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Und es dröhnt in Kretschmanns Ohren: Das schwierige Verhältnis zu den Beamten

Regierungschef Kretschmann und Beamtenbund-Chef Stich (r.): die Herren, die lange nicht miteinander konnten, bei einer zufälligen Begegnung.
dpa/Franziska Kraufmann)„(Und) es dröhnt in meinen Ohren“, singen nicht nur Reinhard May und Herbert Grönemeyer, während der eine einem Flugzeug hinterherschaut und der andere versucht, einen Parkplatz zu finden. Diese Zeile könnte auch von Winfried Kretschmann sein – in Erinnerung an den lautstarken Protest des Beamtenbunds 2012 in der Stuttgarter Liederhalle. Der ihm auch deshalb so zusetzte, weil er schon einmal einen Hörsturz hatte.
Kretschmann wäre fast am Radikalenerlass gescheitert
Kretschmann und die Beamten, das war schon ein besonderes Kapitel. Und dies dürfte auch mit Kretschmanns Vita zu tun haben. Schließlich wäre er beinahe am Radikalenerlass gescheitert. Der Lehramtsstudent hatte Biologie und Chemie studiert und sich gleichzeitig in äußerst linken Studentengruppen engagiert. Seine Akte wuchs auf gut 50 Seiten an. Nur mit viel Glück wurde er in den Staatsdienst übernommen.
Jedenfalls scheiterte 2011 der Plan des damaligen Beamtenbund-Landesvorsitzenden Volker Stich, Kretschmann gleich nach dessen Wahl zum Ministerpräsidenten in ein gedeihliches Verhältnis des Gebens und Nehmens einzubinden. Stattdessen erarbeitete die grün-rote Koalition eine „Giftliste“, die die Beamten derart erzürnte, dass es zum Protest am 3. März 2012 in der Liederhalle kam.
Während Regierung und Opposition vorne debattierten, machten hinten Polizisten und Strafvollzugsbeamte mit ihren Vuvuzelas derart viel Lärm, dass es dem Ministerpräsidenten noch Jahre später in den Ohren klang.
Volker Stich, der den Lärm nicht bestellt hatte – was in Kretschmanns Entourage allerdings niemand glaubte –, tat sich schwer, mit der Situation umzugehen. Anders als sein Vorgänger Horst Bäuerle hatte er auf Kooperation gesetzt, was ihm mit der Dienstrechtsreform, die noch unter Schwarz-Gelb beschlossen wurde, auch gelungen war.
Und jetzt erschienen alle Türen wie verrammelt. Das ging so weit, dass Kretschmann nicht einmal mehr zum Sommerfest des Beamtenbunds erschien und stattdessen seinen Amtschef Klaus-Peter Murawski schickte, der die Abwesenheit seines Chefs kaum verklausuliert mit der Unbotmäßigkeit der Beamten erklärte.
Mit den Jahren entspannte sich manches, und bei Stichs Abgang 2018 – der Gewerkschafter stand 14 Jahre an der Spitze des Beamtenbunds, fast so lange wie Kretschmann, der jetzt nach 15 Jahren aus dem Amt scheidet – war die „Liederhalle“ verziehen.
Stichs Nachfolger Kai Rosenberger genoss nie die Aufmerksamkeit seines Vorgängers, musste aber auch nie mit solchen Widerständen kämpfen. Nach und nach räumte Kretschmann Positionen – teils wohl aus der Erkenntnis, dass man nicht auf Dauer gegen die eigene Belegschaft regieren kann, teils auf Druck der Richter, die unter anderem die gekürzte Eingangsbesoldung als verfassungswidrig einstuften.
Beamtenbund wittert „Aktion Abendsonne“
Kretschmanns Wandlung zum Beamtenfreund ging so weit, dass er eine eigene Laufbahn für Geisteswissenschaftler ersann, die sogar dem Beamtenbund missfiel, weil er eine „Aktion Abendsonne“ zugunsten der Redenschreiber im Staatsministerium witterte. Schließlich hätte es auch sein können, dass die Grünen die Wahl am 8. März verlieren.
Drei DGB-Chefs
Mag der Beamtenbund auch der erste Ansprechpartner sein: Wichtig in Sachen Beamte ist auch der DGB. Winfried Kretschmann hatte es mit drei DGB-Chefs zu tun: Nikolaus Landgraf (2010–2017), Martin Kunzmann (2017–2022) und Kai Burmeister (ab 2022).