Wasserversorgung

Historische Tiefswerte beim Grundwasser an jeder fünften Messstelle im Land

Bis Ende September wurden in Baden-Württemberg an vielen Messstellen sehr niedrige und sogar historisch niedrige Stände beim Grundwasser erreicht. Besonders betroffen sind die Schwäbische Alb, der Schwarzwald und Oberschwaben. Das Land arbeitet mit Wasserversorgern und Kommunen daran, die Wasserversorgung für die Zukunft fit zu machen. 
Gelber, schwarz gestreifter Metallbügel und grauer Metallpfosten neben gelben Blumen.

An jeder dritten Messstelle werden die bisherigen Niedrigstwerte der vergangenen 30 Jahre unterschritten.

IMAGO/BildFunkMV)

Stuttgart. Die anhaltende Trockenheit verschärft die Grundwassersituation in Baden-Württemberg. Die Grundwasserstände und Quellschüttungen lagen Ende September auf sehr niedrigem Niveau und gehen weiter zurück. Das teilte die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) mit. Inzwischen liegen die Messwerte an 61 Prozent der Messstellen im Land unter dem Normalwert. An jeder dritten Messstelle werden die bisherigen Niedrigstwerte der vergangenen 30 Jahre unterschritten. An jeder fünften Messstelle werden historische Tiefstwerte erreicht.

„Die Auswirkungen der Trockenheit reichen inzwischen bis tief in den Boden. Selbst ergiebigere Niederschläge würden deshalb nicht unmittelbar dem Grundwasser zugutekommen. Zunächst muss sich der ausgetrocknete Bodenwasserspeicher zumindest teilweise wieder auffüllen“, sagt der Präsident der LUBW, Ulrich Maurer.

Schwäbische Alb, Schwarzwald und Oberschwaben besonders betroffen

Besonders betroffen sind die Schwäbische Alb, der Hochschwarzwald und Oberschwaben. Im Karstgebiet der Schwäbischen Alb reagieren die Quellen laut LUBW vergleichsweise schnell auf ausbleibende Niederschläge. Dort gingen die Quellschüttungen deshalb bereits im Sommer deutlich zurück. Bei den Grundwasserständen im tiefen Karst setzte der Rückgang verzögert ein. Inzwischen werden jedoch auch dort Tiefstände verzeichnet.

Auch im Hochschwarzwald werden an zahlreichen Messstellen außergewöhnlich niedrige Grundwasserstände und Quellschüttungen beobachtet. Besondere Aufmerksamkeit gilt dort ebenfalls der Quellwasserversorgung. Während für Baden-Württemberg insgesamt keine großräumigen Engpässe in der öffentlichen Wasserversorgung erwartet werden, sind in Gebieten, die überwiegend mit Quellwasser versorgt werden, weiterhin lokale Engpässe möglich. Im Sommer wurde aus einzelnen Gemeinden bereits über Engpässe in der örtlichen Wasserversorgung berichtet. So wurde in Buchenbach und Kirchzarten (beide im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald ) aufgrund rückläufiger Quellwassermengen die Verwendung von Trinkwasser zeitweise eingeschränkt. In Lauf im Schwarzwald (Ortenaukreis) wurde zusätzlich Wasser von außerhalb bezogen.

In Oberschwaben zeigte sich die Trockenheit im Grundwasser besonders früh. Im Frühjahr wurden im Südosten Baden-Württembergs bereits zahlreiche niedrige Grundwasserstände beobachtet. Im Verlauf des Sommers verschärfte sich die Situation weiter. Ende September gehören Teile Oberschwabens zu den Regionen, in denen die bisherigen historischen Niedrigstwerte besonders häufig unterschritten werden.

Kurzfristig keine Entspannung zu erwarten

Eine nachhaltige Entspannung ist kurzfristig nicht zu erwarten. Nach der langen Trockenperiode müssen Niederschläge zunächst den ausgetrockneten Bodenwasserspeicher wieder auffüllen, bevor Wasser in tiefere Bodenschichten sickern und zur Grundwasserneubildung beitragen kann. Starkregen hilft dabei nur begrenzt, da ein größerer Teil oberflächlich abfließen kann. Günstiger sind länger anhaltende Niederschläge.

