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Ganztagsbetreuung

Rechtsanspruch auf Ganztag: Kultusministerin Schopper spricht von „Aufholjagd“ für Land und Kommunen

Ab Sommer 2026 gilt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hat sich an der Schloss-Schule in Karlsruhe-Durlach angesehen, wie ein funktionierendes Ganztagskonzept aussehen kann. Klar wird aber auch: Die flächendeckende Umsetzung ab dem kommenden Schuljahr stellt Land und Kommunen vor eine "Mammutaufgabe".
Zwei Erwachsene und drei Kinder sitzen an einem Tisch in einem belebten Raum.

Kultusministerin Theresa Schopper (r) mit Rektorin Melanie Erndwein (l) beim Besuch der Mensa der Schloss-Schule in Karlsruhe-Durlach.

Patrick Wittmann)

Karlsruhe-Durlach . Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder rückt näher. Ab dem Schuljahr 2026/27 müssen Länder und Kommunen für Erstklässler ein verlässliches Angebot vorhalten – ein Kraftakt, vor allem für die Kommunen. Wie ein funktionierendes Ganztagskonzept aussehen kann, davon machte sich Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) bei einem Besuch der Schloss-Schule in Karlsruhe-Durlach ein Bild. In der sogenannten Stützpunktschule wird der Ganztag bereits erfolgreich praktiziert.

Bei der Führung durch die Schule betonte die Ministerin auch die besondere soziale und gesellschaftliche Bedeutung dieses Betreuungskonzeptes. Der Ganztag habe zwei „hervorragende Eigenschaften“, sagte Schopper: Er verbessere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und fördere die Chancengleichheit in der Bildung. Zugleich räumte Schopper ein, dass Baden-Württemberg im Ganztagsbereich „nicht der Primus“ sei und man noch eine „große Aufholjagd“ vor sich habe. Das Land müsse jetzt viel Geld in die Hand nehmen, um die Kommunen zu unterstützen.

Rechtsanspruch kommt schrittweise

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung wird ab dem Schuljahr 2026/27 schrittweise eingeführt und bis 2029/30 auf alle Grundschulkinder ausgeweitet. Der Anspruch umfasst jeweils acht Stunden Betreuung an fünf Werktagen pro Woche. Er gilt auch für die Zeit der Schulferien. Eltern können dieses Angebot laut Kultusministerin Theresa Schopper „einklagen“, sind aber nicht verpflichtet, es zu nutzen.

Ganztagsbetreuung bedeutet dabei nicht automatisch Unterricht, sondern kann unterschiedlich ausgestaltet sein. Das Spektrum reicht von Ganztagsschulen mit rhythmisiertem Tagesablauf und zusätzlichen Förder-, Sport- oder Freizeitangeboten bis hin zu Halbtagsschulen mit Unterricht am Vormittag und einer kommunal organisierten Nachmittagsbetreuung. Auch Mischformen sind möglich. Die konkrete Ausgestaltung wird von Schule und Kommune gemeinsam festgelegt, teils unter Einbeziehung der Eltern. Gerade diese Wahlfreiheit erhöht jedoch die Komplexität der Umsetzung, organisatorisch wie finanziell.

Personal, Räume, Kosten: große Herausforderungen

Das Kultusministerium beschreibt die Ganztagsschule als Ort des „Lernens und Lebens mit strukturiertem Alltag und besseren Bildungschancen“. Ob dieser Anspruch flächendeckend eingelöst werden kann, ist offen . Viele Schulträger stoßen bereits an ihre Grenzen. Hartmut Allgaier, Leiter des Schul- und Sportamts der Stadt Karlsruhe, sprach von einer „Mammutaufgabe“ für die Kommunen, die entsprechenden „Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Kinder ganztägig betreut werden können . Dafür brauche es auch die Unterstützung des Landes. Als zentrale Herausforderung nannte er den Mangel an qualifiziertem Personal bei Lehr- und Betreuungskräften. Um den Rechtsanspruch erfüllen zu können, seien frühzeitig tragfähige Strategien zur Personalgewinnung erforderlich.

Hinzu kommen vielerorts fehlende Räume für Mittagessen, Freizeit- und Rückzugsphasen sowie steigende Kosten für Betrieb und Infrastruktur. Zur Bewältigung dieser Herausforderungen unterstütze der Bund Baden-Württemberg im Rahmen des Investitionsprogramms Ganztagsausbau mit rund 360 Millionen Euro , sagte Schopper. Das Land habe diese Mittel um weitere 861 Millionen Euro aufgestockt und stelle sie den Kommunen sowie freien Trägern zur Verfügung . „Das ist viel Geld, aber es ist gut angelegtes Geld“, so Schopper. Die Kommunen seien schließlich die „Gewährleistungsträger, damit ein Ganztagsangebot ermöglicht werden könne“.

