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Die Geschichte der Narren als Spiegel der Gesellschaft

Antisemitismus bei der Fasnacht: 1939 waren (hier in Singen) die Juden Ziel des Spotts.
Stadtarchiv Singen)Konstanz. Die Narren sind wieder los. Die Weiberfastnacht oder der „Schmotziger Dunschtig“ am 12. Februar sind die ersten Höhepunkte, weitere folgen und gipfeln im Rosenmontag, den 16. und Faschingsdienstag, den 17. Februar. Bälle, Umzügen und weitere Veranstaltungen stehen auf dem Programm. Vereine und Verbände halten ihre Tradition hoch. Die dunklen Kapitel ihrer Geschichte werden dabei eher ausgespart.
Konstanz war und ist eine Hochburg der Fastnacht, wie Rottweil , Villingen-Schwenningen oder Schömberg . Die Ausstellung in Konstanz „Maskeraden. Als die Fastnacht noch Fasching hieß“ wurde von Tobias Engelsing, Direktor der städtischen Museen Konstanz, und seinem Team kuratiert. Auch ein Buch ist dazu erschienen. Bei der Beschäftigung mit der Geschichte wird eines besonders deutlich: „Fastnacht ist keine Sonderkultur, sie ist ein Teil des allgemeinen Trends, der gesellschaftlichen Entwicklung“, resümiert Engelsing.
Unabhängig von den Herleitungen aus echten und erfundenen Traditionen war das Narrentreiben in der längsten Zeit seiner Geschichte männlich dominiert, oft politisch, mitunter aber auch reaktionär, angepasst und Steigbügelhalter herrschender Schichten und Meinungen. „Frauen waren quasi nur als Verzierung des Mannes vorgesehen, als Gäste auf den Bällen, die auch Heiratsmärkte waren“, sagt Engelsing. „Aber sobald sie nicht mehr das hübsche, begehrenswerte Mädchen waren, wurden sie über Generationen zum Gegenstand des männlichen Spotts.“ Aber es gab auch Zeiten der Liberalisierung und Offenheit, wie etwa in den 1920er-Jahren. „Alles wurde internationaler, es gibt den Jazz, Stummfilme, die Fastnacht wird weiblicher, frecher, die Rollenbilder lösen sich etwas auf. Es war eine Zeit des Aufbruchs.“ Die fand mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ihr Ende.
Nicht die Obrigkeit, die „Anderen“ wurden verspottet
Erst mit dem Dritten Reich kam es auch zu einer klaren Trennung zwischen der süddeutschen Fastnacht und dem rheinländischen Karneval. „Man zog nicht mehr über die eigene Obrigkeit im Land her, sondern über die ‚Anderen‘, die Franzosen, die Briten oder eben die Minderheiten, die Juden, die Roma und Sinti.“ Jüdische Bürger wurden diffamiert, jene, die sich im Karneval engagierten wie etwa der Freiburger Arzt Hans Pollok, zum Rücktritt gezwungen, wie unlängst die Badische Zeitung in einem Artikel berichtete. Im Dezember 1933 erbaten die Narren unter anderem die „Zustimmung zur Bildung einer einheitlichen Karnevalsgesellschaft auf der Grundlage nationalsozialistischer Anschauungen“, wie Autor Peter Kalchthaler, Leiter des Museums für Stadtgeschichte, aus einem Dokument des Freiburger Stadtarchivs zitiert.
„Die Narrengesellschaften legen großen Wert auf ihre Tradition, haben aber erstaunlich wenig Interesse an ihrer eigenen Geschichte“, befindet Engelsing. „Das ist für mich ein Grundwiderspruch. Manche Vereinigungen stilisieren sich selbst fast zu Widerstandskämpferinnen während des 3. Reichs. Das ist Geschichtsklitterung und stimmt einfach nicht.“ Natürlich habe es auch Widerstand gegeben, manche hätten ihr Amt verloren, weil sie nicht „auf Linie“ waren. „Aber der größte Teil war angepasst, ein Abbild der Gesellschaft.“
Zeichen des Kolonialismus bleiben heute noch sichtbar
Die größere Debatte, die noch nachhalle, sei indes der Kolonialismus. Die Darstellung von Afrikanern mit dicken Lippen, schwarz bemalt, mit Bastrock und Knochenschmuck war bis in die 1990er-Jahre kein Tabu, die Verkleidung als „Indianer“ ist bis heute beliebt. „Nachfahren der Indigenen bitten, das nicht mehr zu imitieren“, so Engelsing. Denn die Geschichte, die damit aufgegriffen werde, sei die Geschichte eines Genozids.
Umso erfreulicher war es für Engelsing, dass die Schau großen Zulauf hatte. „Vor allem jüngere Narrenfunktionäre sind sehr daran interessiert, ein richtiges Bild ihrer eigenen Vereinsgeschichte zu gewinnen“, sagt er.