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Der Kreis Ludwigsburg bündelt die Gefahrenabwehr

Das Katastrophenschutzzentrum in Ludwigsburg wird die Gefahrenabwehr an einem Ort koordinieren.
TRU ARCHITEKTEN (Berlin))Ludwigsburg. Wenn der Strom ausfällt, das Telefonnetz zusammenbricht oder binnen Minuten Hunderte Menschen Hilfe brauchen, dann müssen die Abläufe im Landkreis funktionieren.
Genau an diesem Punkt setzt ein Projekt an, mit dem der Landkreis Ludwigsburg Neuland betritt: Ein Bevölkerungs- und Katastrophenschutzzentrum, das zentrale Schaltstellen der Gefahrenabwehr erstmals an einem Ort bündelt.
Geplant ist ein multifunktionaler Neubau. Künftig sollen eine integrierte Leitstelle, der Führungs- und der Verwaltungsstab des Katastrophenschutzes sowie zentrale Lagerflächen für Material unter einem Dach arbeiten. Bundesweit hat nur der Kreis Soest ein ähnliches Konzept bereits umgesetzt.
Feuerwehrhäuser dienen im Krisenfall als Anlaufstellen
Dass der Landkreis diesen Schritt gehen kann, liegt an einer soliden Ausgangsbasis. „Planerisch sind wir beim Bevölkerungsschutz gut aufgestellt“, sagt Landrat Dietmar Allgaier (CDU). 24 Einsatzpläne regeln, wie bei unterschiedlichsten Lagen vorzugehen ist – von großflächigen Stromausfällen über Hochwasser und Hitzeperioden bis hin zu Szenarien mit vielen Verletzten. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Leuchtturmkonzept: Feuerwehrhäuser in allen Kommunen des Kreises dienen im Krisenfall als feste Anlaufstellen und sichern die Kommunikation zwischen Behörden und Bürgern.
Hinzu kommt ein zweiter Baustein, der sich in der Praxis bereits bewährt hat: das Wechselladerkonzept. Seit rund zehn Jahren hält der Landkreis spezielle Abrollbehälter für unterschiedliche Einsatzlagen vor. Für Hochwasser stehen etwa Schlauchbarrieren mit bis zu einem Kilometer Länge bereit. Fällt die Trinkwasserversorgung aus, kann der Landkreis sofort reagieren. „Wir könnten auf einen Schlag 40 000 Liter Trinkwasser liefern, zusätzlich haben wir 60 000 Liter in Flaschen eingelagert“, erläutert Allgaier. Auch Schlafsäcke, Hygieneartikel und Feldbetten sind vorhanden – bislang dezentral, künftig gebündelt im neuen Zentrum.
Personell sieht der Landrat den Bevölkerungsschutz ebenfalls vergleichsweise gut aufgestellt. Rund ein Drittel der Beschäftigten wäre im Ernstfall sofort einsatzfähig.
Doch der Blick auf die Stärken legt zugleich eine Schwachstelle offen: die integrierte Leitstelle. „Hier brauchen wir weiter Verstärkung“, sagt Allgaier. Nicht die Abläufe oder das Engagement der Mitarbeitenden seien das Problem, sondern die strukturellen Voraussetzungen. „Bei jeder Lage beginnt alles mit dem Notruf 112. In diesem Bereich sind wir noch nicht ausreichend resilient.“ Der leitende Notarzt des Landkreises, Stefan Weiß, teilt die Einschätzung des Landrats und macht auf eine Leerstelle aufmerksam: den hauptamtlichen medizinischen Bevölkerungsschutz.
Der Handlungsdruck wächst, auch durch den Klimawandel
Der Landkreis Ludwigsburg nehme landesweit eine Vorreiterrolle ein, weil die leitenden Notärzte bewusst bei der unteren Katastrophenschutzbehörde verankert seien. „Das ist keineswegs selbstverständlich“, sagt Weiß. Gleichzeitig sei das System lückenhaft. Die medizinische Krisenbewältigung beruhe fast vollständig auf Ehrenamt. Einen hauptamtlichen Mediziner für Katastrophen- und Krisenlagen gebe es nicht. Hier sieht Weiß das Land gefordert: „Gerade mit Blick auf ein Katastrophenschutzzentrum wäre es sinnvoll, so eine Stelle dort zu verorten“, erklärt der Mediziner.
Denn der Handlungsdruck wächst, auch durch den Klimawandel. Hochwasserlagen, Starkregen und Hitzewellen stellen den Katastrophenschutz vor neue Herausforderungen. Bei Evakuierungen gehe es längst nicht mehr nur um Unterkünfte, betont Weiß, sondern um komplexe medizinische Fragen: Bei Hochwasser müssten Pflegebedürftige oder heimbeatmete Kinder evakuiert werden, bei Stromausfällen Menschen, die auf Dialyse oder elektrische Sauerstoffgeräte angewiesen sind.
Immer mehr Landkreise verfolgen ähnliche Pläne
Im geplanten Zentrum soll diese Hilfe zentral zusammenlaufen. Entstehen soll es verkehrsgünstig zwischen Ludwigsburg, Asperg und der A81. Politisch wurde das Projekt im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht. Der Kreistag hat die Entwurfsplanung nach einem Wettbewerbsverfahren in Auftrag gegeben, ein Berliner Architekturbüro erhielt den Zuschlag. Die Ergebnisse wurden bereits vorgestellt, im zweiten Quartal 2026 soll die endgültige Entscheidung fallen. Die Kosten beziffert der Landrat derzeit auf rund 25 Millionen Euro. Auch Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes sollen in das Projekt fließen.
In Baden-Württemberg sieht sich der Landkreis mit diesem Ansatz klar in einer Vorreiterrolle. Zwar gebe es einzelne Modelle, sagt Allgaier, „aber nicht in dieser Kombination“.
Bundesweit, ergänzt Weiß, verfolgten immer mehr Landkreise ähnliche Überlegungen. Der entscheidende Vorteil liege darin, dass Leitstelle, Führungsstab und Verwaltungsstab auch bei Infrastrukturausfällen Tür an Tür arbeiteten.