„Leben und Lernen“ an der Schloss-Schule: Ganztag im Alltag

Wie gelungener Ganztag aussehen kann, zeigt die Schloss-Schule in Karlsruhe-Durlach. Die Grundschule ist Ganztagsschule in Wahlform und seit dem Schuljahr 2020/21 eine von 22 Stützpunktschulen des Landes Baden-Württemberg. In dieser Funktion öffnet sie sich regelmäßig für Hospitationen von Kommunen und Schulleitungen anderer Einrichtungen. Ziel sei der „kollegiale Austausch und die Weitergabe praktischer Erfahrungen“, betonte Rektorin Melanie Erndwein bei der Vorstellung der Schule.

Mit 387 Schülern und rund 70 Mitarbeitenden ist die Schloss-Schule derzeit die größte Grundschule in Karlsruhe. Rund die Hälfte der Kinder (192) besucht die Schule ganztags. Unterrichtet wird in getrennten Klassen: Während die Halbtagsschüler mittags nach Hause oder in eine kommunale Betreuung gehen, bleiben die Ganztagskinder den kompletten Tag in ihrer Klassengemeinschaft. Der Nachmittag ist dabei fest in den Schulalltag integriert und wird durch das pädagogisch gestaltete Mittagsband – der Zeitraum rund um das Mittagessen – mit dem Vormittagsunterricht verknüpft. Im Tagesablauf wechseln sich Lern-, Spiel- und Erholungsphasen ab.

Im Mittelpunkt des pädagogischen Konzeptes stehen laut Erndwein Qualitätsmerkmale wie Kompetenzentwicklung, kooperative Professionalität, demokratische Partizipation und ein positives Schulklima. Ziel sei es, sowohl „die individuellen Bedürfnisse der Kinder als auch das Leben in der Gemeinschaft zu stärken“. Eine der großen Herausforderungen dabei sei in einer Schule mit Ganztags- und Halbtagskinder, „diese beiden Konzepte im Alltag gleichwertig als Symbiose zu gestalten, damit auch eine Schulgemeinschaft entstehe“, so die Rektorin.

Kommune als Schlüsselpartner

Voraussetzung für ein funktionierendes Ganztagskonzept seien nach Einschätzung von Erndwein neben einer gewissen „Leidenschaft und Herzblut in der Umsetzung“ vor allem die Unterstützung durch die Eltern und „externe Partner“. Eine zentrale Rolle spiele dabei die Stadt Karlsruhe, die nicht nur das Mittagessen organisiert, sondern auch pädagogische Fachkräfte für die Ganztagsbetreuung stellt. Diese zusätzliche pädagogische Perspektive sei ein wichtiger Baustein des Konzepts.

Ein weiterer Erfolgsfaktor waren umfangreiche Um- und Neubauten, gefördert durch Programme von Bund und Land. In enger Zusammenarbeit mit dem Hochbauamt der Stadt Karlsruhe seien pädagogisches Konzept und Raumgestaltung aufeinander abgestimmt worden. Auch Wünsche der Kinder seien eingeflossen, so Erndwein, „um ihnen einen abwechslungsreichen Tag hier zu ermöglichen.“

Vorbild mit Signalwirkung – und eine offene Bewährungsprobe für das Land

Die Schloss-Schule in Karlsruhe-Durlach zeigt: Gelingende Ganztagsbetreuung ist in Baden-Württemberg bereits Realität. Zugleich wurde deutlich, wie viel Zeit, Personal und Investitionen dafür nötig sind. Kultusministerin Schopper spricht von einer „Aufholjagd“, bei der das Land erhebliche Mittel „in die Hand nehmen müsse“, um die Kommunen zu unterstützen. „Denn sie sind die Gewährleistungsträger dafür, dass Ganztagsbeschulung umgesetzt werden kann“. Ob das landesweit rechtzeitig gelingt, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden.

Kultusministerin Theresa Schopper (r) wird von Rektorin Melanie Erndwein (l), Schülern und Lehrkräften in der Schloss-Schule in Karlsruhe-Durlach begrüßt.
Patrick Wittmann)

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