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Hochschule für Polizei Baden-Württemberg 

Polizeianwärter sammeln in Miniaturwelt Einsatzerfahrung

In Villingen-Schwenningen gibt es ein an Polizeihochschulen bundesweit einzigartiges Lerntool: Auf der „Planübungsplatte“, die an eine Modelleisenbahnanlage erinnert, werden polizeiliche Lagen realitätsnah durchgespielt.
Fünf Personen in Uniform betrachten ein großes Modell einer Stadtlandschaft.

Prodekan Jürgen Renz übt mit den Studentinnen Hanna Riffel, Alisa Sachs, Lea Probst und Loreta Marku (von links) an der „Planübungsplatte“.

Jennifer Reich)

Villingen-Schwenningen. Angefangen hat alles mit ein paar Modellhäusern vom Flohmarkt. „Mittlerweile ist es ein echter Gamechanger“, sagt Jürgen Renz. Der Polizeidirektor ist Prodekan der Fakultät 1, Einsatz- und Führungswissenschaften an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen. Gemeinsam mit Kollegen und Studierenden hat er eine Planübungsplatte entwickelt, auf der polizeiliche Lagen realitätsnah geübt werden können. Hintergrund war, dass Studierende oft einen Mangel an Praxis beklagt hatten. Das konnte und wollte Renz so nicht stehenlassen. Eines von mehreren Projekten für mehr Praxis in der Lehre ist die Planübungsplatte, die bei so manchem Kindheitserinnerungen wecken dürfte.

104 Szenarien können nachgestellt werden

Die Tür zu dem Raum, in dem die Planübungsplatte steht, ist offen. Drumherum finden Vorlesungen statt. Immer wieder bleiben Studierende stehen und linsen herein. Am Anfang wurde er für die Idee oft belächelt, erzählt Renz, der sich davon nicht hat irritieren lassen. „Heute sind alle begeistert, es gibt viele Anfragen von überallher, alle wollen mal bei uns an der Platte üben“, so der Prodekan.

Kein Wunder. Auf kleinstem Raum findet man Wohngegenden, einen Bahnhof, eine Polizeistation, Schnellstraßen, einen Feuerwehreinsatz, bei dem es raucht, ein Militärgelände und bald wird auch eine Mini-Drohne über die kleine Polizeiübungswelt fliegen. „Die habe ich schon bestellt“, sagt Renz und strahlt. 104 Einsatzszenarien kann er schon nachstellen.

Abgeschaut hat er sich das Planspiel ein wenig bei anderen Organisationen. Feuerwehren arbeiten ähnlich, allerdings mit weniger originalgetreuem Material, die Bundeswehr hat Sandkastenspiele, beim Rettungsdienst wird mit Playmobil und Lego geübt.

Die Platte der Hochschule funktioniert, so Renz, nach dem Montessori-Prinzip: „Mit allen Sinnen lernen.“ Die Studierenden wurden beteiligt, das Interesse an der Mitarbeit war groß, sagt Renz. Viele haben in ihrer Freizeit an der Übungsplatte mitgebastelt. Stück für Stück ist die Miniaturwelt entstanden. Es wurden drei Bachelorarbeiten dazu angefertigt. Eine davon von Loreta Marku, die gerade an der Platte steht und mit drei Kommilitoninnen mit einem Einsatz beschäftigt ist. Der kam per Funk vom Führungs- und Lagezentrum.

Es gab einen Verkehrsunfall, ein Lkw ist umgekippt, beladen mit Eisenoxid. Der Abschleppdienst hat Gas gerochen, eine Leitung wurde angebaggert. In der Nähe findet eine Demo statt.

Die Studentinnen regeln den Miniatur-Verkehr

Loreta Marku, Alisa Sachs, Lea Probst und Hanna Riffel haben den Auftrag, den Verkehr zu lenken. Sie begutachten den kleinen umgekippten Lkw. Sie haben vier Streifenwagen zur Verfügung, einen Polizisten und ein Hütchen. Die jungen Frauen sind im Hauptstudium, im April werden sie fertig. Dann müssen sie solche Lagen tatsächlich bewältigen. Sie verschaffen sich einen Überblick, debattieren, welche Kreuzung sie dicht machen, wie der Verkehrsfluss aber dennoch sichergestellt werden kann. Und wie man die Fußgänger von der Gefahrenstelle fernhält.

Sie sperren eine Bundesstraße mit einem Streifenwagen. Renz wirft hinterher die Frage auf, ob die Sperrung der kompletten Schnellstraße Sinn macht? Geht es doch um einen gefährlichen Eingriff. Erneut diskutieren die Polizistinnen. Auch rechtliche Fragen sind immer wieder Thema. Hanna Riffel findet, dass man sich an der Platte viel besser in die Lage hineinversetzen kann. „Man kann verschiedene Perspektiven einnehmen.“ Die Räumlichkeit macht die Lage auch für Alisa Sachs erfahrbarer, man könne wirklich Erfahrungen sammeln. Dazu die Absprachen im Team, die Debatten, jeder bringt sich ein.

Ein Schonraum, in dem die Studierenden üben können

„Es ist ein Schonraum, in dem wir üben können“, sagt Loreta Marku, die sich mit der Planübungsplatte in ihrer Bachelorarbeit ausführlich beschäftigt hat. Man könne Polizei-Lagen nun mal nicht in echt üben. Auf der Platte komme aber der Stress durchaus rüber, den manche Lagen mit sich bringen können. Als wäre man dort. Das kann man noch verstärken. Manchmal werden auch Geräusche eingespielt, der Raum verdunkelt, bisweilen raucht es auch. Renz zeigt auf eine Halle. „Da kommt mal Ed Sheeran und mal findet ein AfD-Parteitag statt.“ Er wechselt einfach das kleine Plakat an der Halle aus.

Mit wenig Aufwand werden unterschiedliche Situationen geschaffen: Großveranstaltungen, Amoklagen, Demos, Geiselnahmen und Einsätze bei „Reichsbürgern“. Die Platte gibt fast alles her. Neu ist, dass eine Polizeifigur und ein Streifenwagen mit einer Kamera ausgestattet sind. So kann man sich durch die Miniaturwelt bewegen und die Bilder übertragen. Per QR-Code will Renz den Studierenden auch ermöglichen, Lagen per Handy zu bewältigen. Dann können sie üben, so viel sie wollen. Und die wollen, denn ab April können sie jederzeit die Ersten sein, die am Einsatzort eintreffen und entscheiden müssen, wie sie vorgehen. Und das entscheidet oft über nicht weniger, als über Leben und Tod.

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Die reale Einsatzlage.
HfPol BW/ Thomas Heckmann)
Die Einsatzlage auf der Planübungsplatte nachgestellt.
HfPol BW)

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