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Kampagne Landtagswahl 2026

Özdemir: Erst die Person, dann die Partei

Die Plakate der Grünen für die Landtagswahl sind ganz auf die Person von Cem Özdemir zugeschnitten. "Der kann es" lautet der Wahlspruch. Nur die Sonnenblume weist auf die Partei hin. Damit ist klar: Die Ökopartei setzt ganz auf die Person Özdemir.
Mann mit Brille und blauem Pullover vor unscharfen Postern im Hintergrund.

Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Spitzenkandidat für die kommende Landtagswahl in Baden-Württemberg, nimmt an der Vorstellung der Wahlkampagne der Grünen teil.

dpa/Marijan Murat)

Stuttgart. Ernst und seriös schaut der ehemalige Grünen-Parteichef und Ex-Agarminister drein. Dunkelgrün bis schwarz der Hintergrund. „Erfahrung – war nie wichtiger als jetzt“, heißt es dort. Oder „Vertrauen fängt mit Zuhören an“. Dann der Hinweis: „Zweitstimme Özdemir“, daneben eine weiße Sonnenblume, der einzige zarte Hinweis darauf, dass es hier um ein Wahlplakat der Grünen geht.

So viel Personenkult, so viel seriöse Attitüde war nie. „Ich bin selbst erstaunt, wie staatstatragend wir auftreten“, sagt der grüne Landesvorsitzende Pascal Haggenmüller, als am Montag in der Werbeagentur Jung von Matt in Stuttgart die Landtagswahlkampagne vorgestellt wird. Auf die Frage, warum die Plakate verschweigen, dass es sich um die Grünen handelt, antwortet er: „Jeder kennt Cem Özdemir und weiß, dass er bei den Grünen ist.“ Der Spitzenkandidat verweist darauf, dass er immerhin zehn Jahre Parteichef war.

Zur Kampagnenvorstellung auch hier.

Die Kampagne ist ganz auf Özdemir ausgerichtet

Dennoch – die Richtung ist klar. Dirk Hibbeler, der Geschäftsführer von Jung von Matt in Stuttgart, erklärt die Botschaft: „Hier ist Cem Özdemir, er kann Erfahrung und Kompetenz vorweisen.“ Die Agentur hat nicht nur für Baden-Württemberg die Kampagne „The Länd“ geschaffen, sondern auch Wahlkämpfe erfolgreich beworben, etwa den des österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen, der Grünen im Bund und einen Wahlkampf von Ex-Kanzlerin Angela Merkel.

Die Grünen wollen Personalisierung, eine Entscheidung Özdemir oder Hagel, darauf zielt die ganze Kampagne ab. Natürlich wird Manuel Hagel, der CDU-Chef und Spitzenkandidat, nicht erwähnt, aber denn irgendwie doch. Özdemir erklärt, er wolle alle Berichtspflichten des Landes abschaffen, und sagt dann: „Ich würde meinem Stellvertreter von der CDU dann anbieten, ihn mitzunehmen nach Berlin, wo ein Bundeskanzler seiner Partei regiert.“ Damit auch der Bund alle Berichtspflichten abschaffe.

Erfahrung und Personenkult – anders als die Grünen früher

Das setzt den Ton. Özdemir hat, so sollen die Plakate intonieren, Erfahrung, war Minister, kennt sich aus auf dem diplomatischen Parkett. Ein Personenwahlkampf, wie er undenkbar gewesen wäre in der Frühzeit der Grünen. Kaum vorstellbar, dass die Ökopartei 1980 bei ihrem ersten Einzug in den Landtag auf „Rotation“ gesetzt hat, jeder Abgeordnete musste nach 2 Jahren einem anderen Platz machen. Personenkult war verpönt. Sogar Winfried Kretschmann musste 2011 ein „Spitzenteam“ zur Seite gestellt werden.

Özdemir beschreibt diesen Prozess so: „Wir haben das Land verändert, es liberaler und ein wenig freundlicher gemacht. Aber das Land hat auch uns verändert, und das hat uns gut getan.“ Es erstaunt schon, mit welcher Disziplin die Partei die Personenkampagne mitträgt. Weigerten sich 2016 und 2021 noch Kreisverbände, Plakate nur mit dem Konterfei von Kretschmann aufzuhängen, hört man nun überhaupt keinen Widerstand mehr. Nicht mal von der Grünen Jugend.

Özdemir: Ich darf alles sagen

Das war auch Teil des Deals, mit dem Özdemir als Spitzenkandidat nach Stuttgart gelockt wurde von der Landespartei: Beinfreiheit, Programm, Kampagne und Wahlkampf müssen ganz auf Özdemir als Pragmatiker zugeschnitten sein. „Ich bin der reichste Politiker der Welt: Ich darf alles sagen“, scherzt der 59-Jährige, „das bedeutet aber auch eine große Verantwortung.“

Die Grünen hoffen, so, aus dem Umfragetief zu kommen, um am Ende doch noch ein paar Prozentpunkte vor der CDU zu liegen. Özdemir wirkt im neuen Jahr entschlossen, sprudelt vor Ideen und Anekdoten, zumindest er glaubt daran, die Wende noch schaffen zu können. Ob Boris Palmer im Wahlkampf eine Rolle spielt?

Özdemir lobt den Tübinger Oberbürgermeister auffallend, hat mir ihm schon einige Veranstaltungen gemacht: „Er ist eine wichtige Stimme, auf die ich höre.“ Es werden noch einige Überraschungen angekündigt, Auftritte mit Kretschmann und vielleicht Palmer – alles soll auf die Mitte, auf konservative und bürgerliche Wähler ausgerichtet sein, die früher CDU und vielleicht schon mal Kretschmann-Grüne gewählt haben.

Ob die Kampagne verfängt, wird man am 8. März dann an den Zahlen ablesen können.

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