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Wegen Stereotypen und Hürden fehlen Frauen in den IT-Berufen

Frauen und Mädchen sind in IT- und KI-Berufen noch immer deutlich unterrepräsentiert.
Illustration: Adobe Stock/Shamim Reza)Stuttgart/Berlin. Von derzeit rund 1900 Auszubildenden im Beruf Fachinformatiker, in den Fachrichtungen Anwendungsentwicklung, Systemintegration, Daten- und Prozessanalyse sowie Digitale Vernetzung sind nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart lediglich 226 weiblich. Das entspricht einem Frauenanteil von nur knapp zwölf Prozent.
„Damit bleibt enormes Potenzial ungenutzt – gerade in Bereichen wie Softwareentwicklung oder Künstlicher Intelligenz, die unsere Arbeitswelt und unser Leben künftig maßgeblich prägen werden“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführerin Susanne Herre und betont: „Wenn wir die digitale Transformation erfolgreich gestalten wollen, müssen wir deutlich mehr junge Frauen für diese Zukunftsfelder gewinnen.“
Die IHK-Chefin ist auch davon überzeugt, dass mehr diverse Teams bessere Entscheidungen treffen und innovativere Lösungen entwickeln. „Wenn Frauen in der Entwicklung fehlen, fehlen wichtige Perspektiven. KI darf nicht einseitig geprägt sein“, betont Herre.
Junge Frauen sollen Potenzial selbstbewusst nutzen
Deshalb empfiehlt sie Mädchen und junge Frauen, dass sie ihr Potenzial selbstbewusst nutzen sollen und sich IT-Berufe zutrauen. „Künstliche Intelligenz wird ein zentraler Bestandteil unseres Alltags – und dafür brauchen wir weibliche Perspektiven“, sagt die Hauptgeschäftsführerin.
„Der Software-Entwickler, der Programmierer oder der Cloud-Engineer – das Klischee von der Männerdomäne IT hält sich hartnäckig“, schreibt auch Bitkom in Berlin, der Digitalverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche.
Laut einer eigenen Studie herrscht in fast jedem zweiten Unternehmen die Meinung vor, IT- und Digitalberufe würden Frauen abschrecken. Das jedenfalls ist ein Ergebnis einer repräsentativen Befragung von mehr als 600 Unternehmen aller Branchen im Auftrag von Bitkom.
„Stereotype Rollenbilder sind noch in zu vielen Unternehmen verankert“, betont Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. „Wenn IT-Berufe Frauen abschrecken oder ihnen zu wenig bekannt sind, ist das kein Naturgesetz. Es ist ein klarer Auftrag an Unternehmen, Bildung und Politik, Barrieren abzubauen und IT-Berufe für Frauen sichtbar und attraktiv zu machen“, ergänzt Wintergerst.
Dabei bewerten deutsche Unternehmen Gleichstellung überwiegend positiv – und sehen in ihr auch einen Faktor für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Mehr als drei Viertel (78 Prozent) der Unternehmen sagen, ohne Frauen verspiele die Wirtschaft ihre Zukunft. 65 Prozent sind der Auffassung, dass die Wirtschaft das IT-Fachkräfteproblem ohne Frauen nicht lösen kann.
Zugleich wissen Unternehmen die Vorteile gemischter Teams zu schätzen. Neun von zehn Unternehmen (91 Prozent) sind der Auffassung, dass Teams aus Frauen und Männern das Betriebsklima verbessern und sich positiv auf die Unternehmenskultur auswirken. Acht von zehn (80 Prozent) sind überzeugt, dass gemischte Teams Produktivität und Kreativität im Unternehmen steigern.
In der beruflichen Praxis bleiben Frauen jedoch weiterhin unterrepräsentiert. In 58 Prozent der deutschen Unternehmen sind weniger als die Hälfte der Beschäftigten weiblich, im Jahr 2025 waren es 64 Prozent. Ein Viertel der Unternehmen (25 Prozent) berichtet von einem annähernd ausgeglichenen Verhältnis von Frauen und Männern (2025: 19 Prozent). 13 Prozent beschäftigen mehr Frauen als Männer, im Vergleich zu 15 Prozent im Vorjahr.
Ungleichgewicht in den IT-Bereichen
Deutlich größer ist das Ungleichgewicht in IT- und Digitalfachbereichen. Bei diesen Tätigkeiten beschäftigt wie im Jahr zuvor keines der befragten Unternehmen mehr Frauen als Männer. In 89 Prozent der Unternehmen sind weniger als die Hälfte der Stellen in IT- und Digitalfachbereichen mit Frauen besetzt. Im Vorjahr lag dieser Anteil mit 94 Prozent etwas höher. Lediglich neun Prozent berichten hier von einem annähernd ausgeglichenen Geschlechterverhältnis (2025: knapp 4 Prozent).
Entsprechend kritisch fällt auch die internationale Einordnung aus: 67 Prozent der Unternehmen sehen die deutsche Wirtschaft beim Thema Gleichstellung in IT- und Digitalberufen unter den Nachzüglern, 17 Prozent meinen sogar, die deutsche Wirtschaft habe den Anschluss verpasst. „Wer digitale Transformation und KI erfolgreich gestalten will, kann es sich nicht leisten, auf die Hälfte der Talente zu verzichten“, sagt Wintergerst.
Frauenanteil in IT-Berufen steigt nur leicht
Frauen sind auch laut Statistischem Bundesamt in der IT oder Forschung und Entwicklung nach wie vor unterrepräsentiert, Männer dagegen in Körperpflegeberufen oder im Verkauf von Lebensmitteln. Doch der Frauenanteil in der technischen Forschung und Entwicklung ist gestiegen: Im Jahr 2023 auf 18 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es nur elf Prozent.