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Klimawandel

Schutzfunktion der Natur geht in den Ballungsräumen verloren

Die Natur kann vielerorts wichtige Leistungen, um die Folgen des Klimawandels abzumildern, nicht mehr erbringen. Das ist ein Ergebnis einer Untersuchung des Econics Institutes. Der Naturschutzbund fordert Bund und Land auf, mehr für die natürliche Infrastruktur zu tun, unter anderem mit einem Gesetz zur Planungsbeschleunigung. 
Sonnenlicht strömt durch Bäume in einem grünen Wald mit Moos und Blättern.

Ausgedehnte Waldflächen stärken die Resillienz gegen den Klimawandel.

NABU/ProPark)

Stuttgart/Berlin. Deutschland verliert die natürliche Schutzfunktion seiner Landschaften. Das zeigt der vom Naturschutzbund (NABU) und dem Econics Institute vorgestellte Econics-Grün-Feucht-Kühl-Index 2026. Hier ist bundesweit ganz detailliert bis auf einen Maßstab von 10 auf 10 Meter zu sehen, wie leistungsfähig die Natur bei Kühlung, Wasserrückhalt und Klimaanpassung noch ist. Die Untersuchung zeigt: Viele Regionen verlieren ihre Fähigkeit, Hitze zu mildern, Wasser in der Landschaft zu halten und die Folgen der Klimakrise abzufedern.

„Der sich verschlechternde Zustand in weiten Teilen des Landes ist kein abstaktes Naturschutzproblem, sondern es geht um handfeste Konsequenzen für die menschliche Gesundheit, unsere Versorgung und Sicherheit“, sagt Studienleiter Pierre Ibisch vom Econics Institute. Econics ist eine Ausgründung aus der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde in Brandenburg, wo Ibisch die Professur für Sozialökologie und Waldökosysteme inne hat.

Auswirkungen des Klimawandels im Südwesten

„Die Auswirkungen der Klimakrise zeigen sich in Baden-Württemberg aktuell erschreckend deutlich – mit landesweiten Niedrigwasserständen bereits Anfang Juli, trockenen Wäldern, Hitzewellen und Temperaturextremen, überlasteten Krankenhäusern, überhitzten Städten und Ernteverlusten“, fasst der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle die Lage im Südwesten zusammen. Für ihn sind das nur die Vorwehen für das, „was uns noch bevorsteht“ angesichts eines Klimawandels, der schneller kommt als ursprünglich erwartet.

Gerade Baden-Württemberg ist besonders vom Klimawandel betroffen. Nach Angaben des Umweltministeriums ist die durchschnittliche Temperatur im Südwesten schon über zwei Grad Celsius angestiegen, weltweit sind es 1,7. Die von Econics vorgelegten Daten und Veränderungen in den vergangenen Jahren beruhen nicht auf Modellen, sondern werden gemessen. Genutzt werden dafür hochauflösende Satellitendaten.

Econics Institute)

Schwarzwald als größter zusammenhängender Naturraum

Wer sich das Kartenmaterial für Baden-Württemberg anschaut, sieht schnell, dass die Landschaften mit Schutzfunktion vor allem in den Ballungszentren rund um Stuttgart und am Oberrhein gestärkt werden müssen. Zugleich sieht man auch, dass die grün-blaue Infrastruktur auch Wirkung zeigt. „So zeigt der Schwarzwald laut ECONICS-Index als größter zusammenhängender Naturraum Deutschlands, dass vor allem die Wälder mit naturnaher Bewirtschaftung kühlend auf die Landschaft wirken“, so Enssle.

Auch die Revitalisierung des Oberrheins, der Moorschutz im Westallgäu und das Entsiegeln und Begrünen von Städten helfen laut Enssle perspektivisch dabei, den Südwesten grüner, feuchter und kühler zu machen. Im Agrarbereich ist ein Hebel die regenerative Landwirtschaft mit Zwischenfruchtfolgen. „Wo natürliche Prozesse zugelassen und geschädigte Ökosysteme wiederhergestellt werden, können Landschaften ihre Funktionen zurückgewinnen“, so der NABU-Landesvorsitzende.

Gesetz für die natürliche Infrastruktur notwendig

Der Nabu will mit dem Index von Econics nun sowohl auf die Landesregierung als auch auf Kommunen zugehen. Denn auch diese können auch direkt vor Ort sehen, wie die Situation sich darstellt, wo Landschaften besser geschützt werden müssen. Für Enssle zeigt der Index auch, wie sichtig das geplante Gesetz für die natürliche Infrastruktur ist, dass der Bund ursprünglich mit dem Infrastrukturzukunftsgesetz gemeinsam verabschieden wollte. Dieses sollte dazu dienen, die natürliche Infrastruktur zu stärken. Auch dafür sei eine Planungsbeschleunigung dringend notwendig, so Enssle.

Das Kartenmaterial zeigt auch, dass sehr kleine Schutzgebiete zwischen Städten ihre Schutzfunktion zunehmend verlieren, da die Hitze von den Städten einstrahlt. Für die Fachleute beim NABU ist deshalb klar: Notwendig sind größere Schutzgebiete und eine bessere Vernetzung zwischen den Gebieten. Vom Bund und den Ländern fordern sie deshalb auch, um die natürliche Infrastruktur zu stärken, neben einem Bundesgesetz für natürliche Infrastruktur die Umsetzung der EU-Wiederherstellungsverordnung sowie mehr Tempo bei der Renaturierung und der Vernetzung von Lebensräumen.

Funktionierende Landschaften spielen wichtige Rolle für die Wasserversorgung

Und Studienleiter Ibisch macht deutlich, dass Landschaften auch eine große Bedeutung für die Wasserversorgung haben. Gerade auch in Baden-Württemberg, wo es bereits in Hitzeperioden in einzelnen Kommunen Wasserknappheit gibt. Es dürfe nicht nur darum gehen, ob man Wasser noch von anderswo beziehen könne, so der Professor. Vielmehr könnten intakte Naturräume auch dafür sorgen, ob mehr oder weniger Regen fällt und ob das Wasser in der Landschaft zurückgehalten wird.

Und Enssle weist in diesem Zusammenhang auch auf die Bedeutung der Renaturierung von Mooren als Wasserspeicher hin. Und auch der Biber, der im Südwesten immer wieder als Problem gesehen wird, trage dazu bei, Wasser in der Landschaft zurück zu halten und schaffe quasi kleine Regenrückhaltebecken. „Wo natürliche Prozesse zugelassen und geschädigte Ökosysteme wiederhergestellt werden, können Landschaften ihre Funktionen zurückgewinnen“, fasst der NABU-Landesvorsitzende zusammen.

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