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Amelie Vollmer (Die Linke): „Wir machen keinen Wahlkampf, der auf Personen zugeschnitten ist“

Amelie Vollmer kandidiert auf Listenplatz 2 und ist Teil des Spitzentrios, mit dem die Linke zur Landtagswahl am 8. März antritt.
Achim Zweygarth)Staatsanzeiger: Sie sind 23 Jahre alt. Was reizt Sie daran, Landtagsabgeordnete zu werden?
Amelie Vollmer: Die Notwendigkeit von politischen Veränderungen hat mich schon sehr früh gepackt, vom Rechtsruck in der Gesellschaft bis hin zu den Klinikschließungen. In Baden-Württemberg lebt jedes fünfte Kind in Armut, gleichzeitig haben wir sehr viele Milliardäre. Da sehe ich die ganz dringende Notwendigkeit, umzuverteilen. Jetzt haben wir die Chance, tatsächlich an die landespolitischen Hebel zu kommen und damit die Kräfteverhältnisse im Land zu verschieben.
Sie waren bei der Landtagswahl 2021 mit gerade 18 Jahren eine der jüngsten Kandidatinnen. Seit wann sind Sie politisch aktiv?
Ich habe mit 15 angefangen, parallel zur Schule. Ich habe natürlich auch direkt versucht, meine Mitschüler und Mitschülerinnen zu mobilisieren. Zunächst bei Fridays for Future, dann kam der Einsatz für den Erhalt von Krankenhäusern dazu. Etwas später wurde ich dann zur Kreissprecherin in der Ortenau gewählt.
Wie sind Sie zu den Linken gekommen, einer Partei, die in Baden-Württemberg bislang kaum eine Rolle gespielt hat?
Das war für mich ziemlich selbstverständlich. Ich bin zuerst zur Linksjugend gegangen, eine der Partei nahestehende Jugendorganisation. Die erste größere Veranstaltung, bei der ich war, war der 1. Mai 2018. Ein halbes Jahr später habe ich meine erste Rede auf einer Demo gegen die AfD gehalten. Für mich war klar: Die Linke ist die einzige Partei, die in den sozialen Fragen und in der Frage des Rechtsrucks konsequent ist.
In Parteien gibt es viele Berufspolitiker, die vom Studium direkt in die Politik gehen und dann bleiben. Die Linke will das vermeiden und die Mandatszeit auf maximal zwei Legislaturperioden beschränken. Was bedeutet das für Sie?
Das bedeutet, dass es auch neben dem Landtag viele andere Optionen gibt, politisch etwas zu verändern. Wir sagen ja: Parlamente sind nicht der einzige Ort für politische Veränderungen – im Gegenteil. Wir brauchen Organisationen auch außerhalb der Parlamente, wir brauchen eine starke außerparlamentarische Opposition, um gesellschaftliche Veränderungen zu erwirken, die wirklich alle mitnimmt.
Rechnen Sie damit, dass die Linke diese Beschränkung auf zwei Legislaturperioden wirklich durchhält? Bei den Grünen gab es anfangs auch das Rotationsprinzip, das dann schnell aufgegeben wurde.
Ich denke schon, weil unser Anspruch, Politik zu machen, ein anderer ist. Wir haben diesen Beschluss auf dem Landesparteitag gefällt. Die Abgeordneten sind der Partei, also der Mitgliederbasis, verpflichtet. Und ich denke, unsere Mitglieder werden die Abgeordneten in ein paar Jahren hoffentlich nicht aus der Pflicht entlassen.
Die Linke setzt stark auf Haustürwahlkampf. An wie vielen Haustüren haben Sie schon geklingelt?
An sehr vielen – aber ich kann Ihnen keine genaue Zahl nennen. Wir sind regelmäßig unterwegs. Die erste größere Aktion war 2024 bei der Kommunalwahl in Offenburg. Seitdem tragen wir die Zahlen regelmäßig ein. Landesweit liegen wir inzwischen bei über 100 000 Haustürgesprächen. Unser Ziel ist, bis zur Landtagswahl 120 000 zu erreichen.
