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Krise im Rathaus

In Appenweier ist mit Streit wohl noch längst nicht Schluss

Schwere Vorwürfe, ein Appell des Landrats und Gemeinderäte auf der einen sowie ein Bürgermeister auf der anderen Seite, die sich nichts mehr schenken. Appenweier erlebt eine tiefe Krise der Kommunalpolitik, die wahrscheinlich noch länger anhält.
Lächelnder Mann im Anzug vor unscharfem Hintergrund.

Bürgermeister Viktor Lorenz musste sich gegen zahlreiche Vorwürfe wehren. Zuletzt entlastete ihn das Offenburger Landratsamt, aber auch nur teilweise.

Susanne Huber)

Appenweier. Festzelte werden an der Hauptstraße aufgebaut, wo das närrische Treiben stattfindet, Fetzengirlanden flattern im Wind. Appenweier, eine gut 10 000-Seelen-Gemeinde nördlich von Offenburg, bereitet sich auf die Fasnet vor. Eine Handvoll Narren, wohl vom Altweiberball am Vorabend übrig geblieben, versuchen auf dem Gehweg eine gerade Linie zu halten. Alles typisch kurz vor den tollen Tagen, bei denen sicher ein Thema die Büttenreden beherrschen wird: Die zerrüttete Kommunalpolitik.

Seit Monaten schwelt ein Streit zwischen dem Bürgermeister Viktor Lorenz und dem Gemeinderat, der zuletzt auf offener Bühne ausgetragen wurde. Vergangenen September hatten die Räte einmütig den Rücktritt des Bürgermeisters verlangt und eine ellenlange Liste von Vorwürfen veröffentlicht, nun hat sich das Landratsamt dazu geäußert.

Offizier und Rathauschef

Der 39-jährige Lorenz stammt aus Appenweier und war zuletzt als Hauptmann bei der Bundeswehr als Controller eingesetzt, bevor er Anfang 2024 im ersten Wahlgang zum Bürgermeister gewählt wurde. Seither sind die Gemeinderäte mit der Arbeit des parteilosen Rathauschefs unzufrieden. Sie kritisieren seinen Führungsstil, der Mitarbeiter zu anderen Arbeitgebern oder in den dauernden Krankenstand treibe. Die Verwaltungsarbeit sei in Gefahr.

Außerdem sei er alkoholisiert nicht nur bei Fastnachtveranstaltungen aufgefallen und habe Mitarbeiter herabgewürdigt. Ärger um sein Interesse an einem Grundstück, über das er vor dem Baugebietsbeschluss mit dem Eigentümer verhandelt haben soll, ist längst nicht der Schlusspunkt in der Liste der Vorwürfe.

Der Gemeinderat beschwerte sich beim Landratsamt

Dienstaufsichtsbeschwerden gingen an das Landratsamt Offenburg, Strafanzeigen erreichten die örtliche Staatsanwaltschaft. Medial ging die Sache aber im Januar 2026 durch die Decke , als ein Gemeinderat sich nach dem Verbleib von 50 Flaschen Whiskey erkundigte, die im Rathaus als Präsentvorrat gelagert wurden. Vier seien verschenkt worden, die restlichen Flaschen wollte Lorenz den Räten allerdings nicht präsentieren, weil er dazu nicht verpflichtet sei.

Schon stand der Verdacht im Raum, Lorenz habe die Flaschen unterschlagen, wieder ermittelte die Staatsanwaltschaft und die Bild-Zeitung schwadronierte vom „Whisky-Bürgermeister“. Zusätzlich suchten die drei Bürgermeisterstellvertreter mit dem Verein „Mehr Demokratie“ die Öffentlichkeit und exerzierten anhand der Appenweierer Verhältnisse die Notwendigkeit, dass Bürgermeister in Baden-Württemberg abgewählt werden können.

Vertrauen ins Amt nicht beschädigen

Das Landratsamt des Ortenaukreises wollte dem Treiben ein Ende setzen: Die Alkoholausfälle brachten Lorenz eine Ermahnung ein. Die Offenburger Behörde zieht aus den teils übereinstimmenden Zeugenaussagen den Schluss: „Ein Bürgermeister muss bei öffentlichen Anlässen so auftreten, dass das Vertrauen in das Amt nicht beschädigt wird.“

Die Flaschen Schwarzwälder Whiskey waren nach den Ermittlungen der Dienstaufsicht vorhanden, bis auf die verschenkten Flaschen und fünf weitere Gebinde, deren Schwund nicht mehr aufklärbar ist. Nun liegen die Geschenke in einem verschlossenen Schrank, dessen Entnahme müsse lückenlos dokumentiert werden. Weitere Vorwürfe, etwa zum Grundstückskauf, ließen sich nicht erhärten. Unterdessen hat auch die Staatsanwaltschaft alle Ermittlungen eingestellt.

