Interview

Kreislaufprinzip: „Ich glaube, das ist die Zukunft des Bauens

Dass die Materialien eines Gebäude am Ende seiner Lebenszeit alle wieder verwertet werden können, wird in Zukunft eine große Bedeutung in der Architektur gewinnen. Baustoffe und Bauweise kommen dabei auf den Prüfstand, etwa beim neuen Feuerwehrgerätehaus in Straubenhardt, das von einem Stuttgarter Büro geplant worden ist. 

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In Straubenhardt haben Wulf Architekten ein Feuerwehrhaus nach dem „Cradle to Cradle“-Kreislaufprinzip realisiert.

FOTO: WULF ARCHITEKTEN)

Stuttgart. Wulf Architekten haben in Straubenhardt (Enzkreis) ein Feuerwehrhaus geplant, das nach dem „Cradle to Cradle“-Kreislaufprinzip (C2C) realisiert wurde. Alle Baustoffe wurden so konzipiert, dass sie künftig bei einem Um- oder Rückbau in einem neuen Bauvorhaben weiter- und wiederverwendet werden können. Ingmar Menzer glaubt, dass das die Zukunft des Bauens ist.

Staatsanzeiger: Wie aufwendig ist eine Planung nach dem Kreislaufprinzip verglichen mit der herkömmlichen Herangehensweise?

Ingmar Menzer: Der Mehraufwand ist derzeit noch erheblich. Wir haben einen zusätzlichen Planer, den C2C-Planer. Wir befinden uns in einer Phase, wo C2C und kreislauffähiges Bauen ganz am Anfang stehen. So haben wir eine Vielzahl an Produkten am Markt, die noch nicht kreislauffähig sind. Daraus müssen wir jene heraussieben, die kreislauffähig sind. Und teilweise müssen wir Produkte an Institute einschicken, die herausfinden müssen, was da drinsteckt und wie verträglich die Materialien sind. Hinzu kommt, dass wir bestimmte Materialein gar nicht ausschließen können, die man eigentlich vermeiden will. Etwa Dichtprofile in Fenstern. Die Fassadenzulassung schreibt dieses und kein anders Dichtprofil vor. Wir schicken das ein und stellen fest, dass es ungeeignet ist. Jetzt können wir nur darauf achten, dass es leicht demontierbar ist. Das ist dann der künftige Müll. Der Rest vom Fenster kann getrennt werden und verarbeitet werden. Die Dokumentation dieser Dinge macht es aber sehr aufwendig.

Ingmar Menzer ist Architekt und Geschäftsführender Gesellschafter von Wulf Architekten, Stuttgart, Berlin, Basel

Sie haben fast 250 einzelne Materialien für etwa 80 Bauteile ausgewählt. Nach was für Kriterien?

Wir schreiben gesunde Materialien aus und schließen bestimmte chemische Zusammensetzung dabei aus. Wir müssen natürlich aufpassen, dass wir trotzdem noch Angebote bekommen – das ist ein Spagat. Die Gebäude sollen nicht gesundheitlich beeinträchtigen. Im Gegenteil, sie sollen zum Wohlfühlen beitragen. Ein wichtiges Kriterium ist die einfache Demontierbarkeit. Nach dem Ende der Lebensdauer des Gebäudes muss man die Materialien wieder sortenrein entnehmen und bestenfalls ganze Bauteile weiterverwerten können. Und zwar gleichwertig und nicht als down-cycling. Oder ich kann sie dem biologischen Kreislauf wieder zuführen wie etwa Holz. Was wir eingebaut haben, sind Hölzer die unbehandelt sind, keine genagelten Konstruktionen, alles geschraubt. Man kann also alle Schraubverbindungen wieder lösen und das demontieren. Wo es ging, haben wir auf Verklebungen verzichtet. Wir haben auch auf Verbundmaterialien bis auf wenige Ausnahmen verzichtet. Das heißt, kein gespritztes Silikon, keine Epoxidharz-Abdichtungen, kein Bitumen auf Beton.

Spielen Ansätze wie die Lebenszyklusbilanz eine Rolle?

Wenn wir Bestandsgebäude umnutzen, haben wir oft das Thema, dass die Deckentragfähigkeit nicht ausreicht oder die Raumgeometrie, was die Höhe der Geschosse betrifft, nicht ausreicht. Da stellt sich die Frage, lässt sich das Gebäude überhaupt weiterverwenden? Also muss man bei einem Neubau darauf achten, etwa bei einem Skelettbau, dass beispielsweise Wände flexibel bleiben. In Straubenhardt haben wir darauf geachtet, dass das Gebäude erweiterungsfähig ist. Bei Bedarf kann der Innenhof mit Flächen gefüllt werden, das Gebäude kann nach Innen wachsen, ohne dass weitere Außenflächen benötigt werden.

Kreislauffähiges Bauen wird nur dann erfolgreich sein, wenn es betriebswirtschaftlich interessant ist für Investoren.

Ja, dafür brauchen wir eine Änderung bei der Wertermittlung von Immobilien. Wenn ich den Rohstoffwert meines Gebäudes beziffern kann – und muss -, dann ist meine Immobilie auch mehr wert. Dann besitzt meine Immobilie einen eingelagerte Materialwert, den ich möglicherweise auch beleihen kann. Dann wird das für Investoren interessant und dann könnte das auch zum Normalfall werden.

Glauben Sie, dass man Gebäude als Rohstofflager künftig verkaufen kann?

Das wäre schon heute keine Zukunftsmusik. Wir planen heute alle unsere Projekte digital mit Building Information Modeling, 3 D. Wir planen mit attributierten Bauteilen. Das heißt schon in der Planung wissen wir, wieviel Tonnen welchen Materials in welchen Bauteilen drinstecken. Ich kann also die Massen in meinem 3-D-Modell mit tagesaktuellen Werten an der Börse verknüpfen. Damit wird das für einen Investor interessant.

Braucht es auch gesetzliche Vorgaben, um die C2C voranzubringen?

Ja, dafür müssen wir die Baugesetzgebung ändern. Bereits im Bauantrag sollte ein bestimmter Prozentsatz an wiederverwertbaren Baustoffen vorgegeben sein. Und wir brauchen eine Änderung der Förderlandschaft. Wir fördern aktuell noch völlig ungesunde und schlechte Bauweisen. Im Prinzip fördern wir den Müll von morgen. Letztlich brauchen wir eine Förderung des kreislauffähigen und gesunden Bauens.

Wolfgang Leja

Redakteur Wirtschaft und Vergabe

0711 66601-131

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