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Die „wilde Wahl“ in Limbach lockt Spontan-Bewerber an

Der Gemeinderat in Limbach ruft dazu auf, für Bürgermeister Thorsten Weber (rechts) zu stimmen – obwohl dieser eigentlich seinen Rückzug angekündigt hatte.
Rudolf / Collage: Stapelfeldt)Limbach. Keine Plakate hängen an Laternen, kein Wahlstand weit und breit. Limbach wählt den Bürgermeister – und doch wirkt Mitte Januar alles so, als stünde nichts an. Bis zum Ende der Bewerbungsfrist am 5. Januar hat sich kein Kandidat gemeldet. Kein Verwaltungsprofi, kein Quereinsteiger. Stattdessen steht auf dem Stimmzettel nur eine leere Zeile.
Die 4500-Einwohner-Gemeinde steuert auf eine „wilde Wahl“ zu – eine Besonderheit, die es in den vergangenen Jahren landesweit nur dreimal gab, jeweils in kleinen Orten ohne hauptamtlichen Rathauschef.
33 Interessenten haben sich gemeldet
Im Rathaus sitzt Thorsten Weber (parteilos) an seinem Schreibtisch und telefoniert. Wieder. Der amtierende Bürgermeister erklärt geduldig das Verfahren, spricht über Wählbarkeit, Unterstützungsunterschriften und Fristen. 33 Interessenten haben sich nach den Presseberichten gemeldet – viele nur inoffiziell. Die meisten mussten erst einmal verstehen, wie man sich für den Posten des Bürgermeisters bewirbt und warum das nach Ablauf der Frist nicht mehr möglich ist.
Weber wollte es eigentlich nicht mehr sein. Nach Jahrzehnten im öffentlichen Dienst, zuletzt als Beigeordneter in der Nachbarstadt Buchen , hatte der 60-Jährige seinen Rückzug angekündigt. Vor acht Jahren gewann er die Wahl noch gegen zwei weitere Bewerber, beide vom Fach – heute steht da niemand. Und genau das beunruhigt viele in Limbach. Ohne offiziellen Kandidaten wächst die Sorge vor Glücksrittern, die durch die Medien aufmerksam wurden und nun dafür werben, dass die Bürger ihren Namen in die freie Zeile schreiben. Bürgermeister kann werden, wer wählbar ist – Erfahrung ist keine Voraussetzung.
Der Gemeinderat will die wilde Wahl etwas zügeln. Alle Fraktionen und Gruppierungen rufen dazu auf, „Bürgermeister Thorsten Weber“ auf den Stimmzettel zu schreiben, heißt es in einem Appell im Amtsblatt. Sachkunde, Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein – all das habe Weber bewiesen. Er habe erfolgreich und sehr engagiert gearbeitet und werde „gebeten und aufgefordert“, die Wahl im Falle eines Sieges anzunehmen. Denn zu einem Bürgermeister „gehöre auch die ernsthafte Vorbereitung auf das Amt und die entsprechende Teilnahme am vorgegebenen Bewerbungsverfahren“, betonen die Räte.
Seit Freitag ist die absolute Kandidatenlosigkeit Geschichte
Für Klaus Brauch-Dylla kam es überraschend, dass Weber nicht für eine zweite Amtszeit antreten wollte. Der Gemeinderat des Grünen Arbeitskreises in Limbach hat von zwei ernstzunehmenden Kandidaten im Vorfeld gehört, die aber abgesprungen seien. Weber habe das Amt „120-prozentig“ geführt, habe die Infrastruktur weiterentwickelt und die Schule für den Ganztagsbetrieb ertüchtigt. Die Zusammenarbeit im Gremium beschreibt Brauch-Dylla als von Konsens geprägt.
