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„Unser Grundvertrauen trägt auch in der politischen Kontroverse“

Philipp Stolz (links) ist Reichenauer Rathauschef, Christoph in Bodman-Ludwigshafen. Redakteur Peter Schwab musste genau hinschauen.
Achim Zweygarth)Staatsanzeiger: Bei so viel Ähnlichkeit, was unterscheidet Sie?
Philipp Stolz: Als Erstgeborener durfte ich nie bei Brettspielen anfangen. Ansonsten glaube ich, Chris war immer etwas mehr der Praktiker und Pragmatiker. Ich war eher lange im Elfenbeinturm der Uni und kam später in die Praxis.
Christoph Stolz: Beim Kellnern hast du immer mehr Trinkgeld bekommen als ich. Ansonsten bin ich mehr der Handwerker und der bessere Fußballer.
Philipp Stolz: Stimmt, bei dir war der Sport noch ein bisschen prägender. Aber ansonsten sind wir uns schon sehr, sehr ähnlich – und das genießen wir.
Was ist daran so genussvoll?
Christoph Stolz: Man hat immer den besten Freund an der Seite, der einen wirklich versteht. Der mit einem ähnlichen Hintergrund Dinge anders, aber trotzdem ähnlich sieht und ein Verständnis für die eigene Sichtweise hat.
Philipp Stolz: Wir haben ein unerschütterliches Vertrauen ineinander, aber wir konkurrieren auch ein bisschen – wie das unter Brüdern so ist.
Beide haben Sie sich für den öffentlichen Dienst entschieden. Wie kam es dazu?
Philipp Stolz: Klar gibt es eine familiäre Prägung. Unser Vater Rainer Stolz war viele Jahre Bürgermeister in Stockach. Dadurch hatten wir die Themen quasi am Küchentisch diskutiert. Das ist vergleichbar mit einer Handwerkerfamilie. Unsere Eltern haben uns mitgegeben, dass der Beitrag zum Allgemeinwohl etwas sehr Ehrenvolles und Erstrebenswertes ist.
Wollten Sie sich von dem bekannten Vater nie abgrenzen?
Christoph Stolz: Ich wollte ursprünglich zur Polizei. Das hat wegen der schlechten Augen nicht geklappt. Dann entschied ich mich gegen das Lehramt und für die Verwaltung. Damals haben wir beide gesagt: Bürgermeister wollen wir auf gar keinen Fall werden. Zur Teeniezeit, noch bis Mitte der 20er, war das definitiv meine feste Überzeugung. Nach dem Studium bin ich beruflich zuerst nach Stuttgart gegangen, dann in eine Gemeinde im Landkreis Esslingen, wo niemand den Namen Stolz mit unserem Vater verbindet.
Philipp Stolz: Ich wollte auch etwas anderes machen und habe mich an deutschen Schauspielschulen beworben, um Theaterschauspieler zu werden. Einmal bin ich in die zweite Runde gekommen, musste aber neidlos anerkennen, dass die Konkurrenz viel besser war als ich. Dann dachte ich: Was ist näher an der Schauspielerei als Kommunalverwaltung?
Eine schöne Vorlage: Es scheint, dass Sie sich gerne präsentieren. Wie wichtig ist Schauspielerei im Bürgermeisteramt?
Philipp Stolz: Im Wahlkampf hat es mir geholfen, dass ich in Jugendzeiten in Radolfzell beim Theater war, vor ein paar Hundert Leuten im Saal stand und teils kontroverse Texte gesprochen habe.
Christoph Stolz: Aber die Frage lautet doch, ist ein Politiker ein Schauspieler? Ich bin zwar kein Schauspieler, aber die Welt ist eine Bühne. Zu den Aufgaben des Bürgermeisters gehört Repräsentieren, nicht als Privatperson, sondern als Repräsentant der Gemeinde. Da soll man einer Rolle gerecht werden. Insofern ist jeder Politiker ein bisschen Schauspieler – nicht weil man unehrlich ist, sondern weil es die Rolle verlangt.
Eine Rolle bekamen Sie sicher als Kinder des Bürgermeisters, zumal als Zwillinge zugeschrieben. Wie war das in Ihrer Jugend?
Christoph Stolz: Wir waren oft die Söhne vom Stolz. Und das ist nicht immer nur schön. Als Teenager mussten wir uns Sprüche von Lehrern anhören wie: „Im Sommer ist es hier so warm im Klassenzimmer, weil die Stadt am Dach gespart hat. Da dürft ihr euch beim Papa von Christoph und Philipp bedanken.“ Das waren blöde Situationen. Man hat dann oft beim Mittagessen über alles gesprochen, und so haben wir uns damit auseinandergesetzt, dass Meckern oft leichter ist als Machen.
