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Die China-Expertin Hanna Böhme ist nun das Gesicht der badischen Industrie

Hanna Böhme ist seit Jahresbeginn Hauptgeschäftsführerin des Wirtschaftsverbands Industrieller Unternehmen Baden (WVIB) mit Sitz in Freiburg.
wvib)Freiburg . Hanna Böhme ist keine Frau der lauten Töne. Wenn die neue Hauptgeschäftsführerin des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen Baden (WVIB) über Deutschland spricht, klingt sie eher nüchtern-analytisch – und drängt zum Aufbruch: „Deutschland kann mehr.“ So heißt die neue Kampagne des Verbands, so lautet ihr Appell an Politik und Gesellschaft.
Geboren 1976 in Freiburg, Abitur in Hongkong, Studium in Marburg, Taipei und London – Böhmes Lebenslauf ist ein Gegenentwurf zur provinziellen Komfortzone. Fünfzehn Jahre arbeitete sie für die Landesbank Baden-Württemberg, elf davon in Peking und Singapur.
Scharfer Blick auf Dynamik und Stillstand
Aus dieser Zeit rührt ihr scharfer Blick auf Dynamik – und Stillstand: Während man in Stuttgart seit gut 16 Jahren an einem neuen Bahnhof baut, hat sich China in rasantem Tempo zu einer exportgetriebenen Hightech-Supermacht entwickelt. „China ist heute ein ganz anderes Land als das, welches ich 2011 verlassen habe“, sagt sie. „Das gilt allerdings nicht nur für China, sondern für viele Länder dieser Welt.
Die Rückkehr nach Deutschland führte sie zunächst an die Spitze der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messegesellschaft. Dort verantwortete sie Wirtschaftsförderung, Messe und Konzerthaus – ein breites Portfolio zwischen Stadtmarketing, Standortpolitik und Veranstaltungsmanagement. Seit Jahresbeginn ist sie Hauptgeschäftsführerin des WVIB in Freiburg, auch bekannt als Schwarzwald AG. Der Verband steht exemplarisch für das, was Deutschland stark gemacht hat: hochspezialisierte, oft familiengeführte Industrieunternehmen, exportorientiert, technikaffin, aber traditionell eher leise. Hanna Böhme will den über tausend Mittelständlern eine neue Stimme geben – freundlich im Ton, aber bestimmt in der Sache.
Breite Verunsicherung im Mittelstand
Denn mittlerweile trifft sie hier auf breite Verunsicherung. Viele Unternehmen hätten lange davon profitiert, dass aufstrebende Volkswirtschaften deutsche Maschinen und Anlagen brauchten. Nun dränge gerade China mit eigenen technologisch hochwertigen Produkten in die Märkte – unter „unfairen Rahmenbedingungen“, wie sie sagt. Der internationale Wettbewerb verschärft sich, während sich Deutschland im „Klein-Klein“ der Regulierung verliert. „Wir müssen am Standort Deutschland unsere Hausaufgaben machen“, sagt Böhme. „Wir brauchen dringend eine Reformagenda, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen wiederherzustellen.“ Die Volkswirtin spricht von „Fesseln für unsere Unternehmen“. Die gelte es zu sprengen, und zwar nicht nur im Bund und auf Landesebene, sondern vor allem in Brüssel.
Einzelne Entlastungen hält Böhme nicht für zielführend. Sie fordert eine Gesamtschau des Systems: Sozialsysteme, Steuerlast, Regulierungsdichte, Bildungsniveau. Vieles sei über Jahrzehnte aufgeschoben worden. Die Idee eines „Verfallsdatums“ für Gesetze hält sie deshalb für sinnvoll.
Besonders kritisch sieht sie die hohe Steuerbelastung. Deutschland liege im internationalen Vergleich „sehr hoch“. Die geplante Senkung der Körperschaftsteuer ab 2028 komme „zu spät und ist zu gering“. Jeder abgeschöpfte Euro fehle unseren Unternehmen dort, wo er eigentlich gebraucht würde: für Investitionen in neue Geschäftsmodelle, Produkte, Technologien.
Parallel steigen die Sozialbeiträge, unter anderem durch die geplante Rentenreform. Das treibt die Lohnkosten hoch – ein Faktor, der bei den Standortentscheidungen global agierender Mittelständler eine immer größere Rolle spielt. „Viele unserer Mitgliedsunternehmen haben eben mehr als einen Standort. Und die überlegen, ob man doch eher an dem Standort im Ausland investiert.“
Landespolitik soll Wirtschaft mehr Gewicht geben
Trotz aller Unbill ist Böhme eine Optimistin. „Wirtschaft ist vielfach Psychologie. Unsere jüngste Konjunkturumfrage zeigt, dass die Erwartungen der Unternehmen heute wieder besser sind als vor einem Jahr.“ Die Enttäuschung etwa über den ausgebliebenen „Herbst der Reformen“ sei zwar groß. Aber: „Die Bundesregierung hat noch alle Chancen.“
Wenn in Baden-Württemberg am 8. März gewählt wird, hofft Böhme, dass die Wirtschaft in der Landespolitik mehr Gewicht bekommt. Doch sie weiß auch um die Grenzen: „Vieles, was unsere Unternehmen belastet, wird in Berlin oder Brüssel entschieden.“ Umso wichtiger sei es, dass die Landespolitik ihre Gestaltungsmacht nutzt: Landesbauordnung, Genehmigungsverfahren und Bildungspolitik. Baden-Württemberg sei im PISA-Vergleich „nicht mehr auf den Spitzenplätzen“, konstatiert sie. Die zentrale Frage sei: „Wollen wir eigentlich wieder spitze werden?“ Für sie ist klar: „Das müssen wir anstreben, damit wir in einem globalen Wettbewerb bestehen können.“
Zur Person
Hanna Böhme, 1976 in Freiburg geboren, ist Wirtschaftswissenschaftlerin mit Sinologie-Hintergrund. Nach dem Abitur 1995 am Li Po Chun College in Hongkong studierte sie in Marburg, Taipei und machte ihren Master in London (SOAS). Ihre Karriere startete 2001 bei der LBBW: Trainee in Stuttgart, dann Chief Representative in Peking (2004–2007), Referentin (2008), Managing Director in Peking (2008–2011) und Singapur (2011–2016). Nach einer Familienauszeit leitete sie ab 2018 die Freiburg Wirtschaft Touristik & Messe GmbH. Seit Januar 2026 ist sie Hauptgeschäftsführerin des WVIB (Schwarzwald AG).