Themen des Artikels

Um Themen abonnieren und Artikel speichern zu können, benötigen Sie ein Staatsanzeiger-Abonnement.Meine Account-Präferenzen

Interview  

Landrat Schnaudigel: „Windkraft ist de facto eine optische Beeinträchtigung“

Warum ist ein Landrat auf Instagram unterwegs? Und wie verändert sich die Arbeit im neuen Landratsamt? Im Interview benennt Landrat Christoph Schnaudigel (CDU) außerdem den Klärungsbedarf beim Ausbau der Windkraft im Kreis Karlsruhe.
Eine Person mit Brille steht vor einer weißen Wand.

Christoph Schnaudigel steht seit 2007 an der Spitze des Landkreises Karlsruhe.

Andrea Fabry)

Staatsanzeiger: Es gibt wenige Landräte, die auf Social Media aktiv sind. Sie schon. Warum?

Christoph Schnaudigel: Weil sonst niemand mehr über uns berichtet. Die lokale Presse hat sich – zu meinem großen Bedauern – aus der kommunalen Berichterstattung weitgehend verabschiedet. Wenn ich vom Hund gebissen werde oder ein Hund beiße, komme ich sicher vor. Aber über das alltägliche Geschäft – was macht ein Gemeinderat, was macht ein Bürgermeister, was wird im Gemeinderat oder im Kreistag diskutiert – wird kaum noch berichtet. Das hat sich in meinen 18 Jahren im Amt rapide verändert.

Sie haben auf Instagram 1700 Follower. Reicht Ihnen das?

Ich bediene mit Social Media meine Klientel: die kommunalpolitisch Interessierten. Ich habe nicht die Followerzahlen eines Sportlers, aber in dieser überschaubaren Öffentlichkeit ist die Resonanz gut. Die Leute sehen, was der Landrat tagtäglich macht und was der Kreistag entscheidet. Es gibt Themen, die sehr auf den Landrat fokussiert sind – gerade das Politische ist nicht immer „Landratsamt“. Mal wird es getrennt, mal ist es persönlicher, aber immer mit Bezug zur Sache.

Müssten mehr Landräte über ihre Arbeit berichten?

Das ist ein schleichender Prozess. Ich bin zwar schon etwas älter, war aber immer digital affin und deshalb offen dafür. Aber die Jüngeren machen das zunehmend. Das kommt mit der Zeit – auch, weil die klassische Berichterstattung weniger wird.

Machen die Kommunen den Medien Konkurrenz?

Um zu wissen, welche Themen uns beschäftigen, braucht man keine Tageszeitung mehr zu lesen – insofern sind wir Konkurrenz. Trotzdem können wir Journalismus nicht ersetzen – Öffentlichkeitsarbeit ist kein Journalismus. Wir hinterfragen uns nicht kritisch, wir kommentieren uns nicht. Das ist Aufgabe der Medien. Es wäre besser, wenn jemand mit einem anderen, auch kritischen Blick über uns berichten würde, im Sinne der Meinungsvielfalt.

Auf Social Media informieren Sie auch über den Neubau des Landratsamts. Sie haben die Entscheidung in Zeiten voller Kassen getroffen. Wie sehen Sie das Projekt heute?

Das musste sein, weil die Lösung schon damals – und damals waren die Kassen auch nicht voll – die wirtschaftlichste Wahl war. Das Grundstück gehört uns. Wir bauen für andere mit oder mit anderen zusammen, beispielsweise mit dem Gemeindetag, und haben dadurch auch Finanzierungen. Das hat den Kreistag überzeugt.

Der Landkreis Karlsruhe will bis 2035 klimaneutral sein. Inwieweit fügt sich der Neubau in dieses Ziel ein?

Das alte Gebäude war nicht mehr sanierungsfähig und im Unterhalt sehr teuer, insbesondere bei den Betriebs- und Energiekosten. Das neue Gebäude ist eine Holzhybridbauweise und wird im Grunde energieautark sein. Das passt in unsere Strategie. Ob wir es schaffen, bis 2035 klimaneutral zu sein, ist eine andere Frage.

Wie arbeiten die Mitarbeitenden künftig dort?

Größtenteils gibt es keine festen Arbeitsplätze mehr. Das liegt schon daran, dass wir sehr viele Teilzeitbeschäftigte und eine Homeoffice-Quote haben von 20 Prozent. Auch werden Einzelbüros die Ausnahme sein zu Gunsten von Coworking-Spaces. Das Landratsamt wird vollumfänglich digital sein, wir wollen ein papierloses Büro. Und wir trennen die öffentlich zugänglichen Bereiche von den Backstage-Bereichen. Es ist auch aus Sicherheitsgründen wichtig, weil unsere Kunden nicht immer so zurückhaltend sind, wie früher.

