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Die AfD-Verwandtenaffäre geht Markus Frohnmaier an die Nieren

Ulrich Siegmund (links) und Markus Frohnmaier, hier vor dem Sindelfinger Mercedes-Werk, eint nicht nur, dass sie beide Ministerpräsident werden wollen. Sie stehen auch in der AfD-Verwandtenaffäre im Fokus.
Michael Schwarz)Pforzheim/Sindelfingen. Das ist doch mal ein netter Spitzname für Manuel Hagel. „Ken“ heißt er bei manchen in der AfD. Ken wie der Freund von Barbie. Natürlich nur im Scherz. Offiziell betont ihr Spitzenkandidat Markus Frohnmaier immer wieder, wie gerne er mit dem CDU-Konkurrenten einen Espresso trinken würde. Und dass die CDU doch bitte schön die Brandmauer einreißen möge, denn eine konservative Mehrheit gebe es nur mit der AfD.
Wenn am nächsten Dienstag das TV-Triell beim SWR steigt, treffen drei völlig unterschiedliche Charaktere aufeinander. Hier der glatt und wenig greifbar wirkende Christdemokrat, dem immer noch das Sparkassenhafte seiner beruflichen Anfänge anhaftet, dann der „anatolische Schwabe“ Cem Özdemir, der hofft, dass niemand merkt, dass er ein Grüner ist, und schließlich der Typ von der AfD, dessen Gesicht gerade von allen Plakaten grüßt – jedenfalls jenen, die nicht die Konkurrenten zeigen. „Illegale fürchten diesen Blick“, heißt es auf einem. Man glaubt es sofort.
Die Debatte mit Palmer hat ihn bekannt gemacht
So etwas nennt man wohl Street Credibility, und das könnte durchaus zählen, wenn es darum geht, wie die Rechtspopulisten am 8. März abschneiden. Die gesamte Wahlkampagne ist auf den Mann aus Weil der Stadt im Kreis Böblingen zugeschnitten, der als enger Vertrauter von Alice Weidel gilt und in den vergangenen Monaten mehr als einmal auf sich aufmerksam machte.
Erst debattierte Markus Frohnmaier öffentlichkeitswirksam mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) , dem es trotz aller Bemühungen nicht gelang, den 34-Jährigen zu entzaubern. Dann reiste er in die USA und nahm einen Preis der Jungen Republikaner entgegen. Das riesige Medieninteresse zeigte, dass er den richtigen Riecher hatte. Kurz vor der Landtagswahl will er erneut dorthin reisen, um sich für die Interessen der Automobilindustrie einzusetzen.
Und dann erreichte ihn die Verwandtenaffäre , die er sich gerne erspart hätte und in der sich innerparteiliche Verwerfungen auftaten, die Strategen wie er überwunden glaubten. Und von der keiner weiß, wie sie ausgeht. Klar ist nur, dass die bundesweite Affäre mit der Anstellung von Verwandten über Kreuz der Partei schaden dürfte.
Wie sehr ihm die Affäre an die Nieren geht, spürt man am vergangenen Freitag in Pforzheim . Eben hat Weidel gesprochen, die Halle hat getobt. Jetzt ist Frohnmaier an der Reihe. Und präsentiert seine Sicht der Dinge, wonach „die anderen Parteien nicht richtig performen – dann versucht man mit allen Mitteln, nach allen Regeln der Kunst unsere Partei zu attackieren“.
Mehr sagt er nicht, etwa zu seiner Frau Daria, die seit einem Jahr für einen Fraktionskollegen im Bundestag arbeitet. Und das will schon was heißen. Denn eigentlich ist Frohnmaier nie um einen Spruch verlegen. Etwa, als er ein paar Wochen zuvor erfährt, dass die AfD gerade Platz zwei in der Gunst der Wähler an die Grünen verloren hat. Da witzelt er, dass die Umfragewerte wohl in der SWR-Kantine ermittelt wurden.
Später äußert er sich doch – im persönlichen Gespräch. Seine Frau sei als dreisprachige, erfahrene Journalistin bestens qualifiziert, betont er. Sie habe ein normales Auswahlverfahren durchlaufen. Und er beschäftige im Gegenzug niemanden aus der Familie des Fraktionskollegen.
