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Sozialreform

Der Pädagoge mit der Schaufel in der Hand

Vor 200 Jahren starb der elsässische Pfarrer Johann Friedrich Oberlin, der als Sozialreformer und Pädagoge wirkte. Mit seinen „Strickstuben“ schuf er Vorläufer des Kindergartens und prägte die Entwicklung des Steintals nachhaltig.
Eine Gruppe von Menschen steht vor Bäumen und Häusern.

Oberlin überzeugte Bauern, indem er selbst mit anpackte.

dpa/Photo12/A,R. Picture Library)

Straßburg/Reutlingen. Sozialreformer, Pädagoge und Theologe: Johann Friedrich Oberlin war ein hochgebildeter Mann, der gleichzeitig körperliche Arbeit nicht scheute. Er gründete die Vorläufer des Kindergartens und inspirierte den Genossenschaftsgedanken. Vor 200 Jahren, am 1. Juni 1826, ist er gestorben.

Als Oberlin 1767 als junger evangelischer Pfarrer ins elsässische Steintal kommt, betritt er eine fremde Welt. Die Bergdörfer sind von Armut, Hunger und Unwissenheit geprägt. Es gibt keine befestigten Straßen.

Er greift selbst zur Hacke und baut neue Wege

Oberlin, der in Straßburg nicht nur Theologie studiert, sondern auch Vorlesungen zu Medizin und Naturwissenschaften besucht hat, erkennt, dass fromme Worte allein nicht helfen werden. Also greift er selbst zu Hacke und Schaufel und überzeugt die misstrauischen Bauern, mit ihm eine Brücke und neue Wege zu bauen, um ihr Tal mit der Außenwelt zu verbinden.

Oberlin führt den Anbau einer klimaresistenten Kartoffelsorte ein, um den Hunger zu bekämpfen. Er legt im Pfarrgarten eine Baumschule für Obstbäume an und führt eine neue Tradition ein: Jeder Konfirmand muss bei seiner Aufnahme in die Gemeinde zwei Obstbäume pflanzen. „Die Verbesserung des Obstbaus im Steintal, der Wiesen,Bewässerungsanlagen und der Bodenqualität, ist sein Verdienst“, schreibt der württembergische Kirchenhistoriker Dieter Isinger.

Um die Wirtschaft anzukurbeln, gründet Oberlin eine Leihkasse und holt eine Seidenbandfabrik in die Region, die den Menschen im Winter ein Einkommen sichert.

Seine vielleicht größte Pionierleistung vollbringt er in der Bildung. Er gründet die ersten „Strickstuben“, die als direkte Vorläufer der Kindergärten gelten. In den „Strickstuben“ werden Kinder betreut, gefördert und auf die Schule vorbereitet. Sein Grundsatz ist für das 18. Jahrhundert unerhört: „Erzieht eure Kinder ohne zuviel Strenge … mit andauernder zarter Güte“. Er schafft Lehrmaterialien an, lehrt mit Bildern und Spielen und nimmt die Kinder mit auf Ausflüge.

Als die Französische Revolution die Gottesdienste verbietet, ruft er kurzerhand einen „Volksklub“ ins Leben und führt seine Arbeit unter dem Deckmantel republikanischer Ideale weiter. Seine Weite zeigt sich auch darin, dass er in seiner lutherischen Gemeinde Katholiken und Calvinisten zum Abendmahl zulässt – ein damals unvorstellbarer Tabubruch.

Sein Vermächtnis lebt weltweit fort

Als Oberlin starb, hatte er eine Gemeinschaft von 100 verarmten Familien in eine blühende Region mit rund 3000 Menschen verwandelt. In den USA wurde 1833 das Oberlin College gegründet, das als eine der ersten Hochschulen des Landes Afroamerikaner und Frauen zuließ. In Tokio gibt es eine christliche Oberlin-Universität. In Reutlingen inspirierte sein Vorbild den Theologen Gustav Werner, der in Straßburg mit Oberlins Werk in Kontakt gekommen war, zur Gründung der BruderhausDiakonie.

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