Seit Freitag ist die absolute Kandidatenlosigkeit Geschichte und der Wahlkampf nimmt doch noch Fahrt auf. Giovanni Deriu, 54 Jahre, hat sich ins Spiel gebracht – spontan, nach Hinweisen von Bekannten und Berichten über Limbach. Der Diplom-Sozialpädagoge aus Michelfeld (Kreis Schwäbisch Hall) wirbt per Anzeige im Amtsblatt für sich: „Sie dürfen meinen Namen bei der Nachwahl verwenden. Ich stehe bereit.“
Deriu hat internationale Erfahrung gesammelt, mit Stationen in „Asien und Afghanistan“, sowie als Integrationsbeauftragter eng mit Bürgermeistern zusammengearbeitet. Derzeit ist er Lehrer. Was in seiner Anzeige fehlt, ist seine publizistische Tätigkeit für das rechtskonservative Medium „Tichys Einblick“. Gewinnt er, würde er dort nicht mehr schreiben und selbstverständlich nach Limbach ziehen, erklärt er.
Deriu zeigt Respekt für Weber – wundert sich aber über das politische Umfeld. Warum hat man keinen Kandidaten aufgebaut? Warum wirbt man für jemanden, der gar nicht mehr will? Den Appell des Gemeinderats liest er als Absicherung. „Man weiß ja nicht, wer da alles kommt.“ In Limbach möchte Deriu die Anbindung an den ÖPNV verbessern und die Finanzen stabilisieren.
Und ein weiterer Kandidat hat Flyer verteilt. Im Netz kursieren zudem die Bewerbungsvideos von Leon Staab. Der 30-Jährige hat mit seiner Frau ein Therapiezentrum gegründet und will den Ort familienfreundlich weiterentwickeln. Mittlerweile gibt es auch zwei Anfragen für Plakatierungen.
Macht Weber doch weiter?
Weber lächelt hinter seinem Schreibtisch im Rathaus. Er habe seinen Entschluss früh kommuniziert, sagt er, und immer wieder auf die Wahl hingewiesen. Gründe für den Rückzug nennt er einige: überbordende Bürokratie mit nicht immer nachvollziehbaren Entscheidungen, zähe Förderanträge, vor allem beim Ausbau der Grundschule für die Ganztagsbetreuung. Auch sei der Ton einzelner Personen rauer geworden. Als Beispiel nennt er einen anonymen Anrufer, der eine sofortige Räumung der Straßen einforderte, nachdem es geschneit hatte.
Warum sich trotzdem niemand offiziell beworben hat, versteht er selbst nicht ganz. Sieben Ortsteile, sieben Ortschaftsräte – das sei anspruchsvoll, ja. „Die muss man das Jahr über bespielen“, sagt Weber. Er habe das gern gemacht. Nicht selten habe seine Arbeitswoche bis zu 70 Stunden gehabt. Die Finanzlage ist zwar wie in vielen anderen Kommunen sehr angespannt, aber nicht desaströs.
Wird er es doch noch einmal machen, wenn die Bürger seinen Namen mehrheitlich auf den Zettel schreiben? „Ich weiß die Antwort“, sagt er und lacht. „Aber als Vorsitzender des Gemeindewahlausschusses halte ich mich bei solchen Fragen oder bei Fragen zu anderen Bewerbenden komplett zurück und werde sie somit natürlich nicht sagen“, begründet er sein Schweigen vor der wilden Wahl in Limbach.
Drei wilde Wahlen
Im Schnitt bewarben sich in den vergangenen acht Jahren etwa 2,9 Personen bei einer Bürgermeisterwahl. Bei über einem Viertel der Wahlen bewarb sich nur eine einzige Person und zweimal trat sogar niemand zur Wahl an: in Tunau 2017 und in Schönenberg 2018 (beide Landkreis Lörrach ). Aktuell gibt es in der 750-Einwohner-Gemeinde Setzingen (Alb-Donau-Kreis) keinen einzigen Bewerber – die Frist endete am Montag. In etwas mehr als der Hälfte der Wahlen trat der Amtsinhaber erneut an und in 87,3 Prozent gewannen diese. 75 Amtsinhaber wurden nicht wiedergewählt.