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Nur beim Badnerlied muss Steinmeier aufs Blatt schauen

Am ersten Tag seines Lörrach-Besuchs trägt sich der Bundespräsident ins Goldene Buch der Stadt ein. Hinter ihm die Betonwand aus den 1970er-Jahren, als das Neue Rathaus entstand.
Philipp von Ditfurth)Lörrach. „Das können wir jetzt gerne einmal üben“, sagt Luca Rohrbach vom Bundespräsidialamt, der über den Ablauf wacht. „Dann gehen wir geschwungenen Schrittes genau diesen Weg.“ Wir, das ist knapp ein Dutzend Journalisten und Fotografen, die an diesem Morgen in einer blitzblank polierten Lörracher Fabrikhalle vor einem roten Flatterband stehen und darauf warten, dass Frank-Walter Steinmeier kommt. Und die dem Bundespräsidenten nicht im Weg stehen sollen, wenn er später durch die Halle schreitet.
Ein Staatsoberhaupt kommt nicht jeden Tag. Da kann man schon einmal ein paar Lockerungsübungen ertragen. Auch dass ein Polizeihund alle Taschen beschnüffelt, gehört dazu. Oder dass man in der überschaubaren Innenstadt in einem Kleinbus von Termin zu Termin gefahren wird, obwohl es zu Fuß vermutlich schneller ginge.
Sorgen kennt man auch hier, doch Lörrach geht es gut
Die Lörracherinnen und Lörracher sind ja noch bescheidener. Schon eine halbe Stunde vor dem Ende der Kaffeetafel im Dachgeschoss des Alten Rathauses stehen sie mit gezückten Handys auf der Straße. Oben diskutieren sie gerade noch, wie Lörrach sicherer werden kann und wie man es schafft, dass die Menschen, die in der 50 000-Einwohner-Stadt vor den Toren Basels einen Ausbildungsplatz gefunden haben, auch ein Dach über dem Kopf finden.
Lörrach geht es gut. Man profitiert in vielerlei Hinsicht von der Nähe zur Schweiz. Insofern passt die Kreisstadt im Dreiländereck nur bedingt in die Reihe „Ortszeit Deutschland“, die 2022 im thüringischen Altenburg begann, wenig später Rottweil erreichte und nun ihre 19. Station macht: Von Dienstag bis Donnerstag dieser Woche verlegte der Bundespräsident seinen Amtssitz ins Hotel Stadt Lörrach, einen 20-stöckigen, 63 Meter hohen, glitzernden Turm gegenüber dem viel bescheideneren Hauptbahnhof.
Und das macht er routiniert. Die Menschen bekommen gar keine Gelegenheit, rot zu werden, wenn plötzlich ein leibhaftiger Bundespräsident mit ihnen redet. Steinmeier stellt Fragen, die Leute antworten. So etwa Kevin, der bei ARaymond, einem Automobilzulieferer, auf der anderen Seite des Flatterbands steht und bestätigt, dass er trotz Abiturs eine Lehre einem Studium vorgezogen hat. Dann reicht er Steinmeier die Schutzbrille und der Bundespräsident fräst, als hätte er nie etwas anderes getan.
Später sitzen die Auszubildenden und der Staatschef zusammen. Sogar Audrey Raymond, die die sechste Generation des französischen Familienbetriebs repräsentiert, ist angereist. Und einer der jungen Leute berichtet, wie er an seiner ehemaligen Schule für Nachwuchs wirbt – und natürlich nur Gutes über seinen Ausbilder berichtet. Freilich ist es zuletzt etwas einfacher geworden, junge Menschen für so etwas zu begeistern. Die Krise kommt den Firmen entgegen.
An der nächsten Station beweist Steinmeier, dass er mehr kann als kluge Fragen stellen. Treffpunkt ist das Quartierscafé Sankt Fridolin im katholischen Gemeindehaus, es gibt Schnitzel, Pommes und Salat. Steinmeier hat sich schon die Schürze übergezogen und will die ersten Teller servieren, da wird das Badnerlied intoniert, die älteren Damen und Herren sind textsicher, nur der Herr aus Berlin singt vom Blatt.
Am Nachbartisch sitzt einer, den man auch schon mal gesehen hat. Ottmar Hitzfeld ist gebürtiger Lörracher, seine Frau arbeitet hier. „Es gibt nicht nur einen Bundespräsidenten, es gibt auch einen Bundestrainer“, steigt der Reporter in die Frage ein, deren Antwort er längst kennt. Der zweifache Champions-League-Sieger – einmal mit Dortmund, das andere Mal mit den Bayern – sagt nicht, wer auf Julian Nagelsmann folgen soll, der nach dem Ausscheiden der Deutschen bei der Fußball-WM nur noch Bundestrainer auf Abruf ist. „Ich sage nirgends was. Kein Kommentar“, kommentiert der 77-Jährige.
Dann ist das Interview beendet, Steinmeiers Protokollchef bittet die Journalisten nach draußen, die doch so gerne gewusst hätten, ob der Meistertrainer und der Bundespräsident sich auch noch über dieses Thema ausgetauscht haben und ob der Badener den Schwaben als Nachfolger empfiehlt, dessen Namen die Spatzen von den Dächern pfeifen.
Immerhin wird des Deutschen größte Passion nachmittags bei Kaffee und Kuchen im Alten Rathaus noch einmal thematisiert. Diesmal in kriminologischer Hinsicht. Der Besitzer eines Sportartikelgeschäfts klagt über die zahlreichen Diebstähle. Steinmeier will wissen, was am meisten wegkommt. „Bis dato war es noch das Deutschlandtrikot“, antwortet er und alle lachen in dieser steifen Runde, die darunter leidet, dass hier jeder gleich zu einem Monolog ansetzt – vermutlich, weil nicht nur der Einzelhändler, sondern auch der Chef der Baugesellschaft und die Leiterin des Arbeitskreises Asyl ahnen, dass es nicht so schnell wieder vorkommen wird, dass ihnen der Bundespräsident sein Ohr leiht.
Steinmeier wünscht sich, dass die „Ortszeit“ weitergeht
Der nächste Bundespräsident könnte ohnehin eine Bundespräsidentin sein, auch das sagt Steinmeier, der in einem Dreivierteljahr aus dem Amt scheidet. Und der sich freuen würde, wenn seine Nachfolgerin respektive sein Nachfolger dasselbe macht wie er: mit den Menschen reden und sich überraschen lassen. In der nächsten „Ortszeit“.