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Wo der Bürgermeister ein Dialektbotschafter ist

Für seine Mission hat Bürgermeister Jürgen Kiesl (Dritter von links) eine ganze Menge Mitstreiter.
DANIELFOLTIN.COM)Leutenbach. Wenn Jürgen Kiesl den Gruppenraum im Kindergarten Birkachweg betritt, dauert es nicht lange, bis sich ein Halbkreis bildet. Manche Kinder rutschen näher, andere kichern, wieder andere raten schon im Voraus, welches Wort „dr Bürgermeischder“ heute mitgebracht hat. Ein Dialektbegriff? Ein Lied? Eine Redewendung? Sicher ist nur: Es wird schwäbisch. Und es wird herzlich.
„Schwäbisch em Kendergarda“ heißt das Projekt, das in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis) fast so selbstverständlich ist wie der tägliche Morgenkreis. Und doch ist es ungewöhnlich. Ein Bürgermeister, der regelmäßig in die Kindergärten kommt, um mit den Jüngsten Mundart zu sprechen, Geschichten zu erzählen und Lieder anzustimmen – das ist in dieser Form einzigartig. Und es ist so wirksam, dass Kiesl dafür mit dem Staatsanzeiger Award in der Kategorie „Bürgermeister:in in Mission“ ausgezeichnet wurde.
Ausdrückliches Lob der Jury
Die Jury lobt das Engagement ausdrücklich: „Der direkte Kontakt schafft Vertrauen, Begeisterung und erste Impulse für demokratisches Verständnis.“ Was vielleicht nach einem netten Zusatzangebot klingt, ist in Leutenbach längst ein Bestandteil der Bildungslandschaft. Die vier kommunalen Einrichtungen haben das Projekt zu einem festen Ritual gemacht. Und sie tun das auf ihre jeweils eigene Weise.
Die Aktion „Schwäbisch em Kendergarda“ ist so erfolgreich, dass sie heute als Qualitätsmerkmal der Leutenbacher Kitas gilt. Die Kinder nehmen die Mundart mit einer solchen Freude auf, dass sich inzwischen sogar die Schulen haben anstecken lassen: Die Dialektförderung wurde auf die Schülerbetreuung ausgeweitet.
Jede Einrichtung findet ihren eigenen Zugang
Jede Einrichtung hat ihren eigenen Zugang entwickelt – geprägt vom Team, vom Alltag und den kleinen Situationen, in denen Sprache ganz natürlich entsteht. Dialekt ist in Leutenbach ein Türöffner für ein Gefühl von Identität. Und er ist ein Einstieg in etwas, das in vielen Kommunen oft viel später beginnt: das Verständnis dafür, dass Politik vor Ort passiert. Wenn der Bürgermeister mit den Kindern spricht, lacht, singt und zuhört, entsteht ein Bild von Verwaltung, das viele Erwachsene sich wünschen würden: ansprechbar, auf Augenhöhe.
Es sind diese frühen Begegnungen, die das Projekt so wirksam machen, meint die Jury: „Das Projekt ist unkompliziert, liebevoll und vorbildlich – und zugleich hoch wirksam. Es verbindet Tradition mit Zukunft, Kommunikation mit Bildung.“ Das Projekt „Schwäbisch em Kendergarda“ ist ein Beispiel dafür, wie viel Wirkung entstehen kann, wenn Verwaltung, Teams und Bürgermeister gemeinsam handeln . Die Idee ist einfach – aber sie wird mit Konsequenz und viel Herzblut umgesetzt. Das spüren die Kinder sofort.
Leises und kraftvolles Zeichen aus Leutenbach
In einer Zeit, in der kommunale Identität vielerorts brüchig wird, setzt Leutenbach ein leises, aber kraftvolles Zeichen: Dialekt kann Brücke sein. Nähe kann Politik sein. Und ein Bürgermeister kann Bildungsarbeit leisten – nicht mit großen Programmen, sondern mit Präsenz. Der Erfolg gibt ihm recht: Die Kinder kennen neue Wörter, die Familien sprechen darüber zu Hause weiter, und selbst die Schulen haben das Format übernommen. Leutenbach zeigt damit, wie lebendig lokale Kultur sein kann – und wie sie Zukunft gestaltet.