Boris Palmer will OB in Tübingen bleiben – seine Partei will das verhindern

Der wohl bekannteste OB Deutschlands will im Rathaus bleiben - seine eigene Partei will das verhindern. Boris Palmer will im Fall einer Niederlage Privatmann werden. Seine Gegnerinnen setzen auf einen neuen Stil.

Der Amtsinhaber Boris Palmer (Mitte) hat 16 Jahre mit Hilfe von Grünen und SPD regiert, die ihn jetzt aber nicht mehr im Rathaus sehen wollen.

dpa/ Pressebildagentur ULMER | ULMER)

TÜBINGEN. Da kommt er, der Amtsinhaber. Gut eine Woche vor der Wahl, kurz bevor ihn eine Corona-Infektion erwischt. Lindgrüner Pullover, hellgrünes Jackett, grüne Hose. Boris Palmer erreicht – natürlich – mit dem Fahrrad den Tübinger Stadtteil Bühl, 2171 Einwohner vor den Toren der Altstadt, mit einem herrlichen Ausblick auf die Wurmlinger Kapelle. Ein Stadtteilspaziergang – der Amtsinhaber sucht den Kontakt zum Volk. Bühl ist kein Palmer-Land, nur einen von zwei Bezirken hat er bisher gewonnen. „Wir haben mit ihm immer hart verhandeln müssen“, sagt Gerhard Neth, der Ortsvorsteher.

Der OB sei „klar in seinen Aussagen“. Etwa, als es um einen Hochwasserschutz im Bühler Tal ging. Am Ende fand man aber eine Lösung. Nun spricht er mit gut 20 Bürgern. Das, wofür Boris Palmer medial steht, ist hier ganz weit weg. Keine Talkshow mit Markus Lanz im ZDF, kein Facebook, keine Debatten über Flüchtlinge oder den OB als selbsternannten Ordnungshüter. Die Bürger wollen wissen, wie die geplante Ortsmitte aussehen soll. Oder um eine Solaranlage auf einem historischen Gebäude. Palmer biedert sich nicht an. „Ganz ehrlich sage ich Ihnen: Hier geht maximal eine 10-Kilowattanlage drauf. Wir konzentrieren die beschränkten Kapazitäten derzeit aber eher auf 100-Kilotwattanlagen, um mehr Strom ins Netz zu bekommen.“ Der 50-Jährige, der seit 16 Jahren im Tübinger Rathaus regiert, bleibt sich treu. „Ich will jetzt kein Riesenpaket vor der Wahl versprechen“, sagt er. Und doch versprüht er Charme – bringt die Leute zum Lachen. Warum sollte man ihn wählen? „Wenn Sie sagen, Tübingen steht mit 40 Prozent weniger CO2-Ausstoß und Tausenden neuen Arbeitsplätzen so gut da, und das hat nichts mit mir zu tun, können Sie mich wählen – dann stört der OB offensichtlich nicht.“ Und dann erzählt er eine Anekdote von einer alten Tübinger Bürgerin, die ihm auf dem Fahrrad zugerufen habe: „Sie wählen wir, Sie sind billiger als alle anderen.“

Pensionsansprüche habe er jetzt ohnehin – dann doch lieber nur ein Gehalt zahlen. Schwäbisch gedacht. Spätestens jetzt hat Boris Palmer die Lacher und Sympathien auf seiner Seite. Und so ist die Lage in der Universitätsstadt Tübingen kurz vor der Wahl – niemand traut sich eine Prognose zu. Repräsentative Umfragen gibt es nicht, nur Stimmungsschätzungen.

Boris Palmer kämpft um seine politische Zukunft. Wenn er nicht gewinnt, will er sich ins Privatleben zurückziehen, hat er angekündigt. Alles oder nichts – Palmer gibt es nur so, wie Palmer ist. Es ist ein OB-Wahlkampf, der wie kaum ein anderer medial begleitet wird. Der Spiegel hat berichtet, die FAZ, das ZDF, und die Regionalzeitungen sowieso. Deutschlands wohl bekanntester Oberbürgermeister kämpft gegen seine eigene Partei, die ihn ausschließen wollte, jetzt ruht seine Mitgliedschaft, ein für alle Seiten gesichtswahrender Kompromiss. Doch die Mehrheit aus Grünen und SPD, auf die er sich in 16 Jahren im Gemeinderat immer verlassen konnte, will ihn nicht mehr. Nur die Alternative Liste (AL), die zweite grüne Gruppierung in Tübingen, unterstützt ihn offiziell.

CDU und FDP haben keine eigenen Kandidaten aufgestellt. Obwohl es im bürgerlichen Lager viel Kritik gibt – etwa an der Verkehrspolitik mit dem verwirrenden Einbahnstraßensystem. Aber man anerkennt seine Bilanz. Wenn da nur nicht die Scharmützel wären. Ob als selbst ernannte Ordnungsmacht in der Altstadt, auf Facebook in endlosen Debatten über Flüchtlinge, Kriminalität und Zuwanderung – mit Beifall von rechtspopulistischer Seite, den er eigentlich gar nicht wollte. Ohne diese vielen Streitereien wären Boris Palmer wohl viele Türen für weitere Karriereschritte offen gestanden.

