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Tobias Degode: „Wir müssen zuerst an der Kultur im Haus arbeiten“

Tobias Degode ist Oberbürgermeister in Leonberg. Der Verwaltungsfachmann aus Düsseldorf konnte sich im ersten Wahlgang gegen seine Mitbewerber durchsetzen.
Stadt Leonberg/MRP/Studio/Michael Renner)Staatsanzeiger: Sie sind seit Anfang Dezember im Amt . Wie ist ihr Eindruck von Leonberg?
Tobias Degode : Sehr gut. Insbesondere auch von der Verwaltung. Die Schlagzeilen der vergangenen Jahre haben überdeckt, was für eine tolle Verwaltung wir hier haben. Ein durchaus junges Team, auch viele jüngere Amtsleitungen – und alle sehr engagiert.
Sie haben quasi zur Verabschiedung des Haushalts ihr Amt angetreten. Wie steht die Stadt da?
Gerade im Vergleich mit anderen Kommunen stehen wir sehr solide da. Leonberg hatte immer das Problem, dass Planung und Realität nicht übereinstimmten. Man hat immer viel zu viel geplant und dadurch einen anzeigepflichtigen Haushalt bekommen. Wenn man sich aber die Abschlüsse angeschaut hat, hat die Stadt eigentlich immer mit positiven Ergebnissen abgeschlossen.
Woher kommt die Diskrepanz?
Viele Bauprojekte wurden nicht umgesetzt. Kitas sind viele gebaut worden, die sind auch in einem guten Zustand. Aber gerade bei Schulen und anderer Infrastruktur wurde in den letzten Jahren doch sehr stark gespart – auf Kosten der Infrastruktur. Das war nicht erst unter meinem Vorgänger der Fall, sondern auch schon unter dessen Vorgänger Herrn Schuler. Der hat die Stadt bereits sehr stark auf Sparsamkeit getrimmt. Dadurch ist ein hoher Investitionsstau entstanden, den wir jetzt auflösen müssen.
Wie sieht es mit den Schulden aus?
Die Schulden sind seit 2016 mehr als halbiert worden. Wir haben jetzt einen ausgeglichenen Haushalt aufgestellt. Mein Ziel wäre, langfristig 20 Millionen Euro an Investitionen durchzuziehen. Realistisch sind wir vom Personal her derzeit allerdings eher in der Lage, 15 bis 16 Millionen Euro an Projekten umzusetzen. Beim Personal haben wir die gleichen Probleme wie alle anderen Städte auch.
Sind sie in Leonberg nicht noch größer angesichts vieler negativer Bewertungen auf Bewerberportalen?
Das macht uns sicher auch noch zu schaffen. Aber bei der Suche nach Amtsleitungen wurde auch schon registriert, dass die Stadt einen neuen Oberbürgermeister hat. Aber wir müssen daran arbeiten, unsere Arbeitgebermarke wieder aufzubauen. Die ist beschädigt. Aber da bringen uns Hochglanzkampagnen nicht weiter. Wir müssen zuerst an der Kultur im Haus arbeiten. Und wir müssen darüber reden, was wir hier Positives leisten.
Unter Ihrem Vorgänger war die „Stadt für Morgen“ ein zentrales Thema. Wie geht es damit weiter?
Hier muss man zwischen verschiedenen Themen trennen. Es gibt ein integriertes Stadtentwicklungskonzept. Da haben die Ämter gute Fachstrategien gemeinsam erarbeitet, etwa eine Grünflächenstrategie, Radverkehrskonzepte und vieles mehr. Dann gibt es die „Stadt für Morgen“, die sich auf das Sanierungsgebiet im Innenstadtbereich bezieht. Da ist bislang überschaubar viel Geld reingeflossen. Wir haben Fördermittelanträge gestellt. Planungen – gerade im Bereich Radverkehr – sind beanstandet worden und müssen überarbeitet werden. Wir müssen prüfen: Ist das, was dort geplant wurde, wirklich das, was die Bürgerinnen und Bürger erwarten?
Wo ist die Diskrepanz?
Aus meiner Sicht ist vor allem eine sehr teure Oberflächensanierung geplant, die weitgehend damit endet, dass wir Fahrradwege auf Straßen einzeichnen, bei denen man sich fragen muss, ob sie überhaupt geeignet sind, Radverkehr aufzunehmen. Ich komme aus einer Großstadt, und als ich die Planungen gesehen habe, habe ich mir gedacht: Da fahre ich aber nicht mit dem Fahrrad. Deshalb würde ich da einen anderen Weg gehen.
Welchen?
Wir starten gerade einen Strategieprozess mit dem Gemeinderat: Wohin wollen wir mit dieser Stadt? Ein Teil wird sein, dass wir uns die vielen guten Inhalte aus den Bürgerworkshops noch einmal konkret ansehen und prüfen: Was können wir davon verwerten, was nicht? Dann wollen wir uns eher in Richtung „Leonberg 2040“ – das ist der Flächennutzungsplan – auf den Weg machen und die integrierte Stadtstrategie umsetzen. Das ist aus meiner Sicht der sinnvollere Weg.
Schlechte, fehlende und zu schmale Radwege sind in Leonberg bereits seit Jahren ein Thema.
Wir müssen den Radwegeplan überarbeiten. Der ist von 2013. So baut man heute keine Radwege mehr. Es gibt aber auch gute Ansätze. Wir planen etwa eine Fahrradstraße. Dazu sind wir im Dialog mit den Gewerbetreibenden und der Bürgerschaft. Zudem schreiben wir gerade eine Verkehrs- beziehungsweise Stadtsimulation aus. Die Daten sind dabei noch ein Problem.
Obwohl bereits mit Verkehrsversuchen viele Daten erhoben wurden?
Ja. Es gibt beispielsweise Kontaktschleifen am Boden. Die erfassen aber nur den Pkw- und Lkw-Verkehr. Wir rüsten gerade Kreuzungen mit Kamerasystemen aus, um auch Daten über Fuß- und Radverkehr zu sammeln.
Wie wird es mit der ersten Bürgermeisterin, Josefa von Hohenzollern weitergehen? Ihr Vorgänger hatte sie ja vom Dienst freigestellt und bislang ist sie auch noch nicht wieder im Amt.
Da ist die Stadt rechtlich derzeit nicht am Zug. Das liegt beim Regierungspräsidium beziehungsweise beim Verwaltungsgericht. Ich habe persönlich keinen Konflikt mit Frau von Hohenzollern. Wenn sie zurückkommt, kommt sie zurück, und dann müssen wir schauen, wie wir zusammenarbeiten.
Zur Person: Tobias Degode
Der Verwaltungsbetriebswirt hat sein Amt als Oberbürgermeister von Leonberg am 1. Dezember angetreten. Zuletzt hatte der 39-Jährige Tobias Degode den Verwaltungsbereich des Kulturamts in Düsseldorf geleitet. Degode, der auch Rettungssanitäter beim Roten Kreuz war, erhielt bei der OB-Wahl im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit. Anfang der Woche hat er die Bürger und Bürgerinnen der Stadt aufgerufen, zur Wahl zu gehen und die Chance zu nutzen, über die Zukunft mitzuentscheiden, auch die 16- und 17-Jährigen, die erstmals den Landtag mitwählen dürfen.