Stichwort klimaneutral. Sie sind Vorsitzender des Verbands Region Karlsruhe. Der Verband hat rund 15 000 Bürgeranfragen zu den Windkraftflächen beantwortet. Ist dies ein Ausdruck einer Skepsis gegenüber Windrädern?

Das gehört dazu. Aber natürlich sehen wir Unterschiede. Wir haben als Verband Region Karlsruhe eine Teilfortschreibung Solarenergie zum Regionalplan gemacht – der ist im September 2025 verabschiedet worden – und jetzt im Dezember 2025 den Teilplan Windenergie. Bei der Solarenergie waren die Einwendungen und Bedenken deutlich geringer als bei der Windenergie. Das zeigt, dass Bürgerinnen und Bürger der Windenergie emotionaler gegenüberstehen, auch weil sie sichtbarer ist. Ich empfinde es aber in unserer Region nicht so, dass es eine breite Bürgerbewegung gegen Windkraft gibt. Im Gegenteil: In Bruchsal gab es einen Bürgerentscheid, der positiv ausging – die Stadt darf ihre Flächen für Windkraftanlagen zur Verfügung stellen. Viele der 15 000 Eingaben sind zudem gleichlautend, etwa Postkartenaktionen von Initiativen. Es sind also bei Weitem nicht 15 000 individuelle Argumente – darunter sind im Übrigen viele zustimmende.

Wie sehen das die Kommunen?

Das Bild ist eher pragmatisch. Natürlich ist nicht jeder Standort, der für Windkraft geeignet wäre, beliebt. Es ist de facto eine optische Beeinträchtigung. Umgekehrt haben wir viele Kommunen, die Windenergie auf ihren Flächen wollen, weil sie damit Einnahmen generieren. Ich glaube allerdings nicht, dass alle Versprechen der Energieerzeuger – etwa zu Pachteinnahmen – am Ende so eingehalten werden. Viele Projekte werden derzeit wieder auf den Prüfstand gestellt. Wir werden sehen, was sich realisieren lässt. Aber das Thema nimmt langsam Fahrt auf.

Welche Konflikte gibt es?

Wenn Sie in den südlichen Teil der Region schauen, haben wir etwa Gernsbach, wo die Gemeinde Windkraft unbedingt will, die Stadt Baden-Baden aber gar nicht und der Denkmalschutz wegen des Weltkulturerbestatus Baden-Badens Bedenken hat. Das Bild ist gemischt und hängt vom Standort ab. Viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister haben erkannt, dass in der Windkraft eine Chance liegt.

Wie ist die Haltung des Verbands zu dem Standort?

Wir konnten die Argumentation des Landes bislang nicht nachvollziehen. Das Land hat uns deutlich zu verstehen gegeben: Wenn wir die Fläche im Plan in der Konzeption belassen, wird es dem Plan widersprechen. Das wollten wir nicht riskieren, deshalb haben wir die Fläche herausgenommen und prüfen das in einem nachgelagerten Verfahren nochmals. Wir als Regionalverband haben uns diplomatisch verhalten, weil wir den Plan für alle anderen – insbesondere die unstrittigen – Flächen brauchen. Wenn wir auf der Gernsbacher Fläche beharrt hätten, hätte das am Ergebnis wenig geändert, aber wir hätten einen Plan gehabt, der insgesamt nicht genehmigungsfähig gewesen wäre. Dann könnten wir in allen anderen Bereichen nicht steuern.

Können dort doch Windräder entstehen?

Es gibt einen bestandskräftigen Flächennutzungsplan der Stadt Gernsbach, sodass es für die Genehmigung der Anlagen in diesem Fall gar nicht auf den Regionalplan ankommt. Wenn der Projektierer dabeibleibt und beim Landratsamt in Rastatt den Genehmigungsantrag einreicht, wird das Landratsamt auch die Haltung des Denkmalschutzes prüfen und man kann unter Umständen die Anlagen immer noch realisieren – es sei denn, mein Kollege in Rastatt bekäme eine Weisung des Landes, das nicht zu genehmigen. Bislang ist das nicht der Fall. Wir waren da als Regionalverband pragmatisch: Wir verhindern die Windkraft in Gernsbach nicht.

Zur Person

Seine Verwaltungslaufbahn begann der promovierte Jurist beim Regierungspräsidium Stuttgart, später wechselte er ins Landratsamt Ludwigsburg. Seit 2007 steht er an der Spitze des Landkreises Karlsruhe; 2015 und 2023 wurde er im Amt bestätigt. Seit 2014 ist er Vorsitzender des Verbands Region Karlsruhe. Zudem vertritt der 63-Jährige die kommunalen Interessen als Vizepräsident des europäischen Verbands der kommunalen Gebietskörperschaften CEMR.

Nutzen Sie die Vorteile unseres

Premium-Abos. Lesen Sie alle Artikel aus Print und Online für

0 € 4 Wochen / danach 219 € jährlich Nachrichten aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung in Baden-Württemberg Jetzt abonnieren

Lesen Sie auch