Also kein Bürgermeister-Gen?
Philipp Stolz: Die Vorstellung, aufgrund der Familienherkunft besonders geeignet zu sein, lehne ich ab. Wir haben früh Dinge kennenlernen dürfen, aber die stehen jedem anderen Menschen auch frei. Es wäre seltsam, wenn wir statt zu wählen uns den Nachwuchs der umliegenden Bürgermeister oder Bürgermeisterinnen ausgucken.
Warum sind Sie wieder an den Bodensee gegangen?
Christoph Stolz: In Stockach war man „der Stolz“. In Bodman-Ludwigshafen waren wir bloß zwei Rabauken. Das war ein schönes Gefühl. Unser allererster Job war im Klärwerk. Da waren Freunde, da war bei mir die erste große Liebe, da war mein Praktikum, meine Bachelorarbeit. Der damalige Bürgermeister Matthias Weckbach hat sich während meines Studiums wie ein Mentor um mich gekümmert. So ist eine besondere Verbindung zu dieser Gemeinde entstanden. Als eines Tages auf der Gemeinderatstagesordnung der Punkt „Persönliche Erklärung des Bürgermeisters“ stand, habe ich gedacht, jetzt oder nie, und es probiert.
Bürgermeister musste es sein.
Christoph Stolz: Nö. Ich hätte auch als Hauptamtsleiter oder Referent eines Oberbürgermeisters glücklich werden können. Aber es ist trotzdem schön, dass ich Bürgermeister bin.
Haben Sie, Philipp Stolz, auch so schöne Erinnerungen an die Reichenau?
Philipp Stolz: Ich wollte in die Heimat zurück. Im letzten Jahr ist privat in meinem Umfeld in Schorndorf ein bisschen was verrutscht, und dann wurde der Posten im Reichenauer Rathaus frei. Mich hat die Chance gereizt, eine Gemeindeverwaltung für die Zukunft so aufzustellen, wie ich das für sinnvoll halte. Ich hätte sicher auch in anderer Funktion in der öffentlichen Verwaltung Fuß fassen können, doch ich hatte das Glück und die Ehre, zum Bürgermeister gewählt worden zu sein. Jetzt muss ich liefern.
Was unterscheidet Sie von Ihrem Vater, jetzt, wo Sie beide Bürgermeister sind?
Philipp Stolz: Man merkt die andere Generation in der Offenheit. Im digitalen Bereich sind wir zeitgemäßer, moderner unterwegs. Er musste nicht gemocht werden, er musste daran glauben, was er tut. Bei uns geht es mehr um den Ausgleich, mehr als bei unserem Vater.
Christoph Stolz: Ob das eine Generationenfrage ist, weiß ich nicht. Ich glaube, dass er eine größere Klarheit und Stringenz hatte, auch in seinem Umgang. Das bewundere ich.
Zwillinge im Bürgermeisteramt – werden Sie nur als Duo wahrgenommen?
Christoph Stolz: Während wir unterschiedliche Jobs hatten, waren wir mehr Einzelpersonen, das wird jetzt mit den Bürgermeister-Zwillingen wieder ein Thema werden. Alle wissen, dass unser Grundvertrauen auch in der politischen Kontroverse trägt.
Philipp Stolz: Ich will als Individuum wahrgenommen werden. Letztendlich stand mein Name auf dem Wahlzettel, nicht der meines Bruders. Dieser Anfangsreiz wird hoffentlich nach einem halben Jahr verfliegen. Dann geht es um die harten Sachen: Kita, Wohnungsbau. Dann ist es egal, ob da Philipp oder Christoph Stolz steht. Dann muss in der Sache gefochten werden.
Die Gebrüder Stolz
Christoph Stolz hat nach dem Studium an der Hochschule Kehl im Raum Stuttgart gearbeitet, zuletzt als stellvertretender Hauptamtsleiter in Deizisau. 2023 gewann er die Bürgermeisterwahl im Bodman-Ludwigshafen. Seit diesem Februar ist Bruder Philipp Rathauschef auf der Insel Reichenau. Zuvor war er Digitalchef in Schorndorf. Studiert hat er in Konstanz, Speyer und Tallinn. Vater der 33-Jährigen ist Stockachs Alt-Bürgermeister Rainer Stolz.