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Kommentar zur Landtagswahl

Özdemirs Aufholjagd und persönliche Verletzungen

Mit einer faustdicken Überraschung wartet die Landtagswahl auf. Cem Özdemirs Grüne vorne, Manuel Hagel sieht den Regierungsauftrag bei der Ökopartei. Es bleiben bei der CDU viele Verletzungen, zwei Rücktritte bei SPD und FDP.

Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen, mit Manuel Hagel, Spitzenkandidat der CDU, bei der Landespresekonferenz im Landtag.

Chris Emil Janssen)

Stuttgart. Noch vor vier Wochen hätte wohl kaum jemand einen höheren Wetteinsatz auf einen Wahlsieg von Cem Özdemir gegeben. Zu weit lag die CDU vorne, fast 12 Punkte noch im Januar, die Wahl schien entschieden . Dann setzte Cem Özdemir zu einer fulminanten Aufholjagd an, die schon weit vor der Debatte um das Eva-Video die Umfragewerte der Grünen steil nach oben trieb. Die Grünen inszenierten eine nahezu perfekte Kamapgne mit gutem Werbematerial, einem glaubwürdigen Kandidaten und einer ganz auf die Person Özdemir zugeschnittene Personalisierung, die bei den Grünen früher undenkbar gewesen wäre.

Landtagswahlen werden immer mehr zu Plebisziten über populäre Politiker, das ist eine Entwicklung auch aus anderen Bundesländern. Daher war es eine kluge Strategie der Grünen, voll auf die Person Özdemir zu setzen, Boris Palmer und Winfried Kretschmann als Wahlkampfhelfer zu engagieren – und praktisch niemand von den Bundesgrünen, von denen man sich maximal distanziert hat.

Özdemirs Charisma und Hagels Vorschläge

Das mag Glaubwürdigkeitsprobleme mit sich bringen, doch die verschwanden fast vollständig hinter der Strahlkraft und dem Charisma der Person Özdemir, die am Ende ein kaum für möglich gehaltenes Ergebnis erzielt hat.

Die CDU hat voll auf den Bundestrend gesetzt, die Kampagne verharrte aus einer seltsamen Mischung aus inhaltlich konkreten Vorschlägen und einer gewissen Vagheit der Positionen. Manuel Hagel hat die CDU hinter sich geeint und ein viel besseres Ergebnis erzielt, zeigte sich am Ende jedoch dünnhäutig. Das ist verständlich ob des groben und unfairen Foulspiels mit dem Eva-Video von einigen Grünen, das die Atmosphäre sichtlich vergiftet hat. Doch für die Zuschauer blieb hängen, was überhaupt nicht der Person Hagel entspricht.

Die SPD verschwindet fast in der Bedeutungslosigkeit

Nun werden beide miteinander regieren müssen – einige Tage müssen noch Wunden heilen, doch schon am Wahlabend ist erkennbar, dass Özdemir und Hagel auf Deeskalation setzen und miteinander regieren werden. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?

Die SPD ist abgestürzt, wie es historisch kaum vorstellbar ist. Bitter für den tüchtigen und klugen Andreas Stoch, der ein besseres Ergebnis verdient hätte. Doch am Ende hat das linke Lager so geschlossen Özdemir gewählt, um einen CDU-Ministerpräsidenten zu verhindern, dass sogar die Linke den sicher geglaubten Einzug in den Landtag verpasst hat.

Auf der anderen Seite haben viele bürgerliche Wähler am Ende doch CDU und Hagel gewählt, was die FDP ihre parlamentarische Existenz kostet. Auch das ist bitter und für die Parteienlandschaft ein Verlust. Andreas Stoch und Hans-Ulrich Rülke haben ihre Karrieren noch am Wahlabend beendet, hier wird ein personeller Neuanfang folgen.

Grüne und CDU können das Land verändern

Was folgt? Ein Landtag, in dem Grüne und CDU eine Zweidrittelmehrheit haben. Wenn es gelingt, mit dieser großen Reformmehrheit echte Strukturen zu verändern, den Staat zu entschlacken und zu digitalisieren, Bürokratie im großen Stil abzubauen, Bürger und Wirtschaft zu entlasten, die Energiewende bezahlbar zu machen und das Schulsystem zukunftssicher zu machen, dann wäre Grün-Schwarz ein Gewinn für das Land. Und die AfD, die am Wahlabend nur eine Nebenrolle spielt, bliebe mit ihrem Untergangsgeschrei eine Randnotiz. Die SPD hat jetzt als stark geschrumpfte Kleinfraktion die Chance, die einzige echte Oppositionsalternative zu sein. Vielleicht mit Sascha Binder an der Spitze?

Schon die nächsten Tage werden viele Weichen in alle Richtungen stellen.

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