Eichhörnchenbrücke: Wie ein Kunststoffseil als Querungshilfe die Eichhörnchen retten soll

Jährlich kommen 194 Millionen Vögel und 29 Millionen Säugetiere auf europäischen Straßen ums Leben, so eine 2020 veröffentlichte Studie europäischer Forscher. Leben retten sollen Querungshilfen für Tiere. Als Neuheit für das Land erprobt nun Baden-Baden eine Speziallösung: eine Eichhörnchenbrücke.

Nicht immer gibt es einen Ast, über den Eichhörnchen von einer zur anderen Straßenseite flitzen können.

dpa/imageBroker/Bernd Zoller)

BADEN-BADEN. Rasant huscht der rötliche Schatten den Stamm hoch, hastet mit schlangenartiger Geschmeidigkeit über die Äste und wechselt mit einem sicheren Sprung von dem einen zum anderen Zweig den Baum – für Tiere wie Eichhörnchen hat es sich gelohnt, die Zeitlupe zu erfinden. Und trotzdem sind sie nicht immer schnell genug, etwa am Boden, wenn sie die Straße überqueren und von einem Autoreifen erfasst werden.

Hierfür soll in Baden-Baden mit den vermutlich ersten Eichhörnchenbrücken in Baden-Württemberg Abhilfe geschaffen werden. An der Rheinstraße, einer viel befahrenen Straße, die den Bahnhof mit der Innenstadt verbindet, verknüpft nun ein Seil die Wipfel der Alleebäume und ermöglicht den Nagern, sicher und in luftiger Höhe von einer zur anderen Straßenseite zu gelangen. Eine zweite Seilkonstruktion schafft neben dem Straßenübergang zusätzlich eine Verbindung zu einem angrenzenden Wald.

Genügend Spiel, damit das Tau nicht reißt

Das Kunstfaserseil hängt in einer Höhe von etwa fünf bis sechs Metern locker zwischen den Bäumen, erklärt der Fachgebietsleiter Park und Garten, Markus Brunsing. Hierzu hatte die Stadt extra mit einer auf Schiffstaue spezialisierten Firma zusammengearbeitet. Das Seil ist der Witterung ausgesetzt und muss stabil sein, um den darunter fließenden Verkehr nicht zu gefährden. „Außerdem hängt es durch, damit noch genügend Spiel bleibt, damit es nicht reißt, falls die Bäume im Wind in Bewegung geraten.“ Die Stadtwerke haben das Seil mit einem „niedrigen vierstelligen Betrag“ finanziert.

Ob die Eichhörnchen von alleine die Seile nutzen, ist keineswegs ausgemacht. Deshalb locken die Verantwortlichen von der Stadt die Tiere mit einer Futterdose ans Seil. Zur Dokumentation wird eine Wildkamera aufgestellt, die das Hin und Her über den Hängesteg fotografieren soll.

Die Idee hatte der erste Bürgermeister Baden-Badens, Alexander Uhlig (parteilos) von Besuchen anderer Kommunen mitgebracht. Für Baden-Baden, so die Einschätzung von Fachgebietsleiter Brunsing, geht es erst einmal darum, mit der neuen Einrichtung Erfahrungen zu sammeln. Etwa, wie das Seil von den Eichhörnchen, aber auch anderen Tierarten angenommen wird. Weitere Standorte habe man aber schon in petto.

Stahl taugt für Eichhörnchenbrücken offenkundig nicht

München, Hamburg, Berlin-Friedrichshagen: Eichhörnchenbrücken gibt es in Deutschland seit etwa zehn Jahren, meist als Seilverbindung gestaltet. Die erste Eichhörnchenbrücke in Rheinland-Pfalz verbindet seit 2021 zwei Bäume in Trier. Dort seien bis zum Bau tote Tiere am Straßenrand gefunden worden, in den ersten Wochen seit das Seil hängt aber nicht mehr.
212.000 Euro hat die stählerne Brücke über eine Den Haager Stadtautobahn gekostet. Der Steg, 2012 gebaut, wird offenbar von den Tieren gemieden: Sie fremdeln mit dem Stahl, hieß es im niederländischen Fernsehen.

Für den Eichhörnchenexperten Stefan Bosch vom Naturschutzbund Baden-Württemberg sind diese Querungshilfen ein Indiz für ein engmaschiges Straßennetz, das zunehmend Naturräume fragmentiere und vielen Tierarten die Querung völlig unmöglich mache. Für den Vogelschutzbeauftragten des Verbandes – die Kleinsäuger sind aber sein Steckenpferd – sind die Brücken eher die zweitbeste Lösung. Natürliche Baumkontakte über der Straße wären für ihn die bessere Alternative.

Nach Einschätzung Boschs nutzen die Eichhörnchen die Brücken, und zwar insbesondere dann, wenn an der anderen Seite Futter lockt oder an der anderen Seite Waldabschnitte oder Parks angrenzen, die für die Tiere attraktiv sind. Auf dem Boden seien die Tiere besonders im Spätsommer und Herbst unterwegs, wenn die Jungtiere sich von Eltern absondern und eigene Reviere suchen. „In dieser Zeit kommt es vor allem in Städten gehäuft zu Straßenopfern“, so Bosch.

Studien über den Nutzen fehlen noch

Studien zum Nutzen von Eichhörnchenbrücken fehlen noch. In Deutschland seien Brücken laut Bosch vergleichsweise selten, sie kommen in Großbritannien häufiger vor. Auch das Landesverkehrsministerium weiß nur von der Baden-Badener Brücke. Andere Querungshilfen in Baden-Württemberg seien der Behörde nicht bekannt. Ob und wo solche Brücken gespannt werden, müsse sich nach den Gegebenheiten vor Ort richten.

Peter Schwab

Peter Schwab kümmert sich um verschiedene Journale der Zeitung und arbeitet außerdem im Crossmediateam und im Ressort Kreis und Kommune. Schon während seines Jura-Studiums hat er für verschiedene Zeitungen geschrieben, später volontiert und als Lokalredakteur gearbeitet. Nach seiner Zeit als Pressesprecher hat er erneut die Seiten gewechselt und ist 2022 zum Staatsanzeiger gegangen – und damit zum guten alten Journalismus zurückgekehrt.

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