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Welttag der Postkarte: Als Grüße noch analog waren

Mit der Halbierung des Portos begann der Siegeszug der Postkarte.
epd-bild/Museumsstiftung Post und Telekommunikation)Tübingen/Berlin. Viermal klingelt am 22. Juni 1904 der Postbote bei Fräulein Anna in Karlsruhe. Viermal bringt er Post mit vom gleichen Verehrer. „Guten Morgen“, „Guten Tag“, „Guten Abend“, „Gute Nacht“, dazu gereimte Verse und eine romantische Illustration.
Vier Postkarten, vier Grüße, eine Liebeserklärung, verteilt über einen Tag. Möglich machte das die mehrmalige Postzustellung im Kaiserreich, wie Veit Didczuneit vom Museum für Kommunikation in Berlin erzählt.
Die Postkarte war der Messengerdienst ihrer Epoche. Beinahe wären sie aber nie Alltag geworden: Als Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals über ein „offenes Postblatt“ diskutiert wurde, formierte sich Widerstand.
Persönliche Mitteilungen, die jeder lesen konnte? Vielen galt das als unanständig. Man fürchtete um das Briefgeheimnis, den Anstand und die Einnahmen der Post, sagt Didczuneit. Die Postkarte sei sogar als „unanständige Form der Mitteilung auf offenem Postblatt“ beschimpft worden.
1869 führte Österreich-Ungarn die erste offene „Correspondenz-Karte“ ein, und Deutschland zog ein Jahr später nach. Mit der Halbierung des Portos begann ihr Siegeszug. Die Postkarte machte Kommunikation schneller, billiger und kürzer.
Karte wurde zum Medium der Selbstinszenierung
Erst mit der Zeit kamen auch Bildmotive auf die Vorderseite der Karten. Wer eine Ansichtskarte verschickte, zeigte zugleich, wo er gewesen war, was ihn beeindruckte und wie er gesehen werden wollte. Die Postkarte wurde zum ersten Medium der Selbstinszenierung. Lange, bevor Menschen ihre Reisen auf Instagram dokumentierten, taten sie genau das auf Karton.
Um 1900 explodierte der Markt. Allein in dem Jahr transportierte die Reichspost 440 Millionen Ansichtskarten. Zeitgenossen klagten über eine „Bilderflut“. Urlaubsorte, Sportereignisse, technische Sensationen, Politik, Humor, Liebe, Krieg – kaum ein Thema blieb ausgespart.
Selbst die Briefmarke sprach: Schräg aufgeklebt konnte sie bedeuten: „Ich liebe dich.“ Anders platziert: „Schreib sofort!“ Manchmal stand die Botschaft also nicht im Text, sondern klebte in der rechten oberen Ecke.
Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nennt die Postkarte ein „Zwitter-Medium“ an der Schnittstelle von alter und neuer Medienwirklichkeit. Sie zwinge einerseits zur Kürze und zur Verdichtung. „Wetter schön. Hotel gut. Essen prima. Sonnige Grüße.“ Viel moderner und Insta-tauglicher lässt sich eine Reise kaum zusammenfassen.
Heute verschwindet dieses Medium leise: Rund 900 Millionen Postkarten wurden noch in den 1980er-Jahren verschickt, inzwischen liegt diese Zahl „nur“ noch bei 96 Millionen.
Heute sind Postkarten ein Zeichen der Wertschätzung
Der Welttag der Postkarte am 30. Juli soll ein Zeichen gegen das allmähliche Verschwinden der Karte sein. Die deutsche Verlegerin und Designerin Sandra Vogel, Inhaberin des piepmatz Verlags, rief ihn 2012 ins Leben, um der handgeschriebenen Postkarte im digitalen Zeitalter wieder Aufmerksamkeit zu verschaffen.
„Wer heute Postkarten schreibt“, sagt Bernhard Pörksen, „möchte nicht einfach nur rasch einen Gruß loswerden; er möchte ein Zeichen besonderer Wertschätzung senden.“ (epd)