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Hochschulprojekt

Hochschulen Kehl und Straßburg wappnen Kommunen gegen Krisen

Ein grenzüberschreitendes Projekt am Oberrhein soll die Handlungsfähigkeit und Resilienz von Kommunen im Krisenfall stärken. Die Hochschule Kehl ist daran beteiligt, ebenso die Universität Strasbourg und vier Städte und Gmeinden im Elsaß und in Baden-Württemberg.

Vorbereitung auf Krisenszenarien wie die Corona-Pandemie nimmt ein Projekt der Hochschule Kehl in den Blick.

IMAGO/Funke Foto Services)

Kehl. Krisen und Katastrophen:  Wie können kleine und mittelgroße Kommunen sich darauf vorbereiten?  Und welche Extremereignisse sind dabei in den Blick zu nehmen? Antworten auf diese Fragen sucht Emmanuel Muller von der Hochschule Kehl.

Der Wirtschaftsprofessor aus dem Elsass ist seit Jahrzehnten grenzüberschreitend an Hochschulen und Forschungseinrichtungen am Oberrhein tätig. Nun leitet er ein neues, grenzüberschreitendes Projekt namens „Rhenus et Resilire“, an dem sich auch die Universität Straßburg und vier Gemeinden beteiligen (siehe Kasten). Rhenus nannten die Römer den Rhein, das lateinische Verb resilire bedeutet so viel wie „abprallen“ – und steckt auch im Modewort Resilienz.

Pandemien, Erdbeben und Großbrände im Visier

Lokale Resilienz herzustellen, erfordert Muller zufolge dreierlei: „Antizipationsfähigkeit der Bedrohungen, Bewältigungsfähigkeit der Krisen und Innovations- und Anpassungsfähigkeit.“ Das klingt abstrakt. Welche vergangenen Krisen, gerade lokaler und regionaler Art, sind Beispiele, für die es Modelllösungen zu erarbeiten gilt?

„Natürlich die Pandemie“, sagt Muller und listet weiter auf: Erdbeben wie 2020 und 2021 im elsässischen La Wantzenau,  Großbrände wie 2022 in Haguenau und auch die Aufnahme von massiven Flüchtlingswellen wie in Offenburg nach 2015.

Über Worst-Case-Szenarien und die Auswirkungen vor Ort nachdenken

Muller erläutert seinen Ansatz so: „Es geht nicht in erster Linie darum, sich auf Krisen vorzubereiten, die von den Behörden bereits geplant sind. Für diese Art von Krisen kann das Projekt am Rande hilfreich sein, aber es ist nicht unser Bestreben, etwas zu ersetzen, was bereits existiert.“ Ein Beispiel dafür, was bereits unternommen wird, bietet Ottersweier (Landkreis Rastatt). Die 6500-Einwohner-Gemeinde hat 2014 ein Hochwasser erlebt, bei dem innerhalb weniger Minuten Katastrophenhelfer über 100 Einsätze leisten mussten.

Als Reaktion darauf wurde eine Hochwasserkonzeption entwickelt, der Dorfbach ausgebaut, der Bauhof erhielt weitere Hochwasserpumpen – und für mehr als elf Millionen Euro entsteht ein Hochwasserrückhaltebecken, das 2027 fertig sein soll.

Das Projekt der Hochschulen und Kommunen geht über solche Maßnahmen hinaus. „Wir versuchen vielmehr, die Pilotgemeinden dazu zu bringen, mit uns über Worst-Case-Szenarien nachzudenken, die heute auf lokaler Ebene nicht unbedingt integriert werden (können)“, sagt Muller. „Unsere Philosophie ist, dass man durch die Untersuchung und Simulation von extremen (und sehr unwahrscheinlichen) Fällen besser auf mittel- oder wenig wahrscheinliche Katastrophen vorbereitet ist.“

Die Ressourcen kleinerer Gemeinden sind im Krisenfall begrenzt

Für kleine und mittelgroße Kommunen ist das ohnehin schwieriger. Anders als die höheren Verwaltungsebenen verfügen sie „in der Regel nicht über die notwendigen Ressourcen, um ihre Lernerfahrungen aus vergangenen Krisen zu formalisieren, und sind nur in geringerem Maße in der Lage, unerwartete Bedrohungen ausreichend abzuwehren“, wie es in der Projektbeschreibung heißt. Zusätzlich ist es in der interkulturellen Region wichtig, „dass Konzepte zur Abwehr von Bedrohungen und Krisen zweisprachig und grenzüberschreitend entwickelt werden“.

Derzeit arbeiten die Teilnehmer des Projekts an fünf ersten Szenarien:  Jahrhundertflut, Industrieunfall,  Stromausfall, Riesen-Hitzekuppel und Pandemien (Flood of the Century, Industrial Accident, Blackout, Monster Heat Dome, Invasion of the Infected). Wie soll das Fachwissen von Experten der Hochschule Kehl  in das Projekt einfließen?

Kehler Managementsystem kommt auch zum Einsatz

„Unser deutsch-französisches Team ist multidisziplinär: Wirtschaft, Management, Politikwissenschaft, Psychologie, Recht, Soziologie, Risikoprävention, Cybersicherheit et cetera  sind vertreten“, sagt Muller. Es gehe darum, qualitative und quantitative Ansätze zu kombinieren, „mit der Sammlung von Informationen vor Ort (Interviews, Fokusgruppen), aber auch ab dem nächsten Jahr mit der Entwicklung von Krisenszenarien und Simulationen“. Auch das Kehler Managementsystem kommt zum Einsatz, das Mullers Kehler Kollegin Britta Kiesel bei der Auftaktveranstaltung Ende Februar vorstellte. Es erlaubt Gemeinden „ein differenziertes Stärken-Schwächen-Profil mit Ansatzpunkten für Verbesserungen“.

Projekt nimmt Extremereignisse ab dem Jahr 2050 ins Visier

Zudem startet die Hochschule Kehl gerade ein weiteres Projekt mit Partnern aus mehr als zehn Ländern.  „IMMER“, nach den Anfangsbuchstaben des englischen Projekttitels „Increasing Municipal Mobility and Energy Resilience“, also  in etwa verbesserte lokale Mobilität und Energieversorgungssicherheit.

„Hierbei geht es um die Entwicklung eines Resilience Lab Strasbourg und Kehl zur Vorbereitung auf Extremereignisse nach 2050“, erklärt Muller. Dabei würden Folgen der globalen Erwärmung betrachtet, „aber nicht zwingend nur Klimakrisen“.

Lokale Resilienz stärken

Die Hochschule Kehl und die Université de Strasbourg haben ein grenzüberschreitendes Projekt gestartet. Gemeinsam mit den Gemeinden Offenburg, Ottersweier, Haguenau und La Wantzenau, also je zwei aus Baden und dem Elsass, suchen sie Wege „zur Stärkung der Handlungsfähigkeit und Resilienz kleiner und mittlerer Kommunen in Krisenfällen“, heißt es in einer Mitteilung der Hochschule Kehl. Die Laufzeit beträgt drei Jahre, das Budget 1,2 Millionen Euro.

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