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Verein Seehaus fordert mehr Hilfe für die Opfer von Straftaten

Elvira Pfleiderer arbeitet seit acht Jahren für das Seehaus und war zuvor 20 Jahre im Kontext der Hospizarbeit tätig
Harald Krodel)Stuttgart. Die Kriminalstatistik des Bundes zeigt: 2025 kam es zu 5,5 Millionen registrierten Straftaten: „Zu jeder dieser Straftaten gehört mindestens ein Opfer, häufig mehrere Geschädigte“, sagt Elvira Pfleiderer. Sie leitet den Bereich der Opfer- und Traumaberatung des Vereins Seehaus. Es ist eine allgemeine Opferberatung, hier her können Opfer aller Straftaten kommen: „Wir arbeiten mit diesen Menschen an Stabilisierung.“ Sie sollen wieder handlungsfähig werden, Ängste überwinden können und das Ohnmachtsgefühl, das nach einer Straftat oft aufkommt, hinter sich lassen können, sagt Pfleiderer.
Seit acht Jahren führt sie Gespräche und hilft mit Übungen bei der Regulierung von körperlichen Angstreaktionen: „Wir arbeiten ebenso mit Psychoedukation, um Ängste, Panik oder andere Traumafolgen besser verstehen zu können.“ Dabei werde vor allem Wissen vermittelt und dass die erlebten Reaktionen normal sind, „dass Körper und Seele richtig reagieren auf das unnormale Ereignis“. Den Opfern helfe das. Außerdem bietet der Opferschutz Programme an, die es Opfern ermöglichen, mit Tätern ins Gespräch zu kommen – entweder allgemein mit anderen Tätern oder gezielt mit der verantwortlichen Person für die eigene Tat.
Wer ist zuständig, wenn es keinen Täterkontakt gab?
Der Weg zur allgemeinen Opferberatung ist aber nicht immer einfach. Das zeigt die Geschichte von Melanie und Hugo. Das Paar wurde im Februar dieses Jahres Opfer eines Einbruchs und leidet seither unter einem Trauma: „Wir wollen zurück ins Leben finden, es ist, als wären wir lebendig begraben“, sagt Melanie. Zum Zeitpunkt des Einbruchs hatte sie einen Vollzeitjob und wollte sich mit ihrem Partner einen schönen Abend in der Sauna machen. Als sie zurückkamen der Schock: Fremde sind in ihre privaten Räume eingedrungen. Melanie weigerte sich eine Zeit, ihr eigenes Schlafzimmer zu betreten, konnte nicht mehr arbeiten und schläft bis heute keine Nacht durch. Wenn sie eine Frau mit auffälligem Schmuck sieht, kommt ihr immer nur ein Gedanke: „Ich habe das Gefühl, ich muss den Leuten sagen, dass sie ihre Sachen fotografieren und an verschiedenen Plätzen im Haus verteilen sollen.“ Anderen solle nicht dasselbe passieren, was ihnen passiert ist.
Aber nicht nur Schmuck wurde bei dem Einbruch entwendet. Auch Gegenstände von emotionalem Wert wie Milchzähne ihrer Kinder oder Muttertagsgeschenke, die in einer Schmuckschatulle aufbewahrt wurden.
Als das Paar nach Hilfe suchte, um ihr Trauma zu verarbeiten, dauerte es, bis sie auf das Seehaus gestoßen sind. Zuerst versuchten sie es in der Traumaambulanz, dann beim Weißen Ring. Da es bei ihnen aber keinen direkten Täterkontakt gab, fanden sie schließlich in der allgemeinen Opferberatung Hilfe. Das aber auch mehr zufällig, sagt Melanie: „Für jede Krankheit, gibt es einen Arzt, der einem hilft, aber bei einem Trauma steht man im Leeren.“
Opferarbeit erhält keine staatliche Unterstützung
Umso dankbarer seien die beiden heute für die Opferberatung. Pfleiderer nehme sie an die Hand und gebe Ratschläge, mit denen sie auch umgehen könnten, sagt Hugo: „Es sind Momente, von denen wir noch die nächsten Tage viel mitnehmen.“
Menschen wie Melanie und Hugo sind auf die allgemeine Opferberatung angewiesen. Allerdings wird diese derzeit nicht staatlich finanziert. Der Verein Seehaus leitet derzeit fünf Opfer- und Traumaberatungsstellen. Im Sommer soll eine sechste eröffnen: „Die Stellen werden komplett über Spenden, private Unterstützer und Stiftungen finanziert“, sagt Pfleiderer. Das Justizministerium müsse hier Verantwortung übernehmen, „nicht nur für die Täter, für die wir ja zum Glück Programme anbieten, sondern auch für die allgemeine Opferberatung“.
In etwa der Hälfte der Bundesländer in Deutschland werde die Opferberatung bereits aus dem Justizhaushalt finanziert. Baden-Württemberg müsse nachziehen, so Pfleiderer.