkeit, was sich die Personen bei einem Mann eher nicht geleistet hätten.“
„Trotz gleichem Studium und ähnlicher Vita musste ich mich immer erklären, warum ich meine, dem Amt gewachsen zu sein. Bei meinem Mitbewerber hat das nie jemand in Frage gestellt. ‚Was machen Sie, wenn Sie Kinder bekommen’…wurde auch nur ich gefragt.“
„Ich wurde indirekt darauf angesprochen, warum ich noch nie verheiratet war und keine Kinder habe. Sprich: Sind sie lesbisch?“
„Frauenspezifische Fragen, ob diese ein Bierfass anstechen kann bis zu ‚Ich wähle generell keine Frauen‘ und die Frage, was passiert, wenn ein zweites Kind kommen würde.“
„Im Wahlkampf wurde ich immer wieder auf die Betreuung unserer Tochter (3 Jahre) angesprochen. Der Vater scheint nicht genug zu sein. Ich musste immer wieder betonen, dass auch die Schwiegermutter hilft. Bei der öffentlichen Kandidatenvorstellung wurde bei der Fragerunde aus dem Publikum von einem Bürger gesagt: ‚Ich würde es nicht wollen, dass eine Mutter mit so einem kleinen Kind so viel arbeitet‘. In diesem Moment hat der Moderator nicht reagiert und ich musste alleine darauf antworten. Das war vom Gefühl her wie ein ‚Schlag in die Magengrube‘.“
Sprüche gegenüber Bürgermeisterinnen während der Amtszeit:
„Manchmal wird man von älteren Männern direkt geduzt. Einmal wurde ich nach einer Hauptversammlung eines Vereins von einem älteren Herrn angesprochen mit ‚Jetzt muss ich mal zu meinem Bürgermeister-Mädchen hinsitzen‘ und wurde direkt geduzt.“
„Ansagen/Vorgaben werden ohne Rücksprache nicht umgesetzt. Zum Teil unterließ es z.B. der Hauptamtsleiter mich im Vorfeld von Gemeinderatssitzungen über eine bestimmte Sachlage in Kenntnis zu setzen, mit der Folge, dass man in der Sitzung ‚bloßgestellt‘ wird. Neue Ideen/Vorschläge werden regelmäßig abgeblockt. Veränderungen werden zu den anderen Mitarbeitern als negativ und schlecht kommuniziert.“
„Sexuelle Übergriffe durch Verwaltungskollegen – Fragen nach Unterwäsche und Körbchengröße – bei der Kandidatur ‚was, eine Frau?‘, ‚wir brauchen kein abgehalftertes Weib‘, … – Streuen von Gerüchten über die Treue meines Ehegatten und meine angeblichen Verhältnisse mit Untergebenen.“