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Nationalsozialismus

Vier Landtagspräsidenten hatten eine NS-Vergangenheit

Vier ehemalige Landtagspräsidenten und vier Künstler, deren Werke im baden-württembergischen Landtag ausgestellt sind, haben eine NS-Vergangenheit. Dies soll perspektivisch im Landtag gekennzeichnet werden.
Neun Büsten auf hohen Sockeln vor beleuchteter Wand.

Neun Büsten von ehemaligen Landtagspräsidenten stehen im Foyer des Landtags.

Ralf Schick)

Stuttgart. Neun Büsten von ehemaligen Präsidenten des baden-württembergischen Landtags stehen am vergangenen Mittwoch beleuchtet in einer Ecke im Foyer des Landtags. Vier davon werden künftig vermutlich in einer anderen Form präsentiert, nachdem deren NS-Vergangenheit erforscht wurde.

Als erstes Parlament eines Flächenlandes lässt der Landtag von Baden-Württemberg die NS-Vergangenheit südwestdeutscher Landtagsabgeordneter sowie NS-Bezüge von im Landtag ausgestellten Kunstwerken wissenschaftlich untersuchen. Erste Ergebnisse des 2024 gestarteten Forschungsprojekts: Vier Ex-Landtagspräsidenten und vier Künstler, deren Werke im Landtag zu sehen sind, haben eine NS-Vergangenheit.

Bronzebüste eines Mannes auf Sockel mit Inschrift. Hintergrund orange beleuchtet. 4 Bilder

Als Konsequenz empfiehlt ein wissenschaftlicher Beirat, die Werke mit erklärenden Hinweisen zu versehen. Laut Gutachten besteht Handlungsbedarf bei den Künstlern Walter Brudi, David Fahrner, Jakob Wilhelm Fehrle und Fritz von Graevenitz. Gleiches gilt für die Büsten der früheren Landtagspräsidenten Erich Ganzenmüller, Franz Gurk, Carl Neinhaus und Camill Wurz.

Als Grund wird eine „formale Belastung“ durch Mitgliedschaften in der NSDAP oder anderen Organisationen des NS-Regimes genannt. Das Gutachten betont, dass die vier ehemaligen Präsidenten nicht aktiv an NS-Verbrechen beteiligt waren.

Brüche und Kontinuitäten in den Biografien

Ziel des Projektes sei es, die Brüche und Kontinuitäten in den Biografien sichtbar zu machen. Das Gutachten und Handlungsempfehlungen mit dem Titel „NS-Bezüge der im Landtag von Baden-Württemberg ausgestellten Kunstwerke“ ist auf der Homepage der Landeszentrale für politische Bildung abrufbar.

Der Beirat empfiehlt, dass die Büsten als historisch gewachsenes Ensemble erhalten bleiben sollen. Allerdings sollen sie „ausführlich kommentiert werden“. Zugleich schreibt der Beirat, „dass keine moralischen Werturteile aus der Perspektive der Nachgeborenen abgegeben werden sollen“. Vielmehr gehe es darum, „historische Fakten zu präsentieren, Fragen aufzuwerfen und Gesprächsanlässe zu schaffen“.

Zugleich solle berücksichtigt werden, „dass sich alle vier Politiker in die Nachkriegsdemokratie integrierten und an maßgeblichen Stellen an ihrem Aufbau beteiligt waren“. Eine moralisch grundierte Schuldzuweisung verbiete sich nach Ansicht des Beirats ebenso wie eine undifferenzierte Wertung der vier Biografien im „Dritten Reich“.

„Gleichwohl ist herauszustellen, dass vor allem Neinhaus als Oberbürgermeister von Heidelberg eine prominente Stellung im Herrschaftsgefüge des NS-Staates innehatte und Camill Wurz neben seiner NSDAP-Mitgliedschaft bereits in den 1920er-Jahren Mitgliedschaften und Aktivitäten im republikfeindlichen, rechtsextremen und terroristischen Milieu aufweist“, heißt es weiter.

Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) kündigte an, dass die Verwaltung nun prüfe, wie das umgesetzt werden könne. „Es geht darum, die Wahrheit zu erkennen und sie abzubilden“, sagte Aras in der vergangenen Woche bei einem Fachgespräch in Stuttgart. Schließlich sei ihr „die Offenheit und Transparenz wichtig“, betonte Aras.

Frank Engehausen, Professor am Historischen Seminar der Universität Heidelberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, hatte sich mit den Ex-Landtagspräsidenten beschäftigt. „Es gab bei keinem ein politisches Glaubensbekenntnis“, betonte Engehausen beim Fachgespräch, das von Cornelia Hecht-Zeiler, Direktorin vom Haus der Geschichte und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat, moderiert wurde.

NS-Künstler schuf Büste von NS-Opfer Eugen Bolz

Bei den Künstlern sieht man vor allem bei der von Fritz von Graevenitz geschaffenen Büste des ehemaligen und von den Nazis ermordeten Staatspräsidenten Eugen Bolz „eine problematische Situation“. Graevenitz habe eine „beträchtliche“ NS-Belastung, zumal er vor 1945 Büsten von Adolf Hitler angefertigt und Auftragsarbeiten für weitere hochrangige Vertreter des NS-Regimes ausgeführt hatte.

„Die Büste muss mit einem deutlichen Hinweis auf die NS-Belastung des Künstlers kommentiert werden“, empfiehlt der Beirat. Und sie „sollte an einen anderen, weniger prominenten Ort im Landtagsgebäude versetzt und mit einer entsprechenden Kommentierung versehen werden“. Zudem könnte ein Kunstwettbewerb ausgeschrieben werden, „um einen neuen Erinnerungsort im Landtag zu schaffen“.

Der Künstler Walter Brudi war bereits 1929 in die NSDAP eingetreten und er hat das Landeswappen entworfen, das groß über dem Plenarsaal zu sehen ist. Hier empfiehlt der Beirat ebenfalls, dass es sowohl in der Nähe des Wappens als auch online auf den Internetseiten des Landtags eine kritische Kommentierung erhalten soll. Eine Verfremdung oder eine Demontage des Wappens sollte aber vermieden werden.

Leonie Beiersdorf, Kunsthistorikerin an der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, sagte: „Kunst hatte eine große Bedeutung im Nationalsozialismus. Die Künste galten als unentbehrlich“. Bei ihren Recherchen habe sie untersucht, ob diese Künstler große Aufträge vom Staat erhalten haben und ob sie bei der Großen Deutschen Kunstausstellung in München mitmachten.

„Denn dafür musste man sich bewerben und nicht jeder Künstler wurde eingeladen. Diese Ausstellung war die Plattform für Linientreue“, so Beiersdorf weiter.

Cornelia Hecht-Zeiler, Direktorin Haus der Geschichte, Historiker Frank Engehausen und Kunsthistorikerin Leonie Beiersdorf. Fotos: Ralf Schick
Ralf Schick)

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