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Streuobstkönig

Nach sechs Königinnen hat Böblingen endlich einen König

Ein kleiner Schritt für Jahn-Louis Blessing, ein großer Schritt für die Menschheit? Man soll ja mit Superlativen vorsichtig sein, doch jetzt hat Böblingen seinen ersten Streuobstkönig.
Ein Mann mit Schnurrbart lächelt, trägt eine Schärpe mit „Streuobst“.

Wo gibt's denn so was? Jahn-Louis Blessing ist der erste männliche Streuobstkönig im Kreis Böblingen. Man erkennt ihn am Zepter mit der Krone und an der feierlichen Schärpe.

Michael Schwarz)

Die Revolution kommt auf Sammetpfoten. Sie schreckt nicht vor Täuschungsmanövern wie einem Wackeldackel und einer gehäkelten Klorolle im Fahrzeugfond zurück. Hauptsache, dass keiner merkt, dass hier eine Zeitenwende stattfindet. Nach sechs Vorgängerinnen ist im Landkreis Böblingen eine der letzten Frauenbastionen gefallen. Am 3. Oktober wurde Jahn-Louis Blessing im Pfarrgarten von Herrenberg-Kayh zum ersten Streuobstkönig ernannt.

Dieses Jahr gibt es kaum Äpfel, dafür sehr viele Mirabellen

Dabei wirkt der 26-jährige Berufsfeuerwehrmann aus Weil im Schönbuch-Neuweiler (alles Kreis Böblingen) so gar nicht wie ein Revoluzzer. Dagegen sprechen nicht nur die oben genannten Accessoires in seinem Vintage-Mercedes der Baureihe 190. Nein, der Mann ist so was von vermittelbar, dass die Wahl der Jury ziemlich leichtgefallen sein dürfte.

Jahn-Louis Blessing weiß nicht, gegen wen er sich durchgesetzt hat. Sicher ist nur, dass er fachlich prädestiniert war. Und das nicht von ungefähr. Schon von Kindesbeinen an hat er sich auf Streuobstwiesen herumgetrieben und unter den Bäumen nicht nur gespielt, sondern auch Früchte aufgelesen und was man sonst noch auf seinem „Stückle“ tut.

Zwei Wiesen besitzt die Familie, eine in Holzgerlingen, auf der Birnen und Zwetschgen wachsen, eine andere im benachbarten Weil, auf der auch Äpfel, Mirabellen und Quitten gedeihen. Und mag auch die Apfelernte in diesem Jahr nahezu ausgefallen sein – 40 Kilo gegenüber 1,3 Tonnen im Vorjahr –, Mirabellen gab es dafür reichlich. Und jetzt sind die Quitten an der Reihe, deren Gelee Blessing besonders liebt. Gerade hat er erst ein paar neue Bäume gepflanzt.

Feuerwehr, Gemeinderat und VfB-Dauerkarte

Mosten tun die Blessings nicht, das habe man mal versucht und sei mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen. Stattdessen gibt es Saft und Schnaps, Gelee und Marmelade. „Der Keller füllt sich immer weiter. Wir können gar nicht so viel trinken, wie wir haben.“ Manchmal wird auch Apfelkuchen gebacken; dafür ist die Mutter zuständig.

Wenn Blessing gerade nicht erntet, mäht oder Bäume schneidet, findet man ihn bei der Freiwilligen Feuerwehr. Oder im Weiler Gemeinderat, wo er die CDU und den Ortsteil Neuweiler vertritt. Oder im Stadion: Sein Vater und er besitzen Dauerkarten und leiden darunter, dass sich der VfB zuletzt mehrfach als Aufbaugegner für schwächelnde Konkurrenten präsentiert hat.

Das hält Blessing nicht davon ab, mit der „1893“ auf dem Nummernschild durch die Gegend zu fahren, dem Jahr, in dem der Stuttgarter Verein für Bewegungsspiele gegründet wurde. Das gehört sich einfach für einen VfB-Fan, der dafür sogar auf ein steuersparendes H-Kennzeichen verzichtet, denn dann hätten nur drei Ziffern draufgepasst.

Zwei Jahre lang ist er nun im Amt und wird den Landkreis und seine Streuobstwiesen in Nah und Fern präsentieren – etwa bei der CMT in Stuttgart. Da dürften ihm dann auch andere Majestäten anderer Spezialitäten über den Weg laufen. Und Blessing wird wahrscheinlich feststellen, dass man als Herr der Schöpfung in der Minderheit ist. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Gesellschaftliche Entwicklungen dauern ja bekanntlich länger. Das kann man ja auch in deutschen Chefetagen sehen – unter umgekehrten Vorzeichen, was die Geschlechterverteilung angeht.

Magst du meinen Most, magst du auch mich | Staatsanzeiger BW

„Apfelbäckig“

Die Geschichte der deutschen Weinköniginnen begann 1931. 1949 wurde die erste deutsche Weinkönigin gekürt. Anfangs sollten die Amtsinhaberinnen „apfelbäckig“ sein und Walzer tanzen können. Das änderte sich mit der Zeit. Doch männliche Vertreter der Zunft gibt es erst seit Kurzem. Seit 2025 ist die Wahl zur deutschen Weinmajestät für alle Geschlechter geöffnet.

Etwa eine Viertelmillion Streuobstbäume stehen nach Angaben der Landesanstalt für Umwelt im Kreis Böblingen.
IMAGO/imageBROKER/Andreas Vittin)

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