Welche Erfahrungen haben Sie beim Haustürwahlkampf gemacht?
Sehr unterschiedliche. Wenn man an der Tür klopft, weiß man nicht, wer dahinter steht – das ist auch das Wertvolle, weil man so die gesamte Breite der Bevölkerung erreicht. Ich gehe nicht raus und erzähle den Leuten, wie schlecht die Welt ist. Das wissen sie in der Regel selbst. Ich versuche, den Frust aufzunehmen und zu schauen: Welche politischen Lösungsansätze gibt es, die uns in diesen Fragen verbinden? Genau damit machen wir die vielen positiven Erfahrungen. Und ich glaube, damit hängt auch der Aufschwung zusammen, den wir bundesweit haben.
D ie Linke setzt im Wahlprogramm stark auf soziale Themen: Mieten senken, Gesundheitsversorgung sichern, Krankenhausschließungen verhindern, kostenloser ÖPNV, kostenlose Kitas und Bildung. Vieles davon findet sich auch im SPD-Programm. Wie untersc heiden Sie sich?
Eine Partei, die auf Bundesebene die härtesten Angriffe auf den Sozialstaat mitträgt, kann mir nicht erzählen, sie setze sich ernsthaft für soziale Themen ein. Der zweite Unterschied ist: Wir wollen nicht nur Symptome bekämpfen, wir stellen die Systemfrage. Wir gehen an die Ursachen. Beim Thema Mieten sagen wir nicht nur: „20 000 neue Sozialwohnungen im Jahr“, sondern wir fragen: Warum haben wir überhaupt diese extreme Mietenkrise? Weil so viel Wohnraum in privater Hand ist, weil Immobilienkonzerne mit unserem Recht auf Wohnen Profite machen. Da müssen wir ansetzen und das beenden. Wohnen, Gesundheit, etc. dürfen keine Ware sein, das sind Grundbedürfnisse.
Die Linke will in den Landtag einziehen, strebt aber keine Regierungsbeteiligung an. Ist es in der Opposition nicht einfach, viel zu fordern, ohne sich um die Finanzierung kümmern zu müssen?
Wir haben natürlich trotzdem Finanzierungskonzepte. Wir haben heute zum Beispiel eine Studie des DIW zur Vermögenssteuer veröffentlicht. Allein für Baden-Württemberg würde sie 14,5 Milliarden Euro jährlich einbringen.
Wenn Sie von Umverteilung sprechen, haben viele Menschen Sorge um ihre Ersparnisse oder das geerbte Haus.
Diese Sorge höre ich oft. An so etwas wollen wir natürlich nicht ran. Wir wollen an die großen Immobilienkonzerne ran mit mehr als 3000 Wohnungen in Baden-Württemberg. Bei der Vermögenssteuer geht es um private Vermögen ab einer Million Euro. Die wollen wir besteuern und die Mehrheit entlasten.
Die Linke tritt mit einem sehr jungen Spitzentrio an. Viele Menschen kennen Sie noch nicht. Ist das ein Nachteil?
Wir machen keinen Wahlkampf, der auf Personen zugeschnitten ist, sondern auf Themen. Das sieht man auch an den Plakaten: Bei den anderen hängt an jeder Laterne ein Bild der Spitzenkandidaten. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, weil wir den Fokus auf die politischen Inhalte legen wollen, nicht auf einen Personenkult.
Das Gespräch führte Stefanie Schlüter
Zur Person
Amelie Vollmer ist 23 Jahre alt und Mitglied im Spitzentrio der Linken für die Landtagswahl, gemeinsam mit Kim Sophie Bohnen und Mersedeh Ghazaei. Vollmer hat erstmals mit gerade 18 Jahren vor fünf Jahren für den Landtag kandidiert. Diesmal hat die Bürofachangestellte aus Offenburg mit Listenplatz 2 gute Chancen, in den Landtag gewählt zu werden. Nach aktuellen Umfragen liegt die Partei derzeit bei sieben Prozent der Wählerstimmen. Vollmer arbeitet derzeit für die Linke im Bundestag.