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Der Abend, an dem die Grünen zum vierten Mal gewinnen

Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Spitzenkandidat Landtagswahl Baden-Württemberg, und Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident Baden-Württemberg, stehen bei der Wahlparty ihrer Partei nebeneinander und recken gemeinsam die Arme hoch. Am 8. März fand in Baden-Württemberg die Landtagswahl statt.
dpa/Bernd Weißbrod)Stuttgart. Als um 18 Uhr die erste Prognose von ARD und ZDF über die Bildschirme flimmert, bricht bei SPD und FDP eine Welt zusammen. Andreas Stoch holt nur 5,5 Prozent der Stimmen, seine Stimme ist belegt, und er ist kreidebleich, als er seinen sofortigen Rückzug ankündigt. Auch Hans-Ulrich Rülke, der die Liberalen jahrelang geprägt hat und sie retten wollte, beendet seine Karriere, die FDP fliegt aus dem Landtag. „Die Polarisierung auf die beiden Kandidaten hat uns keinen Platz gelassen“, sagt Rülke.
Doch diese beiden Schockwellen sind nichts im Vergleich zu dem, was in der Stuttgarter Staatsgalerie passiert, als die ersten Prognosen eintrudeln. Winfried Hermann und Muhterem Aras tanzen und jubeln, die Grünen können ihr Glück kaum fassen. Zum vierten Mal die CDU besiegt, nachdem man vor drei Wochen noch aussichtslos zurücklag.
Die CDU hofft noch, doch vergebens
Bei der CDU im Geno-Haus herrscht erst mal trotziger Beifall, die knapp 30 Prozent der CDU werden beklatscht, fast schon Häme, als die Linke rausfliegt, Betroffenheit über die FDP. „Es wird ein langer Wahlabend“, sagt Nina Warken, die Bundesgesundheitsministerin und Ex-Generalsekretärin. Dann tritt ein sichtlich angefasster Manuel Hagel auf die kleine, türkisene Bühne, alle Minister und Mitstreiter stehen demonstrativ hinter ihm, klatschen sich Mut zu. „Ich trage die Verantwortung für die Kampagne und das Ergebnis“, sagt Hagel.
Das klingt fast schon nach Rücktritt, doch die Interpretation der Worte wird schnell geliefert: Verantwortung tragen, heißt sie weiter zu tragen. Hagel bekannt, dass die letzten zehn Tage mit der Kampagne um das Eva-Video „für mich, meine Frau und meine Familie“ eine schwere Belastung gewesen seien.
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Aufmarsch in den TV-Zelten
Zu diesem Zeitpunkt herrscht noch Resthoffnung, dass die Werte sich annähern. Und bei den Grünen warnt der alte Fahrensmann und Verkehrsminister Winfried Hermann: „Freut euch nicht zu früh.“ Die Spitzenkandidaten rauschen ab zu den vielen TV-Interviews, die in den Zelten von ARD und ZDF stattfinden. Sie sind im Hof des Neuen Schlosses aufgestellt.
Nach dem TV-Marathon mit Tagesschau, heute und SWR-Runde versammeln sie sich alle im Plenum des Landtages, zu einer Landespressekonferenz für die Nicht-TV-Journalisten. Die Spannung ist mit Händen zu greifen, der Saal ist voll mit Journalisten und Pressesprechern. Kurz gibt es Gerangel, wer neben wem sitzt, nur AfD-Landeschef Markus Frohnmaier setzt sich als erster einfach auf seinen Platz.
Verletzungen des Wahlkampfes und Anspannung
Cem Özdemir wird von einem riesigen Tross begleitet, die Kameras klicken, es ist ein unglaublicher Aufmarsch. Steht da der künftige Ministerpräsident? Manuel Hagel kommt etwas später, als alle schon sitzen. Die Atmosphäre ist angespannt, die Verletzungen des Wahlkampfes noch frisch.
Der AfD-Mann Frohnmaier versucht gleich, Salz in die Wunden zu gießen: „Wir haben erlebt, dass ein Koalitionspartner den anderen vor den Bus stoßen wollte.“ Die CDU müsse sich überlegen, ob sie mit einem solchen Partner weiter regieren wolle.