Der Ex-Shootingstar hat sich viel selbst verbaut

Palmer ist zweifelsohne ein brillanter Kopf, denkt konzeptionell und erfasst Zusammenhänge schneller als andere. Das wurde etwa in der Schlichtung zum Bahnprojekt Stuttgart 21 deutlich, Palmer saß als Verkehrsexperte der Grünen-Landtagsfraktion in den vom ehemaligen CDU-Politiker Heiner Geißler geleiteten Schlichtung. Dazu reiste der junge Boris Palmer durchs Land und lehre die Menschen die Baumschnitttechnik seines Vater Helmut Palmer, des Remstalrebellen, der selbst als Dauerkandidat bei OB-Wahlen antrat.

Jetzt aber muss Palmer um seine Wiederwahl bangen. Zwei Frauen wollen ihn ablösen – und versprechen vor allem einen anderen Stil. Ulrike Baumgärtner (43) und Sofie Geisel (50).

Baumgärtner war lange Jahre im Gemeinderat Sprecherin der Fraktion von Grünen und AL, seit 2019 Ortsvorsteherin des Stadtteils Weilheim, im Kreistag ist sie Co-Fraktionsvorsitzende. Nun steht sie an der Bushaltestelle im Stadtteil Lustnau, morgens um 6.30 Uhr, als die ersten Sonnenstrahlen über der Universitätsstadt aufgehen. Die Leute sind trotz der frühen Zeit interessiert – und wollen ganz genau wissen: „Welche drei Punkte unterscheiden Sie nun von Boris Palmer?“ Es ist ein kurioser Wahlkampf. Die drei Kandidaten gehören im Prinzip demselben Lager an. „Die 16 Jahre sind eine gute Zeit gewesen“, sagt sie im Hinblick auf die Erfolge unter Palmer in Sachen Energie und Klimaschutz. Dennoch versucht sie sich abzusetzen – das Thema Ökologie und Begrünung von Stadtteilen sieht sie unterrepräsentiert. Und will eine echte Willkommenskultur für Flüchtlinge in der Stadt schaffen – ein schroffer Gegensatz zur Flüchtlings-Rhetorik des Amtsinhabers: „Es geht auch um Unterstützung beim Wohnraum, dass sie ankommen in der Stadt“, sagt Baumgärtner. Und natürlich die Stilfrage. „Wir brauchen weniger ‚Ich weiß, wie es geht, mit dem Kopf durch die Wand‘, sondern mehr: ‚Ich schau mal, wo die Tür ist, und nehme noch ein paar Menschen mit‘.“ Deswegen hat sie den Wahlslogan „Gemeinsam sind wir Tübingen“ ausgewählt – um einen neuen Stil im Rathaus zu etablieren. Mehr zuhören, Ideen aufgreifen, mehr Teamwork. Und so will sie gar nicht so viel über den OB reden, dessen Politik sie im Gemeinderat getragen hat, und dessen Mitarbeiterin sie mal war, als dieser noch im Landtag saß. Sondern über Tübingen.

„Es macht mir unheimlich viel Freude, ich liebe diese Stadt und will mich für sie einsetzen“, sagt die promovierte Politologin.

Die Freien Wähler stützen die SPD-Kandidatin

Und dann gibt es noch eine dritte Kandidatin, die nicht nur inhaltliche Gemeinsamkeiten mit Boris Palmer pflegt. Sofie Geisel (50) hat vor 24 Jahren die spätere Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer (SPD) unterstützt bei ihrem Wahlkampf, während Boris Palmer für den grünen Kandidaten Wolf-Dieter Hasenclever antrat. Doch das ist Geschichte. Geisel, die Tochter des ehemaligen Landtags-Vizepräsidenten und Südwest-SPD-Urgesteins Alfred Geisel, ist längst eigene Wege gegangen, ist beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) im Hauptvorstand und als Geschäftsführerin eines Tochterunternehmens für 100 Mitarbeiter verantwortlich. Sie kämpft in den letzten Tagen vor der Wahl unter anderem im Stadtteil Pfrondorf um Wählerstimmen.

Treffpunkt ist der Dorfladen – ein Symbol für das außergewöhnliche Engagement in diesem Ortsteil, er ist ehrenamtlich organisiert. Sofie Geisel wird begleitet von Christian Wittlinger, Apotheker und im Gemeinderat für die Tübinger Liste – das sind die Freien Wähler von Tübingen. Die Gruppe ist eher von Handwerkern und Selbstständigen dominiert, nicht gerade SPD-Klientel – ein klares Zeichen. „Wir brauchen keine One-Man-Show, Ideen dringen nicht mehr durch“, sagt Wittlinger. Sofie Geisel hört viel zu, notiert sich einige Punkte, verteilt ihr Wahlprogramm. „Ich bin sehr stolz, dass mich die SPD gefragt hat“, sagt die 50-jährige. Und verweist darauf, dass nach 16 Jahren im Amt auch mal ein Wechsel kommen könnte. „In Baden-Württemberg ist das Amt des Oberbürgermeisters nahe dran am Absolutismus.“

Rafael Binkowski

Chefredakteur des Staatsanzeigers

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