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Starke Frauen

Isolde Kurz: Liliths Tochter im Land der Genies

Die Autorin Isolde Kurz (1853-1944) flüchtete aus der pietistischen Enge nach Italien
Frau in historischer Kleidung mit Hut und Umhang, frontal stehend.

Die vielsprachige Schriftstellerin Isolde Kurz wurde in Stuttgart geboren und starb in Tübingen.

imago/Horst Rudel )

Tübingen. Sie setzte um, was ihr die Eltern vorgelebt hatten: den Ausbruch aus dem schwäbischen Spießbürgertum. Als unverheiratete Frau ging Isolde Kurz im sittenstrengen 19. Jahrhundert nach Italien, um ihren Traum vom freien Schriftstellerinnenleben zu verwirklichen. Sie nannte sich „Tochter der Lilith“, nach der ersten Frau Adams aus den Apokryphen des Alten Testaments.

Sowohl der Vater, der Schriftsteller und enttäuschte 48er-Revolutionär Hermann Kurz, als auch die Mutter haderten mit der verstockten Nachmärz-Gesellschaft. Marie Kurz, gebürtige Freiin von Brunnow, verzichtete sogar auf den Adelstitel. Ihr Engagement für den Sozialismus trug ihr den Beinamen „rote Marie“ ein.

Ihr erstes Geld verdiente sie als Übersetzerin

Die Tochter kommt 1853 in Stuttgart zur Welt. Wegen der prekären Situation des Vaters zieht die Familie oft um. Erst nach Oberesslingen, dann nach Kirchheim unter Teck und schließlich nach Tübingen. Sie darf reiten und schwimmen und lernt mehrere Fremdsprachen. Ihr erstes Geld verdient die junge Frau als Übersetzerin, um damit den Grabstein des Vaters zu bezahlen.

Nach einem kurzen Intermezzo in München folgt Isolde ihrem Bruder, der als Arzt in Italien praktiziert. 1877 siedelt sie nach Florenz über. Dort liegt der Exilschwäbin alles zu Füßen, was sie in Büchern bewundert hat: südliches Licht, imposante Kunstdenkmäler und eine zum Greifen nahe Geschichte.

Ihr Plan, einen Kulturreiseführer über das „Genieland“ zu schreiben, scheitert. Doch Kurz nutzt das Material für ein anderes Projekt: eine Novellensammlung aus dem Florenz der Renaissance. Die Erzählungen beleuchten historische Ereignisse rund um die Medici aus der Perspektive fiktiver Charaktere.

Die glaubwürdige Psychologie der Figuren, lebendige Dialoge und farbenreich geschilderte Schauplätze heben das Werk deutlich vom professoralen Ton zeitgenössischer Gelehrtenprosa ab. 1890 erschienen, werden die „Florentiner Novellen“ zu einem Erfolgstitel mit Wirkung weit über die Literatur hinaus. Die Toskana-Metropole löst Rom als Sehnsuchtsziel deutscher Italienträumer ab.

Kurz erhält die Ehrendoktorwürde der Uni Tübingen

Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrt die Autorin zurück in den Norden. Mittlerweile haben die Schwaben mit ihr Frieden geschlossen. Kurz erhält als erste Frau die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen.

Getrübt werden die letzten Jahre ihres Lebens durch ein diffuses Verhältnis zum NS-Regime. Anfangs unterstützt Kurz Aufrufe gegen Nationalismus und Antisemitismus. Später lässt sie sich vom Regime instrumentalisieren, indem sie ein Loblied auf Adolf Hitler dichtet.

1943 verleiht der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels der Hochbetagten die Goethe-Medaille. Im folgenden Jahr stirbt Isolde Kurz in Tübingen.

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