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Der Neckar: ein grandioses Natur-Freibad

Andere suchen im Sommer das Freibad – Autor Martin Tschepe steigt seit Jahren direkt in den Neckar.
Martin Tschepe)Bahn neun, so haben wir unser Schwimmprojekt genannt. Unsere Bahn neun war und ist der Neckar in Ludwigsburg. Mein Schwimmfreund Volker und ich sind im Frühsommer 2015 sogar von Sulz bis nach Mannheim gekrault. Wir haben knapp zwei Wochen lang quasi im Neckar gelebt, tagsüber jedenfalls, sind etwa 300 Kilometer weit geschwommen – mit einem Strahlen im Gesicht vorbei am Kernkraftwerk Neckarwestheim und sogar mitten durch Stuttgart . Obwohl in der Landeshauptstadt ein Badeverbot gilt. Betrifft uns nicht, wir baden doch nicht! Wir schwimmen!
Es gab damals keinen Ärger, obwohl alle mitbekommen haben dürften, was wir tun – ich habe damals täglich einen Blog für die Internetseite der Stuttgarter Zeitung über unsere Aktion geschrieben. Fast alle Lokalzeitungen haben über unser Projekt Bahn neun berichtet, mit dem wir Geld gesammelt haben für Schwimmtraining für Menschen mit Behinderung.
Vom Scherz zur Schwimmstrecke
In den 1970ern – wir waren Kinder – hat der Bademeister im Freibad Ludwigsburg-Hoheneck kurz vor Badeschluss über die Lautsprechanlage allen Gästen im und am großen Sportbecken mit den acht Bahnen gelegentlich mit einem Augenzwinkern zugerufen: „Sie können jetzt nur noch auf Bahn neun weiterschwimmen, im Neckar.“ Deshalb der Name unseres Projekts.
Schwimmen im Neckar war damals nur ein Scherz, der Neckar war vor 50 Jahren eine stinkende Kloake. Lange her. Heute ist der Fluss sauber, behaupten wir. Manche Behördenvertreter sehen das anders. Aber wir sind doch der lebendige Beweis! Seit bald zwei Jahrzehnten ständig im Neckar und fit wie einst. Im Bewusstsein der allermeisten Menschen in der Region Stuttgart hat sich seit den 1970ern leider nicht viel geändert. Der Neckar? Igitt! Unser Fluss führt ein trauriges Dasein, speziell (aber längst nicht nur) in Stuttgart.
Mit meinen zwei Kumpels Bert und Johannes schwimme ich zu jeder Jahreszeit im Neckar, sogar im tiefsten Winter, wenn das Wasser nur knapp zwei Grad hat. Bei hochsommerlichen Temperaturen wie zurzeit könnte der Neckar für ganz viele Menschen zu einer willkommenen Abkühlung werden – wenn sie denn wüssten, dass das Wasser zumindest zeitweise sauber ist. Vielleicht sauberer als das Wasser in manch einem Freibad gegen Ende eines Tages mit Zigtausend Badegästen.
Kann der Neckar wieder Badefluss werden?
Bei einer Veranstaltung des Vereins Neckarinsel am Sonntag, 5. Juli, geht es um den Neckar und auch um diese Frage: Wie ist es möglich, dass die Menschen den Fluss als Naherholungsgebiet vor der eigenen Haustüre (neu) entdecken und mehr nutzen? Bestenfalls auch zum Schwimmen. Die Neckarinsel will am Nachmittag des 5. Juli ein Vorhersagesystem für die Wasserqualität des Stuttgarter Neckars vorstellen. Diese sogenannte Neckarampel soll anzeigen, an welchen Tagen das Wasser wirklich sauber ist. In der Einladung zu dem Event, das um 13 Uhr auf der Neckarinsel beginnt, heißt es indes auch: Wer im Fluss baden will, sollte die Risiken kennen.
Wir Neckarschwimmer aus Ludwigsburg rufen den Entscheidungsträgern in Stuttgart zu: Schaut doch in die Nachbarstadt Ludwigsburg! Wir Schwimmer vom SVL werden geduldet im Neckar, wir schwimmen immer nah am Ufer, stets mit einer leuchtend orangefarbenen Rettungsboje im Schlepptau und lieber nicht nach heftigen Regenfällen, denn (nur) an solchen Tagen ist das Wasser verunreinigt. Vermutlich kennen uns alle Kapitäne der Neckarschiffe längst vom Sehen. Mitunter winkt uns der eine oder andere sogar zu. Der Neckar ist in Ludwigsburg unser grandioses Naturfreibad. Das sollte auch in Stuttgart (und in vielen weiteren Städten) so sein, denn unser Ludwigsburger Neckarwasser: kommt ja aus Stuttgart angeflossen – und kann deshalb kaum sauberer sein als das Neckarwasser in der Landeshauptstadt.
Zur Person
Martin Tschepe (61) ist seit 1974 Mitglied beim SV Ludwigsburg und Weltmeister im Eisschwimmen. Der Journalist schreibt für mehrere Zeitungen in der Region Stuttgart und in Schleswig-Holstein – zudem arbeitet er für die Stuttgarter Josef Wund Stiftung, die sich um (sauberes) Wasser und Schwimmen(lernen) kümmert.