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Warum jeder zweite Platz im Wartezimmer abgesperrt ist

Auf einen der freien Wartezimmer-Plätze hat sich die Ärztin Sigrid Birrenbach gesetzt. Die Flatterbänder gehören zu einer Protestaktion.
Katy Cuko)Immenstaad. Wer vergangene Woche die Hausarztpraxis am See in Immenstaad betrat, musste sich wundern: Im Wartezimmer war jeder zweite Platz abgesperrt. Keine Hygienemaßnahme, kein Umbau – es war Protest. Die Fachärztin für Allgemeinmedizin Sigrid Birrenbach hat sich an einer bundesweiten Aktion des Hausärzteverbands beteiligt. Unter dem Motto „Augen öffnen statt Praxen schließen“ wollen die Mediziner sichtbar machen, dass die wohnortnahe Versorgung kippen könnte, wenn der Bund das Spargesetz wie geplant beschließt.
Es geht um das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz für die gesetzlichen Krankenkassen. Das soll die Beitragslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung schließen, die laut Finanzkommission bis 2030 auf rund 40 Milliarden Euro anwachsen könnte. Zwei Punkte treffen Praxen: Hausarztverträge, die in Baden-Württemberg seit fast 20 Jahren das Rückgrat der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) bilden, sollen finanziell beschnitten werden. Und: Die erst im Vorjahr beschlossene Entbudgetierung, mit der Hausärzte ihre Leistungen wieder voll vergütet bekommen, soll teilweise wegfallen.
Erfolgsmodell aus dem Südwesten
Die HZV, die 2008 in Baden-Württemberg mit der AOK gestartet ist, gilt als bundesweites Erfolgsmodell. Versicherte können sich freiwillig für eine Hausarztpraxis als erste Ansprechpartnerin entscheiden. Der Hausarzt übernimmt die Lotsenfunktion und koordiniert alle Behandlungs- und Überweisungsschritte. Doppeluntersuchungen und gefährliche Wechselwirkungen bei Medikamenten werden so reduziert. Studien belegen, dass durch die HZV tausende Rettungsdiensteinsätze und stationäre Krankenhausaufenthalte vermieden wurden. Ärzte profitieren von einem einheitlichen Pauschalsystem mit fairer Vergütung und reduzierter Bürokratie, was vor allem Praxen im ländlichen Raum stärkt. In Baden-Württemberg bestehen mit nahezu allen Krankenkassen Hausarztverträge, in die über 3,3 Millionen Versicherte eingeschrieben sind.
Dieses Modell steht mit dem Gesetzentwurf auf der Kippe. Mit ihren Sorgen hat sich Birrenbach, die seit 2017 HZV-Vertragsärztin ist, an den Bundestagsabgeordneten des Bodenseekreises, Volker Mayer-Lay (CDU), gewandt. „Wir arbeiten bereits heute am Limit oder sogar darüber hinaus“, sagt sie. Mayer-Lay verweist auf die Beitragslücke und darauf, dass „alle Teile unserer Gesellschaft“ einen Beitrag leisten müssten. Allerdings habe das parlamentarische Verfahren noch nicht begonnen, Änderungen seien jetzt „ausschließlich Sache des Ministeriums“.
Medizinerin Birrenbach widerspricht. Die baden-württembergische HZV sei laut Evaluation der Goethe-Universität Frankfurt vom Januar 2026 ein kosteneffektives Modell, mit dem Ärzte, Patienten und Krankenkassen zufrieden seien (siehe Kasten). Dass die Politik nun zudem von „Fixkostendegression“ spricht, ist für sie Wortklauberei. Der ökonomische Begriff besagt: Je mehr produziert wird, desto niedriger die Stückkosten. Birrenbach fragt: „Lässt sich das wirklich auf die Versorgung von Patienten übertragen?“ Konkret bedeute die neue Regel: Praxen, die zusätzliche Patienten in die HZV aufnehmen, würden dafür finanziell bestraft. Doch was tun, wenn der Kollege im Nachbarort die Praxis ohne Nachfolger schließt? Seine Patienten kamen in den umliegenden Praxen unter. „Das wäre mit der geplanten Regelung nicht mehr möglich“, meint sie
Die Hausärztin verweist auf Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), wonach niedergelassene Ärzte bundesweit über die Budgetierung jährlich bereits rund 2,7 Milliarden Euro unbezahlte ärztliche Arbeit leisten. Eine Fixkostendegression sei nichts anderes als ein neues Etikett für Budgetierung.
Weniger Termine für immer mehr Patienten
Genau hier setzt der Protest im Wartezimmer an. Der gesperrte Stuhl ist für die Immenstaader Hausärztin wie für viele ihrer Kollegen ein Bild: So sähe Versorgung aus, wenn Praxen weniger Patienten aufnehmen können. Dann gäbe es weniger Termine, längere Wartezeiten, in der Endkonsequenz geschlossene Praxen ohne Nachfolger. Für Birrenbach sind die abgeklebten Sitze deshalb keine Symbolik gegen ihre Patienten, sondern für sie.