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Ein Gründer ruft zum „digitalen Größenwahn“ auf

Elias Schneider, der Gründer von Codesphere, und Ex-Digitalisierungsminister Volker Wissing beim Digitalkongress Land of Govtech in Karlsruhe.
Foto: bin/Staatsanzeiger)Karlsruhe. Es war ein Weckruf, der nachhallt. In der Hoepfner Burg in Karlsruhe, wo sich beim Digitalkongress „LÄND of GovTech“ Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft versammelten, brachte Elias Schneider die Stimmung auf eine zugespitzte Formel: „Wir sind viel zu bescheiden in Sachen digitaler Souveränität. Wir dürfen ruhig ein bisschen größenwahnsinnig sein.“ Die Konferenz versteht sich als neue Leitkonferenz für Verwaltungsdigitalisierung und widmet sich unter anderem der föderalen Modernisierungsagenda, dem Deutschland-Stack, Künstlicher Intelligenz in der Verwaltung und der Justizcloud.
Schneider, Gründer und Chef des Karlsruher Cloud-Unternehmens Codesphere, steht an diesem Tag beispielhaft für eine neue, ungeduldigere GovTech-Generation. Er ist in Karlsruhe aufgewachsen, begann früh mit Informatik, arbeitete als junger Entwickler bei Google – und kehrte dann zurück, um in Deutschland eine Alternative zu den großen amerikanischen Cloud-Plattformen aufzubauen. Codesphere wurde 2020 in Karlsruhe gegründet und positioniert sich als virtueller Cloud-Provider: also als Plattformschicht zwischen Rechenzentren und Anwendungen, die Softwareentwicklung, Betrieb und Skalierung vereinfachen soll.
Schneider: Nichts bauen, was nicht besser und günstiger ist
Für Schneider ist digitale Souveränität kein defensiver Begriff. Sie bedeute nicht, aus Prinzip etwas Eigenes zu bauen, das schlechter und teurer ist. Im Gegenteil: „Man darf nichts bauen, was nicht besser und günstiger ist“, sagt er. Genau darin liegt für ihn die Herausforderung. Die Wettbewerber aus den USA seien riesig, technologisch weit voraus und längst in den Strukturen von Unternehmen und Verwaltungen verankert. Europas Antwort könne deshalb nicht aus vielen kleinen Einzelprojekten bestehen. „Man muss sich zusammenrotten und einen Stack schmieden“, fordert Schneider.
Dass Codesphere inzwischen im öffentlichen Sektor angekommen ist, zeigen mehrere Vergaben. Öffentlich dokumentiert ist unter anderem die Beteiligung an der neuen souveränen KI-Cloud der deutschen Verwaltung; der Rahmenvertrag umfasst rund 250 Millionen Euro über vier Jahre. Zudem erhielt Codesphere den Zuschlag für eine zentrale Komponente des GovTech-Frameworks mit einem maximalen Auftragsvolumen von 30,8 Millionen Euro.
Ein Vergleich zu Palantir?
Auf dem Kongress sprach Schneider von Aufträgen in einer noch größeren Dimension und zog den Vergleich zu Palantir – jener umstrittenen US-Software, deren Einsatz in Baden-Württemberg seit Monaten politisch debattiert wird. Der Landtag hat die Nutzung der Palantir-Software „Gotham“ für die Polizei trotz Kritik ermöglicht; Gegner warnen vor Abhängigkeit, Datenschutzrisiken und mangelnder europäischer Souveränität.
Der Streit um Palantir bildet den Hintergrund, vor dem die Karlsruher Debatte ihre Schärfe bekommt. Soll der Staat weiter einkaufen, was anderswo entwickelt wurde? Oder kann er selbst zum Auftraggeber einer europäischen Infrastruktur werden? Schneider beantwortet diese Frage klar. Codesphere wolle „eine Alternative zu amerikanischen Skalierern“ bauen, sagt er. Europa sei schwieriger als die USA, weil jedes Land eigene Regeln, eigene Interessen und eigene Verwaltungskulturen habe. Aber gerade deshalb brauche es einen virtuellen Cloud-Provider, der lokale Regulierung abbilden könne und trotzdem die Leistungsfähigkeit großer Plattformen erreiche.
Warum soll man nur US-Software anpassen?
Schneider erzählt von einem Treffen bei einer großen deutschen Partei, zu dem auch Vertreter von Meta, Google und OpenAI eingeladen gewesen seien. Deren Botschaft habe sinngemäß gelautet: Der Zug sei abgefahren, Deutschland solle lieber „Adoptionsweltmeister“ amerikanischer Produkte werden. Schneider nennt das „wahnsinnig uninspirierend“. Seine Gegenbotschaft: Der Markt sei nicht zu klein, wenn Europa ihn gemeinsam denke. Lokale Märkte müssten so verbunden werden, dass daraus Skalierung entstehe.
