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Dieser Beteiligungsprozess verändert ein ganzes Quartier

Die Vertreter der Stadt Pforzheim jubeln über den Award für die herausragende Bürgerbeteiligung.
Daniel Foltin)Stuttgart/Pforzheim. An einem regnerischen Samstag im Juli stehen Menschen dicht gedrängt im Tiny House im Alten Friedhof. Draußen peitscht der Wind, drinnen beugen sich Bürger über Pläne, stellen Fragen, diskutieren Wege, Schattenräume, Treffpunkte. Ein Planer zeichnet Linien nach, zeigt auf Grünflächen, erläutert Ideen. Die Stimmung ist konzentriert, lebendig – und die Situation alles andere als selbstverständlich. Denn dieser Moment ist das Ergebnis eines Beteiligungsprozesses, der in Pforzheim neue Maßstäbe setzt.
Der Auftakt: Klingeln an Haustüren
Als der Bürgerrat zur Initiative „Was wird aus unserem Park?“ im November beginnen sollte, waren zunächst kaum Anmeldungen eingegangen. Also ging das Team der Stadt an die Wohnungstüren in der Oststadt und erklärten das Projekt persönlich. Elf Zufallsbürger konnten so noch für das Projekt gewonnen werden. Viele von ihnen aus bildungsferneren Haushalten, einige mit Flucht- oder Migrationsgeschichte. Menschen, die sonst selten an Beteiligungsformaten teilnehmen. Moderiert mit der Dynamic-Facilitation-Methode entstanden beim Bürgerrat in 1,5 Tagen über 120 Ideen. Unterstützt durch Kinderbetreuung und Pausenbuffet entwickelte sich zwischen den Teilnehmenden eine offene, faire Gesprächskultur.
Wenige Wochen später im Gasometer Pforzheim : Drei Teilnehmende des Bürgerrats präsentierten die Ergebnisse vor der Stadtgesellschaft. In Tischrunden wurden Ideen weiterentwickelt – Naturflächen, Bewegungsangebote, Aufenthaltsorte. Und auch die Menschen, die zuvor an der Haustür angesprochen worden waren, kamen.
Aus dem Bürgerrat gründet sich eine Initiative
Parallel öffnete die Online-Plattform mitmachen-pforzheim.de . Über QR-Codes auf Bauzaunbannern gelangten Interessierte direkt zur Beteiligung. Schüler wurden über Sozialarbeit, Schulen und Jugendgemeinderat aktiviert. Dazu fand ein Eat & Talk im Jugendkeller statt. Jugendliche, die sich sonst selten äußern, sprachen hier über ihre Wünsche – Rückzugsorte, Sportmöglichkeiten, sichere Wege. Die mobile Jugendarbeit brachte weitere Stimmen direkt aus dem Park ein.
Nachdem Bürgerrat, Bürgertreff und Onlineverfahren gelaufen waren, stand die nächste Herausforderung an: Wie bleibt der Prozess sichtbar und erreichbar – mitten im Alltag des Quartiers? Die Antwort darauf war ungewöhnlich: Ein Tiny House, das sechs Wochen lang im Park stand. Hier zeigt sich, wie ernst Pforzheim die Bürgerbeteiligung meint. Als der erste Entwurf vorgestellt wurde und ein Unwetter aufzog, kamen die Bürger trotzdem. Aus dem Bürgerrat gründet sich die Initiative „Lebenswerte Oststadt“.
Warum die Jury Pforzheim auszeichnet
Die Jury des Staatsanzeiger Awards fasst zusammen: „Der Prozess verknüpft Nachhaltigkeit und Klimaresilienz mit sozialer Teilhabe. Der künftige Park entsteht nicht von oben, sondern gemeinsam mit den Menschen vor Ort.“ Pforzheim zeige, dass Beteiligung dann gelingt, wenn Menschen ernst genommen und Räume geschaffen werden und wenn Ideen wirklich Wirkung entfalten dürfen. Der neue Park wird erst 2026 fertig sein – die neue Beteiligungskultur gibt es schon heute.
Weitere Informationen zum Staatsanzeiger-Award finden Sie hier .