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Terror aus dem Kinderzimmer

Radikalisierung im Netz: Ermittler warnen vor einer jugendlichen, gewaltbereiten rechtsextremen Online-Szene, die sich über Telegram organisiert und lange unter dem Radar blieb.
IMAGO/Russian Look)Sie agieren aus dem Kinderzimmer heraus. Sie gehören zu einer jugendlich geprägten, gewaltbereiten, neofaschistischen und rechtsextremistischen Szene. Anschläge und Amoktaten werden verherrlicht und es wird zur Nachahmung aufgerufen. Und diese gewaltverherrlichende männlich geprägte Online-Szene wächst seit Jahren weitgehend unbemerkt. Nun hat das Landeskriminalamt Baden-Württemberg erstmals gemeinsam mit den Staatsanwaltschaften in Stuttgart und München Ermittlungsakten zur sogenannten Terrorgramszene ausgewertet.
Terrorgram steht dabei für ein rechtsextremistisches Netzwerk, das sich vor allem digital über den Messengerdienst Telegram formiert, dort Inhalte verbreitet und terroristische Gewalttaten befürwortet und propagiert. Das Ziel: durch Gewalt Chaos auszulösen und die gesellschaftliche Ordnung zum Einsturz zu bringen.
Manch einer mag jetzt denken, das sei überzogen. Schließlich gehe es um Kinder und Jugendliche. Doch Ermittler berichten, dass sie in den Kinderzimmern detailgetreue Modelle von Schulen gefunden haben, Pläne, wie ein Angriff organisiert werden könnte, auch Waffen haben sich die Jungen beschafft.
Es ist gut, dass Innenministerium, Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt nun den Blick auf diese Szene richten, die üblicherweise unter dem Radar bleibt. Eine Studie gibt Aufschluss über die Mitglieder. Sie sind jung. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp über 16 Jahren. Sie radikalisieren sich sehr schnell. Meist in weniger als einem Jahr. Über 68 Prozent von ihnen haben diagnostizierte psychische Erkrankungen oder Auffälligkeiten, weitere 24 Prozent zeigen deutliche Anzeichen für entsprechende Erkrankungen. Häufig sind sie familiär vernachlässigt und sozial nicht integriert. Viele haben in der realen Welt keine Freunde.
Die Untersuchung – es wird von einer hohen dreistelligen Zahl an Jungen gesprochen, die dieser Szene angehören – dient nicht allein dem Zweck, Gewalttaten und Terrorakte zu verhindern. Auch wenn geplante Anschläge fast alle von Sicherheitsbehörden aufgedeckt wurden. Das Land richtet seinen Blick zu Recht weiter: Auf Handreichungen für Ausstiegsprogramme sowie Informationen für die Justiz.
Dass dies so gut möglich ist, ist einer Besonderheit zu verdanken. Denn beim Landeskriminalamt ist nicht allein die Staatsschutz Analyse- und Forschungseinheit (SAT BW) angesiedelt. Auch gibt es eine enge Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum gegen Extremismus in Baden-Württemberg (Konex). Dort gibt es Beratung und Unterstützung für Menschen, die aus extremistischen Szenen aussteigen wollen, ebenso wie für deren Umfeld.
Und auch in Sachen Prävention ist Konex tätig: Mit dem Präventionsprojekt „ACHTUNG?!“ soll seit 2018 einer Radikalisierung von Jugendlichen bereits früh vorgebeugt werden. Es wird an Schulen in Baden-Württemberg angeboten, für Neuntklässler, Eltern, Lehrer und auch an beruflichen Schulen. Doch die Studie zur Terrorgramszene zeigt auch, dass möglicherweise künftig bei noch jüngeren Schülern angesetzt werden muss. Denn die in der Studie ausgewerteten Fälle zeigen, dass auch einige der Jungen unter 14 Jahren alt waren.
Die Terrorgramszene zeigt einmal mehr, dass der Blick sehr viel stärker auch auf die Aktivitäten im Internet gelegt werden muss. „Der digitale Raum darf kein rechtsfreier Raum, keine Brutstätte für extremistische Propaganda und Rekrutierung sein“, sagt Innenminister Thomas Strobl zurecht. Das Land geht bei der Terrorgramszene einen guten Weg aus Polizeiarbeit, Justiz und Ausstiegshilfen.
Doch die Terrorgramszene ist nur ein Bereich im Internet, wo Gewalt, auch sexualisierte Gewalt gedeiht. Extremismus, Gewalt und Verrohung werden zunehmend ein Problem und zeigen die fehlende Regulierung von Plattformen. Wenn mit Elon Musks Chatbot Grok auf X Bilder echter Menschen, darunter auch Kinder, mit Hilfe von KI so manipuliert werden, dass Menschen Gewaltfantasien, Vergewaltigungsvorstellungen, Tötungsfantasien ausleben, dann läuft ganz gewaltig etwas schief. Da ist auch die Justizministerkonferenz gefordert – und das nicht nur wenn es um härtere Strafen bei Drohungen gegen und Beleidigungen von Politikern im Netz geht.