Appell des Landrats

Landrat Thorsten Erny (CDU), einst selbst Bürgermeister in Gengenbach, mahnte per Pressemitteilung die Kontrahenten: „Persönliche Befindlichkeiten haben zurückzustehen. Appenweier darf in dieser Phase nicht weiter beschädigt werden, weder in seiner Handlungsfähigkeit noch in seinem Ansehen“. Gemeinderäte dürften da bitter auflachen.

Wendelin Huschle sitzt für die CDU im Gremium und ist einer der drei Bürgermeisterstellvertreter, die sich öffentlich gegen den Rathauschef positioniert haben. Für ihn ist klar, dass der Landrat hier nur Ruhe reinbringen wollte. Doch damit ändere sich nicht das Verhalten des Bürgermeisters, mit dem schon eine Mediation gescheitert sei. Huschle betont: „Ich habe kein Vertrauen mehr in die Arbeit von Bürgermeister Viktor Lorenz.“

Kein Vertrauen mehr in Lorenz

Dem schließt sich der zweite Bürgermeisterstellvertreter, Matthias Schöttler, an. Der Freie Wähler-Rat hat das Gefühl, der Bürgermeister sehe den Rat als Gegner. Außerdem habe das Landratsamt noch längst nicht alle Vorwürfe geprüft, die vom Gemeinderat gekommen sind. So hatten die Räte just am Tag der Rücktrittsforderung die Hauptsatzung geändert und Lorenz einen minimalen Verfügungsrahmen von 5000 Euro eingeräumt und ihm die selbstständige Einstellung nur bis zur TVöD-Gehaltsklasse fünf erlaubt. Laut Schöttler gab es deshalb Streit um eine Personalentscheidung. Keine Auskunft gibt es dazu vom Landratsamt, Ergebnisse werden den Betroffenen mitgeteilt.

Die dauernden Vorwürfe sollen aufhören, fordert Viktor Lorenz. Der Bürgermeister sitzt in seinem Büro, in dessen Mitte ein restauriertes Kreidler-Moped steht, Lorenz ist Fan der alten Zweitakter. Der Bürgermeister fühlt sich ungerecht behandelt. Immer wieder fallen die Vorwürfe, dass es um die Befindlichkeiten der Räte gehe und dass sie ihm Knüppel zwischen die Beine schmeißen.

Bürgermeister spricht von Narrativen und Rädelsführern

Angefangen habe es mit einer Dienstvereinbarung über die Arbeitszeit, die an der Personalvertretung und den Räten gescheitert sei. Über die Vorwürfe zu seiner Personalführung will er nicht sprechen, Datenschutz. Die Sache mit dem Alkohol in der Öffentlichkeit stellt er als feuchtfröhliche Angelegenheit dar, die fragliche Rathausstürmung sei aber gelungen gewesen. Klar nimmt Lorenz den Fingerzeig aus Offenburg zur Kenntnis und will sich fortan zurückhalten. Zur Fastnacht geht er weiterhin, wenn die Zeit es zulasse.

Sein Verhalten in der „Wiskey-Affäre“ erklärt er so: In der Öffentlichkeit sei er schon hochgenommen worden, weil er die Kopierer im Rathaus zum Abgleich mit einem Leasingvertrag gezählt habe. Warum sollte er dann noch die Zahl der Whiskey-Flaschen nachweisen? Der Bürgermeister spricht von Narrativen, von Presseberichten, die ihn in die Enge treiben, von Intrigen, von Rädelsführern im Gemeinderat: „Man muss doch mal das Ergebnis der Dienstaufsichtsbeschwerde akzeptieren.“

Schlechte Zeichen für die Zukunft

Wie soll es nun weitergehen in diesem Streit? Lorenz setzt auf die Sacharbeit, die über die restlichen sechs Jahre der Amtszeit die Kommunalpolitik tragen soll. Das stellt auch Stellvertreter Huschle in den Mittelpunkt: Die Sacharbeit werde man im Gemeinderat professionell angehen. Wie weit das aber mit der Sacharbeit geht, wie das mit der Kontrolle und dem Vertrauen aussieht, darüber dürften unterschiedliche Meinungen vorherrschen. Der Streit in Appenweier wird die Fastnachtsnarren, und nicht nur die, wohl noch über eine längere Zeit beschäftigen.

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