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Rilke-Jahr: Literaturarchiv Marbach beleuchtet die Lebenswelten des Dichters

Im Literaturmuseum der Moderne in Marbach begrüßt die Zeichnung einer Raubkatze die Besuchenden zur Rilke-Schau.
Schlosser)Marbach. Literatur auszustellen ist nicht leicht, aber das Deutsche Literaturarchiv Marbach (dla) präsentiert immer wieder Beispiele, wie es gelingen kann. Die Schau „Und dann und wann ein weißer Elefant. Rilkes Welten“ im Literaturarchiv der Moderne (LiMo) entfaltet einen ganzen Kosmos um die Person des Dichters, der ihn in vielen Lichtern und Irrlichtern erscheinen lässt.
Dabei punktet das Haus nicht allein mit Exponaten aus dem jüngst erworbenen Rilke-Archiv Gernsbach, sondern auch aus zahlreichen weiteren hauseigenen Sammlungen, etwa der Sammlung Rainer Maria Rilke, der Sammlung Obermüller und Jean Gebser und dem Kippenberg-Archiv.
Rilkes Geburtstag jährte sich am 4. Dezember dieses Jahres zum 150. Mal, am 29. Dezember 2026 jährt sich sein 100. Todestag. Das dazwischen liegende Rilke-Jahr wurde in Marbach eigentlich bereits Ende September mit der Tagung „Rilke & Ecology“ eingeläutet, die sich mit der Einstellung Rilkes zur Natur und Ökologie befasste. In der Schau im LiMo nun können Besuchende in diese Facette wie auch in viele anderen eintauchen und Rilke nicht allein als sprach- und wortgewandten Literat und Künstler, sondern auch als Wanderer zwischen den Welten, als Kosmopolit, Netzwerker, als Reisenden und Rastlosen kennenlernen.
„Die Schau folgt keinem biografisch-chronologischen Narrativ, sondern richtet den Blick auf die verschiedenen sozialen, intellektuellen und künstlerischen Welten, in denen Rilke lebte und verkehrte“, sagt Vera Hildenbrandt, Leiterin der Museen in Marbach, die gemeinsam mit der Direktorin des dla, Sandra Richter und weiteren Beteiligten die Ausstellung kuratiert hat.
Mehr als 300 Exponate, darunter Briefe, Tagebucheinträge, Fotos, Zeichnungen und Texte sowie interaktive Stationen sind auf rund 800 Quadratmeter zu sehen und zu erleben. Bereits im Foyer werden die Besucher von Rilkes Zeichnung einer Raubkatze im lebensgroßen Format begrüßt, die Assoziation zu einem seiner berühmtesten Gedichte „Der Panther“ liegt auf der Hand.
Im Untergeschoss dann entfaltet sich Rilkes Leben in verschiedenen Etappen – zunächst illustriert mit großformatigen Fotos und einer Skulptur, dann in beleuchteten Vitrinen-Reihen in verdunkelten Räumen. Sie beschäftigen sich mit dem Kind, das erst als Mädchen später als Junge erzogen wird, mit Militär und dem Krieg, mit Freundschaften und Mäzenen, mit dem Literaturbetrieb und seinem künstlerischen wie literarischen Schaffen und schließlich mit seinen Reisen, seinem „unstäten Leben“.
Rilke lebte an über 100 Orten und er war vielsprachig
Seine Neugier am Anderen, Fremden, seine Offenheit für das Neue, lässt ihn viele Freundschaften schließen, führt ihn aber auch auf Abwege, die er später – wie etwa seine Berufslaufbahn beim Militär – revidiert. Rilke heiratete, hatte eine Tochter und verließ beide wieder, um in Paris zu leben. Er liebte Russland, begeisterte sich kurz für die Räterepublik und verteidigte den Faschismus Mussolinis. „Rilke lebt an mehr als 100 Orten in halb Europa, überträgt Texte von 56 Autoren aus acht Sprachen ins Deutsche“, so Hildenbrandt. „Sein Horizont, seine Lektüren, sein Schreiben sind international.“
Besucher können Briefe an Rilke schreiben
In zwei Räumen können die Besucher in Dialog mit Rilke treten, einen Brief an ihn schreiben, die der Ausstellung namensgebende Strophe aus seinem Gedicht „Das Karussell“ umstellen und so ein eigenes Gedicht kreieren.
In einem weiteren Saal finden sich von der Decke herabhängende schmale Pergamentrollen, mit Schrift und Blüten versehen ebenso wie Vitrinen zu Themen wie Garten, Freundschaft und schließlich Tod. Den fand der an Leukämie erkrankte Rilke am 29. Dezember 1926, erst 51 Jahre alt, im schweizerischen Montreux. Sein Grabstein ziert ein Gedicht, das viel über sein Leben aussagt: „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.“
Publikationen und Veranstaltungen
Zum Rilke-Jahr sind zahlreichen Filme und Publikationen erschienen, unter anderen das Marbacher Magazin „Und dann und wann ein weißer Elefant. Rilkes Welten“, das die Ausstellung mit zahlreichen Texten und Abbildungen begleitet. Außerdem erschien ebenfalls als Marbacher Magazin der Lyrik-Band „Rilke international – Zeitgenössische Echos auf Rilkes Lyrik“. Entstanden in Zusammenarbeit mit der Stiftung Lyrik Kabinett in München haben sechszehn Lyrikerinnen und Lyriker aus verschiedenen Ländern auf der Grundlage Archivalien des Rilke-Bestands in Marbach eigene Texte verfasst. Am 4. Februar, 19 Uhr, diskutieren im Humboldt-Saal im Literaturarchiv Rilke-Experten zum Thema „Die vielen Leben des R.M.R.“ Auf arte.tv ist noch bis 31. Mai der Dokumentarfilm „Rilke – Du musst Dein Leben ändern“ zu sehen.