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Hightech

Wenn der intelligente Roboter Putzen geht

In der Industrie hatte der Metzinger Roboterbauer Neura Robotics durch Verträge mit Bosch und dem Autozulieferer Schaeffler bereits Fuß gefasst. Nun sollen die humanoiden Maschinen auch zur Bewirtschaftung von Gebäuden eingesetzt werden.
Roboter reinigt in einem öffentlichen Badezimmer mit Waschbecken und Kabinen.

In Pflegeheimen, Bürogebäuden oder Veranstaltungshallen sollen künftig Roboter aus Metzingen für Sauberkeit sorgen oder Wartungsarbeiten übernehmen.

Neura Robotics)

Metzingen/Stuttgart. Das Bild erinnert an den Filmklassiker I, Robot, mit Will Smith: Ein humanoider Roboter steht am Bügelbrett und erledigt die Hausarbeit. Der Hersteller Neura Robotics in Metzingen hält solche Anwendungen für „4NE1“ für keine Zukunftsmusik mehr. Die Vorserien-Version – sie kann beispielsweise Wäsche sortieren und die Spülmaschine einräumen – ist für rund 60.000 Euro zu haben.

Die Maschine soll aber vor allem in Handwerk, Werkstatt oder Industrie eingesetzt werden. Dabei kann 4NE1 – gesprochen: For Anyone – auch anspruchsvolle Arbeiten übernehmen.

Das sollen Roboter aus Metzingen künftig auch in Pflegeeinrichtungen, Bürogebäuden, Veranstaltungshallen oder Flughäfen. Dort wollen Neura und das Stuttgarter Beratungsunternehmen für Bau und Infrastruktur, Drees & Sommer , künftig die humanoiden Maschinen mit Putz- und Wartungsarbeiten betrauen. Zunächst sollen dabei die Sanitäreinrichtungen im Vordergrund stehen, weil dort hohe Frequenz, Hygieneanforderungen und Personalmangel besonders hart aufeinanderträfen.

Gebäude sollen zu lernenden, interaktiven Systemen werden

Die Partnerschaft zwischen beiden Unternehmen soll aber deutlich über die Lieferung und den Einsatz von Robotern hinausgehen. Gemeinsam wollen sie Gebäude nicht nur planen und betreiben, „sondern als lernende, interaktive Systeme gestalten, als Umgebungen, die in Echtzeit mit Menschen und Robotern zusammenarbeiten.“

„Wir reden hier nicht mehr nur über Gebäudetechnik, sondern über kognitive Infrastruktur“, sagt Veit Thurm, bei Drees & Sommer verantwortlich für die Kooperation. Und Neura-Robotics-Chef David Reger betont: „Schon sehr bald werden Roboter nicht nur Werkzeuge sein, sondern selbstverständliche, intelligente Begleiter in unseren Gebäuden.“

Die Metzinger Roboter-Schmiede, die ihre Produkte einmal als „Smartphones mit Armen und Beinen“ charakterisiert hat, gilt vielen als großer Hoffnungsträger in der Hightech-Industrie. „Unser Ziel ist es, nach SAP der nächste international erfolgreiche Multimilliardenkonzern zu werden, der aus Deutschland kommt“, sagte Reger einmal dem „Handelsblatt“.

Produktion aus China zurück nach Schwaben verlegt

Inzwischen sind in dem erst 2019 gegründeten Unternehmen mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigt. Gründer Reger hatte damit begonnen, Sensoren in Roboterarme einzubauen, und sie mit KI zu vernetzen. Mehr und mehr haben so seine Roboter Sehen, Hören und Tasten gelernt.

Die menschenähnlichen Maschinen können nicht nur durch ihre Lernfähigkeit schneller in der Produktion umsetzen. Das Wissen wird automatisch auf die „Geschwister“ übertragen.

Ursprünglich hatte Reger die Produktion in China errichtet. Doch viele Anwender hätten klar signalisiert, dass sie sensible Produkte von dort nicht akzeptieren. Zudem stamme die wichtigste Technologie ohnehin aus Deutschland, erklärt Reger. Also ist Neura wieder nach Metzingen zurückgekehrt und breitet sich in der Kleinstadt südlich von Stuttgart rasant aus.

Neura hat nach eigenen Angaben bereits einen Auftragsbestand von einer Milliarde Euro. Für dieses Jahr rechnen die Metzinger Senkrechtstarter erneut mit Umsätzen im dreistelligen Millionenbereich. Dabei steht derzeit noch das Training der Roboter im Mittelpunkt. Dafür wurden neben Metzingen auch in München Hallen eingerichtet. In den Neura-Gyms genannten Trainingszentren sollen Kunden in aller Welt sehen, was möglich ist. In den nächsten Jahren ist dann die Skalierung der Produktion im großen Stil geplant.

Gründer befürchtet eine zu starke Regulierung

Auch wenn Reger mit seinem Unternehmen nach Deutschland zurückgekehrt ist, hadert er mit den Rahmenbedingungen. „Uns lähmt der Reflex, Bestehendes zu schützen – statt Neues zu fördern“, klagt er. Darum habe man in Deutschland viele Innovationen nicht zur Marktreife gebracht oder ganze Trends verpasst.

Auch für die Robotik sieht er, dass Regulierungen in Europa die Entwicklung ausbremsen könnte. „Den nächsten großen Fortschritt werden wir dann erreichen, wenn sich Roboter mühelos in bestehende IT- und Datenlandschaften integrieren lassen“, sagt der 37-Jährige. Und wenn dann Unternehmen und Anwender mit minimalem Aufwand eigene, neue Anwendungen und Fähigkeiten erstellen könnten, werde Robotik zum Alltagsprodukt skalierbar.

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