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Wahlen

Das „Cleverle“ und der Bodenständige

Historische Wahlerfolge: Mehr als zweieinhalb Jahrzehnte regierten Lothar Späth und Erwin Teufel das Land Baden‑Württemberg. Die beiden CDU-Ministerpräsidenten stehen bis heute für zwei unterschiedliche Formen der politischen Führung.
Vier Männer in Anzügen sitzen an einem Tisch mit Papieren. Vintage-Stil.

Erwin Teufel (links) und Lothar Späth prägten das prosperierende Baden-Württemberg auf unterschiedliche Art.

dobe Stock; dpa/Dick | Collage: Herrgoß)

Stuttgart. Nach dem Rücktritt von Hans Filbinger übernahm Lothar Späth am 30. August 1978 das Amt des Ministerpräsidenten und wurde damit zum bis heute jüngsten Regierungschef des Landes. Dreimal in Folge gewann er für die CDU die absolute Mehrheit und setzte auf eine Politik, die wirtschaftliche Zukunftsbranchen und kulturelle Strahlkraft miteinander verband.

Unter seiner Führung entstanden Projekte wie das neue Daimler‑Werk in Rastatt oder die Wissenschaftsstadt Ulm. Sein Ruf als „Cleverle“ beruhte nicht nur auf seiner Gewitztheit, sondern auch auf seiner Fähigkeit, komplexe Sachverhalte schnell zu erfassen und zu verdichten, was Weggefährten wie Erwin Teufel regelmäßig hervorhoben.

Späth wurde am 16. November 1937 in Sigmaringen geboren. Er stammte aus einfachen, pietistisch geprägten Verhältnissen und arbeitete sich über die Verwaltung und Kommunalpolitik nach oben. Bereits im Jahr 1967 wurde er zum Bürgermeister der Stadt Bietigheim und 1968 in den Landtag gewählt, wo er sich rasch als dynamischer Modernisierer profilierte.

Teufel war der jüngste Bürgermeister in Deutschland

Erwin Teufel, geboren am 4. September 1939 in Rottweil, wuchs in einer Bauernfamilie auf und durchlief ebenfalls eine Ausbildung im gehobenen Verwaltungsdienst. Schon früh engagierte er sich in der katholischen Jugend und der Jungen Union und wurde 1964 zum jüngsten Bürgermeister der Bundesrepublik in Spaichingen gewählt. 1972 zog er in den Landtag ein, wo er ab 1978 – in enger Zusammenarbeit mit Späth – den Vorsitz der CDU‑Fraktion übernahm.

1991 folgte er Späth im Amt des Ministerpräsidenten. Während Späths Regierungszeit vor allem von Modernisierungsschüben und einer starken Wirtschaftsförderung geprägt war, zeichnete sich Teufels Politik durch Kontinuität, Besonnenheit und eine christlich geprägte, bodenständige Haltung aus. Er galt als verlässlicher, integrer und vertrauenswürdiger Landesvater.

Die Zusammenarbeit der beiden CDU‑Politiker war über Jahre hinweg eng. Teufel war während Späths Amtszeit nicht nur Fraktionsvorsitzender, sondern auch einer seiner wichtigsten politischen Partner, auch wenn sich ihre politischen Stile deutlich unterschieden. In Teufels Amtszeit musste er politische Herausforderungen wie den Verlust der absoluten Mehrheit 1992 bewältigen, woraufhin er eine Große Koalition mit der SPD bildete.

Während Späth nach seinem Rücktritt 1991 in der Traumschiffaffäre als Manager den Aufbau der Jenoptik AG in Jena vorantrieb, arbeitete Teufel eher in beratender und gesellschaftlicher Funktion und in kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Gremien.

Erwin Teufel trat im Jahr 2005 als damals dienstältester Ministerpräsident eines Bundeslandes nach 14-jähriger Amtszeit zurück. Beim offiziellen Festakt seiner Verabschiedung in Stuttgart betonte er, dass er den Rückzug nicht freiwillig antrat: „Ich gehe ohne Bitterkeit, sondern mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit. Ich habe den Rücktritt aus meinem Amt als Ministerpräsident nicht angestoßen, aber ich nehme ihn an“, sagte Teufel.

Der damalige Fraktionsvorsitzende und spätere Ministerpräsident Günther Oettinger hatte auf seinen Rücktritt gedrängt und sich im anschließenden parteiinternen Machtkampf gegen Annette Schavan durchgesetzt.

Moderne Wirtschaft und moralische Standfestigkeit

Unter Späth und Teufel gewann das Ländle wirtschaftlich wie gesellschaftlich enorm an Profil. Beide haben auf ihre Weise Spuren hinterlassen – und das Bild Baden‑Württembergs als leistungsstarkes, zugleich aber bodenständig geprägtes Bundesland entscheidend mitgestaltet.

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Fortsetzung Serie historische Wahlerfolge (Teil 3)

Neun Ministerpräsidenten hat das im Jahr 1952 gegründete Bundesland Baden-Württemberg bisher erlebt. Und der amtierende Winfried Kretschmann (Grünen) regierte von allen am längsten. Seine Vorgänger waren die CDU-Politiker Stefan Mappus, Günther Oettinger, Erwin Teufel, Lothar Späth, Hans Filbinger, Kurt Georg Kiesinger, Gebhard Müller und der Freidemokrat Reinhold Maier, die wir in einer kleinen Serie vorstellen.

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