Wenn der Arbeitgeber sich beim Bewerber bewirbt: Stadtwerk geht neue Wege

Mal was Neues wagen, das auch noch pfiffig sein und zugleich Spaß machen soll: Das Stadtwerk am See in Friedrichshafen geht bei der Nachwuchswerbung neue Wege, dreht den Spieß um und bewirbt sich selbst bei künftigen Mitarbeitern. Seit vergangener Woche ist die Kampagne am Start.

Das Stadtwerk in Friedrichshafen findet das bisherige „BewerbungsBlaBla“ zum Gähnen und geht neue Wege.

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FRIEDRICHSHAFEN. „Hallo, wir sind’s. Das Stadtwerk am See. Das Stadtwerk am Weiterdenken. Und anders machen. Deshalb bewerben wir uns bei Ihnen. Ohne BewerbungsBlabla. Dafür mit handfesten Gründen, warum wir Ihr neuer Arbeitgeber werden möchten.“ Mit einer ungewöhnlichen Aktion bewirbt sich der Energieversorger um neue Arbeitskräfte.

„Hintergrund ist natürlich wie überall der Fachkräftemangel vor allem im Bereich der Technik“, sagt Sebastian Dix von der Unternehmenskommunikation. Gemeinsam mit den hauseigenen Personalern und mithilfe einer weiteren Agentur sei man auf die Idee gekommen, „einfach mal was Neues und Pfiffiges auszuprobieren“, sagt Dix.

Homepage vereinfacht, um Hürden abzubauen

Dazu wurde auch die unternehmenseigene Homepage neu gestaltet „und vereinfacht, um eventuelle Hürden abzubauen“, betont Dix. „Werden Sie Teil von #TeamZukunft“, schreibt das Stadtwerk und nützt mit seiner Bewerbungskampagne auch sämtliche Social-Media-Kanäle. Auf der Homepage wird dazu eingeladen, einfach mal in die hauseigene Bewerbungsmappe zu schauen und das Profil des Unternehmens zu erkunden.

„Leistung schreiben wir groß. Leistungsgerechte Entlohnung ebenso. Wir bezahlen nach Tarifvertrag und bieten unseren Mitarbeiter:innen zudem attraktive Benefits wie eine betriebliche Altersvorsorge und viele weitere, handfeste Vorteile. Immer mit einem Ohr an der Belegschaft, ihren Wünschen und Ideen. Weil sich gute Arbeit eben lohnt“, heißt es dort weiter.

Der ungewöhnliche Ansatz einer „Bewerbung beim Bewerber“ bilde letztlich die Realität ab, erklärt dazu Stadtwerk-Personalchef Olaf Schwarz: „Wenn man ehrlich ist, ist es in vielen Fällen genau so: Wir bewerben uns um die Fachkräfte, nicht anders herum.“ Wie viele andere Unternehmen hat auch das Stadtwerk immer mehr Mühe, geeignete Bewerber zu finden. Und das trotz vieler Extraleistungen, die das Unternehmen bietet. Deshalb arbeite man auch mal mit abgedroschenen Bewerbungsfloskeln wie „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ oder „Sind Sie eine Karrierefrau?“, die man dann mit genervten Smileys kommentiere.

Recruiting mal anders herum

Das Stadtwerk am See in Friedrichshafen beschäftigt nach eigenen Angaben derzeit 359 Mitarbeiter, davon sind 22 Auszubildende. Im Jahr 2020 hat das Unternehmen Umsatzerlöse in Höhe von 221,9 Millionen Euro erzielt und einen Jahresüberschuss von 9,8 Millionen Euro. Mit der Recruiting-Aktion will man den Bewerbern den Kontakt so einfach wie möglich machen „und uns so präsentieren, wie wir sind: pfiffig und innovativ“, sagt Sebastian Dix, Leiter der Unternehmenskommunikation.
Erfolgreiche Bewerbungswege müssen nach Ansicht des Personalexperten Stefan Döring „nutzerorientiert gestaltet sein: einfacher, schneller, valider und mit besserer Kommunikation. Insoweit ist der Slogan ‚Ohne Beweb

„Der Markt hat sich gedreht und deshalb zeigen Bewerbungen bei den Interessenten, dass diese Unternehmen den aktuellen Markt verstanden haben und einfach kreativ auf die Situation reagieren“, sagt Fatou Diakité, Gründerin der Personalberatung HR-Specs.

Wichtig sei aus ihrer Sicht, „dass solche Kampagnen mit Glaubwürdigkeit, Herz und Wertschätzung versehen sind“, betont die Expertin. Wenn aber der Bewerbungsprozess dahinter auch wieder so aussehe, dass man sich über ein langwieriges Onlineformular selbst bewerben muss, reichten solche Kampagnen nicht aus. „Wichtig hierbei ist, dass sich die Unternehmen bewusst sind, für was sie stehen, welche Werte sie repräsentieren und welche Menschen sie auch gar nicht anziehen wollen“, betont Diakité.
„Wir wollten gerne etwas machen, was unserer Marke entspricht“, sagt Dix. Das neue Bewerbungsmodell sei in mehrere Stufen angelegt. „An erster Stelle stehen die aufmerksamkeitsgenerierenden Plakate, aber wir haben auch ein paar Gimmicks eingebaut, die einfach Spaß machen sollen“, betont der Kommunikationsleiter.

Experte lobt Online-Format und sieht noch Optimierungsbedarf

„Grundsätzlich ist der Ansatz richtig“, sagt Stefan Döring, der als Personalmanagement-Experte Organisationen des öffentlichen Diensts berät. Im Fachkräftemangel bedarf es seiner Ansicht nach einer Bewerbung der Arbeitgeber.

„Basis ist die Arbeitgebermarke, die den Kandidaten durch gezieltes Personalmarketing hilft, eine Entscheidung für genau diese Organisation zu treffen“, betont der Personalexperte.
Bei der neuen Recruiting-Aktion sei vor allem das schlanke Online-Format „der richtige Weg und bislang im Public Sector selten anzutreffen“. Dennoch sieht Döring noch weiteren Optimierungsbedarf etwa beim Design oder überflüssigen Plattitüden wie „Stillstand ist Rückschritt“.

Außerdem empfiehlt er, noch mehr echte Einblicke in die Organisation zu geben, wie die Kultur in dem Unternehmen sei, wie die Führungskräfte ticken und ob man abends auch mal gemeinsam feiern geht. „Das will man doch im Rahmen einer Bewerbung einer Organisation erfahren und die zukünftigen Kollegen kennenlernen“, sagt der Personalexperte.

Ralf Schick

Redakteur Landeskundliche Momente und Beruf und Karriere

0711 66601 185

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