So ist das, wenn man plötzlich im Fadenkreuz steht – ausgerechnet in einem Wahlkampf, den sich der Co-Landeschef auch sparen hätte können. Denn eigentlich geht es hier für Frohnmaier um nichts. Er kandidiert weder in einem Wahlkreis noch steht er auf der Landesliste. Er wird dem neuen Landtag also auch dann nicht angehören, wenn die AfD die CDU überflügelt. Und eine absolute AfD-Mehrheit steht außerhalb jeder Reichweite. Und nur für diesen Fall würde Frohnmaier den Bundestag verlassen und Ministerpräsident werden.
Aber die Landespartei hatte niemanden sonst, der sich aufgedrängt hätte. Und wenn man Emil Sänze beobachtet, der gemeinsam mit Frohnmaier seit 2022 an der Spitze des Landesverbands steht, versteht man das auch. Sänze versucht sich als Conférencier, doch das geht bisweilen in die Hose. So sagt Sänze im Januar über den bayerischen Ministerpräsidenten: „Söder ist ja nicht nur körperlich behindert – auch geistig. Aber wir lassen ihn leben – er ist ja immer mal wieder witzig.“ Später relativiert der 75-Jährige : Die „Tonalität“ sei falsch gewesen.
Am nächsten Morgen um halb sechs – Sänze ist im Bett geblieben – trifft Frohnmaier mit Pappbechern vor dem Tor 1 des Mercedes-Werks in Sindelfingen ein. Auch Ulrich Siegmund ist da, der AfD-Spitzenkandidat aus Sachsen-Anhalt. Die Verwandtenaffäre ist noch weit, die Stimmung bestens, wenn man von kleinen logistischen Problemen absieht, die den Plan durchkreuzen, die Daimler-Arbeiter mit Kaffee zu versorgen: Frohnmaiers Kaffeemaschine arbeitet nicht schnell genug und die Kreuzung, über die der Kaffee muss, ist zu breit. Er verschenkt stattdessen Feuerzeuge und Zollstöcke, auf denen „Frohnmaier 2026 – nichts für linke Hände“ steht. Und scherzt, dass er selber Linkshänder sei.
Katz-und-Maus-Spiel mit der IG Metall
Die Neuauflage am selben Ort ein paar Wochen später fällt dagegen aus. Die IG Metall hat davon Wind bekommen und plant eine Gegendemonstration. Dies wiederum ist Frohnmaier zu Ohren gekommen. Stattdessen ist er mit Alice Weidel zum Daimler-Werk nach Stuttgart-Untertürkheim gefahren. „Wir haben die ausgetrickst.“ Er sei 800 Flyer losgeworden, die Resonanz sei noch besser als in Sindelfingen gewesen. „Nur acht bis zehn Leute haben nein gesagt.“ Kein Wunder – bei 49 Prozent Gewinneinbruch.
Das ist Frohnmaiers Hoffnung: dass die Wirtschaftskrise und die Vertrauenskrise der „Altparteien“ bei der AfD einzahlen. Es könnte aber auch passieren, dass die Wähler jetzt begreifen, dass die AfD auch nicht besser ist. Oder sogar schlechter. Dass sie nicht nur in Teilen rechtsradikal ist – der Verfassungsschutz schätzt ihr extremistisches Personenpotenzial im Südwesten auf 1170 –, sondern dass ihre Funktionäre auch nur an sich denken.
Dies könnte nicht nur die nie allzu ernsthaften Hoffnungen von Frohnmaier begraben, Ministerpräsident zu werden, es könnte auch jenem ins höchste Amt verhelfen, der mit Frohnmaier nicht einmal einen Espresso trinkt.
Zur Person
Hat Markus Frohnmaier Kreide gefressen? Oder darf man ihm die Wandlung vom extremistischen Hetzer zum vergleichsweise moderaten Politikmanager abnehmen? Tatsache ist, dass der AfD-Spitzenkandidat seine Karriere bei der Jungen Alternative begann und durch Sprüche wie „Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt“ auffiel. Später galt er als russlandgesteuert. Seit einem Jahr ist er Vize und außenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion mit engen Kontakten zu Trumps MAGA-Bewegung.