Auch die Jahreszeit spielt eine wichtige Rolle. Im Winter kann ein deutlich größerer Anteil des Niederschlags versickern als im Sommer, da bei niedrigeren Temperaturen weniger Wasser verdunstet und die Vegetation dem Boden weniger Wasser entnimmt. Im Sommer wird dagegen ein großer Teil des Niederschlags durch Verdunstung und Pflanzenverbrauch aufgezehrt. Wobei die Grundwasserneubildung im vergangenen Winter unterdurchschnittlich blieb.

Grundwasserneubildung auch bei feuchtem Wetter erst verzögert

„Selbst bei feuchter Witterung läuft die Grundwasserneubildung deshalb erst mit Verzögerung wieder an. Ob dies bereits im Oktober geschieht, ist derzeit offen. Zunächst ist mit weiter sinkenden Grundwasserständen und Quellschüttungen zu rechnen. Damit dürfte auch die Zahl der Messstellen mit historisch niedrigen Werten weiter steigen“, so Maurer.

Selbst wenn die Niederschläge – anders als in diesem Jahr – stabil bleiben, wird in Baden-Württemberg künftig weniger Wasser zur Verfügung stehen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Papier des Klima-Sachverständigenrats. Denn durch den Klimawandel und steigende Temperaturen verdunstet ein Teil des Regens. Das hat auch Folgen für die öffentliche Wasserversorgung.

Land will Wasserversorgung zukunftsfähig machen

Für die Landesregierung ist Wasser deshalb auch ein Zentralthema in dieser Legislaturperiode, wie Ministerpräsident Cem Özdemir im Sommer bei einer Pressekonferenz sagte. Die Grundlagen sind bereits geschaffen: Das Land hat mit dem Masterplan Wasserversorgung bereits für alle Regionen und Kommunen im Land Daten zu den Wassermengen für die Trinkwasserversorgung erhoben. Das Ergebnis: Bereits heute gibt es für drei Prozent der Kommunen ein signifikantes Defizit bei der Deckung des mittleren Bedarfs, beim Spitzenbedarf weisen bereits 22 Prozent ein großes Defizit auf. Bis 2050 werden es beim Spitzenbedarf sogar 54 Prozent der Kommunen sein.

Mit einem Beirat aus Wasserversorgern, Kommunen und Stadtwerken, der nun eine Zukunftsstrategie für eine sichere Wasserversorgung ausarbeiten soll, will das Land nun dafür sorgen, dass auch 2050 noch überall im Land eine sichere und bezahlbare Wasserversorgung zur Verfügung steht.

Bundesumweltminister Schneider fordert neuen Umgang mit Wasser in Deutschland

Beim Forum „Zukunft Wasser“ im Bundesumweltministerium hat Bundesumweltminister Carsten Schneider einen anderen Umgang mit Wasser gefordert „effizienter, vorausschauender, gerechter“. Schneider sagte: „Wasser möglichst schnell abzuleiten und nasse Flächen trockenzulegen, das war Wasserpolitik der letzten Jahrhunderte. Heute ist die Aufgabe, Wasser so gut wie möglich in der Landschaft zu halten. Das bedeutet zum Beispiel, trockene Moore wiederzuvernässen, Flüssen mehr Raum zu geben und Wälder zu stabilen Mischwäldern umzubauen.“ Dies trage dazu bei, Grundwasservorräte dauerhaft zu stabilisieren. Zugleich müsse die öffentliche Wasserversorgung für den Klimawandel fit gemacht werden. Es gehe um leistungsfähige Wasserspeicher, Kanalnetze und Kläranlagen als entscheidende Zukunftsinvestitionen.

Mit dem Forum „Zukunft Wasser“ will das Bundesumweltministerium die Umsetzung der Nationalen Wasserstrategie weiter voranbringen und den Austausch über die Zukunft der Wasserressourcen breiter in die Gesellschaft tragen. Schneider richtet seinen Appell ausdrücklich auch an Verantwortliche außerhalb der Wasserwirtschaft: Wasservorsorge müsse Bestandteil wirtschaftlicher Planung, kommunaler Entwicklung und politischer Entscheidungen werden. Wer Wirtschaftsstandorte, neue Technologien, Rechenzentren und Innovationen voranbringen möchte, komme am Thema Wasser als Standortfaktor nicht vorbei, so Schneider.

Nutzen Sie die Vorteile unseres

Premium-Abos. Lesen Sie alle Artikel aus Print und Online für

0 € 4 Wochen / danach 219 € jährlich Nachrichten aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung in Baden-Württemberg Jetzt abonnieren