Auch Sven J. Koerner, von Aleph Alpha schlägt auf dem Kongress in diese Kerbe. In der Agenda ist er als Vizepräsident des KI-Unternehmens angekündigt. Koerner berichtet davon, wie Ideen, die heute selbstverständlich klingen, vor wenigen Jahren noch als abwegig galten: mit Sprache forschen, Computersprache und menschliche Sprache verbinden, natürliche Sprache in Programmcode übersetzen. Als er 2015 ein Konzept vorstellte, wie jeder mithilfe natürlicher Sprache programmieren könnte, sei die Reaktion vernichtend gewesen. Sinngemäß habe es geheißen: „Die haben einen kompletten Schuss.“
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Schon vor zehn Jahren mit KI-Modellen experimentiert
Koerners Lehre daraus ist einfach: Wenn bekannte Professoren sagen, etwas funktioniere nicht, solle man es erst recht ausprobieren. Aleph Alpha wurde mit F13 zu einem der sichtbarsten KI-Projekte der öffentlichen Verwaltung in Baden-Württemberg. Das Land stellte F13 2024 als KI-Assistenzsystem für die Landesverwaltung vor; es soll Beschäftigte bei der täglichen Arbeit unterstützen und im eigenen Rechenzentrum betrieben werden.
Inzwischen steht Aleph Alpha vor dem Zusammenschluss mit dem kanadischen KI-Unternehmen Cohere. Die Unternehmen sprechen von einer transatlantischen souveränen KI-Lösung, verankert in Deutschland und Kanada. So entsteht in Karlsruhe ein Leitmotiv: Viele Technologien, die heute als strategisch gelten, wurden zunächst als übertrieben, unrealistisch oder zu teuer abgetan.
Heute gehe es, sagt Koerner, um Summen, die um Größenordnungen über dem lägen, was früher für vergleichbare Vorhaben verlangt worden sei. Der Satz passt zur Stimmung des Tages: Deutschland hat zu lange gefragt, was schiefgehen könnte, wenn es handelt. Nun wächst die Angst, was passiert, wenn es nicht handelt.
Digitalkongress als Forum für Vernetzung
Der Kongress selbst ist breiter angelegt als eine Bühne für Start-ups. Auf der Agenda stehen Bundes- und Landespanels, Breakout-Sessions zu föderaler IT-Zusammenarbeit, Elterngeld, EUDI-Wallet, Medicus , F13, Justizcloud und kommunalen Vorreiterprojekten. Zu den Teilnehmenden gehören unter anderem Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup, der Bundestagsabgeordnete Parsa Marvi, Baden-Württembergs Chief Digital Officer Ronja Kemmer, Vertreter von SAP, Schwarz Digits, GovTech Deutschland, FITKO, FZI, Fraunhofer ISI und Kommunen.
Gerade diese Mischung macht die Veranstaltung politisch interessant. Verwaltungsdigitalisierung ist längst nicht mehr nur eine Frage besserer Onlineformulare. Es geht um Infrastruktur, Datenräume, Cloud-Abhängigkeiten, KI-Modelle, Sicherheitsarchitektur und die Fähigkeit des Staates, selbst handlungsfähig zu bleiben. Der Begriff GovTech steht dabei für die Hoffnung, dass Verwaltung und Technologieunternehmen nicht nur in Pilotprojekten zusammenkommen, sondern dauerhafte, skalierbare Lösungen schaffen.
Ex-Minister Volker Wissing über den Föderalismus
Dass Digitalisierung zwar fast überall gefordert wird, aber selten spontan Begeisterung auslöst, beschrieb Dr. Volker Wissing auf dem Bundes-Panel. Der frühere Bundesminister für Digitales und Verkehr sprach aus Regierungserfahrung: Alle wollten Digitalisierung, sagte er sinngemäß – nur sobald sie konkret werde, beginne die Debatte über Ausnahmen, Übergänge und Besitzstände. In der Agenda des Kongresses ist Wissing als „Bundesminister für Digitales und Verkehr a.D.“ angekündigt; sein früheres Ministerium übergab die Digitalagenden im Mai 2025 an das neue Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung. Länd of GovTech
Als Beispiel nannte Wissing das Deutschlandticket. Es sei von Anfang an digital gedacht gewesen, doch gerade daran habe es politischen Streit gegeben. Nach seiner Darstellung wäre das Projekt beinahe an der Frage gescheitert, ob es auch einen Papierfahrschein geben müsse. Öffentlich belegt ist: Das Deutschlandticket wurde 2023 als digitales, monatlich kündbares Abo eingeführt; schon in der Bundestagsdebatte wurde kritisiert, dass es nur per Smartphone oder Chipkarte erhältlich sein sollte.
Der Streit um Papier
Wissing weitete das Beispiel zu einer Grundsatzfrage aus. Warum werden oder wurden Plastikkarten verschickt, wenn digitale Nachweise längst möglich sind? Die BahnCard 25 und 50 gibt es seit 2024 nicht mehr als klassische Plastikkarte; ersatzweise ist ein Ausdruck mit QR-Code möglich. Auch Fahrkartenautomaten stellte Wissing als Reizthema in den Raum: Würde man ihre Abschaffung fordern, wäre der öffentliche Aufschrei groß. Aus Effizienzsicht aber ließe sich damit viel Geld sparen. Genau an solchen Punkten zeige sich, wie schwer es sei, Digitalisierung nicht nur zu bejahen, sondern auch die Folgen auszuhalten.