Wie gehen Özdemir und Hagel miteinander um? Der 60-jährige Grüne versucht, eine Brücke zu bauen: „Wir haben einen Auftrag, mit der CDU eine Regierung zu bilden“, sagt er. Hagel verweist auf die „Schmutzkampagne“ gegen seine Person und seine Familie . Aber er sagt auch zu diesem frühen Zeitpunkt schon: „Der Auftrag für die Regierungsbildung liegt bei Bündnis 90/Die Grünen, dazu gratuliere ich.“ Beide sind sichtlich bemüht, kein weiteres Porzellan zu zerschlagen.
Stoch und Rülke strecken die Segel
Andreas Stoch und Hans-Ulrich Rülke erklären ihre Rücktritte – sie wollen den Weg für einen „personellen Neuanfang“ frei machen. Jetzt ist es offiziell.
Zu diesem Zeitpunkt spitzen sich die Werte zu, die Grünen liegen nur noch 0,6 Prozentpunkte vorne, wird es doch noch mal knapp? Aber bei der CDU haben sie schon aufgegeben. „Was soll sich da noch ändern?“, sagt einer seiner Sprecher. Hagel ist der Stress der letzten Wochen anzusehen, wirkt dünnhäutig. Nachdem er von weiteren TV-Terminen bei ARD und ZDF gehetzt ist, macht er sich auf den Weg nach Berlin. Dort wartet am Montag die Bundespartei, traditionell werden die Spitzenkandidaten im Konrad-Adenauer-Haus empfangen. Am Montagabend tagt der CDU-Landesvorstand – dann wird über das weitere Vorgehen beraten.
Die CDU steht trotz der Niederlage zu Hagel
Zwar gibt es einzelne Stimmen bei der CDU aus der dritten Reihe, die Hagels Demission wollen, doch das ist eine kleine Minderheit. Die Granden der Partei stehen zu Hagel und wollen geschlossen in Verhandlungen ziehen. „Der Auftrag liegt nicht bei uns“, sagt ein Sprecher.
Bei den Grünen in der Staatsgalerie kennt der Jubel keine Grenzen mehr. Als Cem Özdemir und Winfried Kretschmann vor die Fans treten, die Arme zur Siegerpose recken, will der Applaus nicht enden. Jubel – die Grünen haben es wieder geschafft. Und Cem Özdemir spricht es dann auch aus, der Vorsprung ist nicht mehr einzuholen. „Wir haben diese Wahl gewonnen!“ Er spricht von seiner Herkunft, dankt seinen Eltern, erinnert noch mal daran, dass er die ersten vier Jahre in Deutsch eine fünf hatte.
Cem Özdemir bringt die Grünen zum Jubeln
Nun hat er es geschafft, er ist der designierte nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Nachdem er 1994 der erste prominente Mensch mit Migrationshintergrund in der Politik war, ist er jetzt der erste Ministerpräsident mit Migrationshintergrund. Was für eine Geschichte. „Vielleicht ist es ein Ansporn für andere, dass sie es auch versuchen“, sagt er dann.
Er trägt exakt dieselbe Krawatte, die Winfried Kretschmann 2011 an dieser Stelle getragen hat, als er seinen überraschenden Wahlsieg verkündet und eine Ära begründete. „Ich habe sie ihm geschenkt“, schmunzelt Kretschmann. Der Wahlsieger dankt dem Langzeitregenten, dankt seiner Frau, seinem Team, den Fahrern, den Personenschützern, die immer wieder dieselbe Rede anhören mussten.
Özdemir: Partnerschaft auf Augenhöhe mit der CDU
Und er sendet versöhnliche Signale an die CDU, bietet eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“ an, verzichtet auf jede Häme. „Ich weiß, wie es ist, wenn man gesetzte Ziele nicht erreicht“, sagt er. Das tue weh, aber Grüne und CDU hätten einen gemeinsamen Auftrag: „In diesen Dienst will ich mich stellen.“ Dann wird gefeiert, der DJ legt auf. Danyal Bayaz ist gut gelaunt, Petra Olschowski, die wie alle Stuttgarter Kandidaten ihre Wahlkreise gewonnen haben.
Es ist spät in der Nacht, das Ergebnis steht de facto fest. Und bei den Grünen wird gefeiert, während sich bei der CDU im Geno-Haus die Reihen lichten. Der nächste Tag wird wichtig – da werden Weichen gestellt, es gibt Pressekonferenzen. Die spannende Frage ist: Wann und wie finden Grüne und CDU wieder zueinander? Und wer führt SPD und FDP?
Aber es bleibt ein denkwürdiger, historischer Abend, bei dem die Grünen zum vierten Mal in Folge die Villa Reitzenstein erobert haben, im einst schwarzen Baden-Württemberg.
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