Kommentar

Palmer bleibt sich treu – deswegen bleibt er im Amt

Boris Palmer bleibt OB in Tübingen - weil seine Gegner sich nicht einig waren und weil die Bürger seine Bilanz schätzen, kommentiert Chefredakteur Rafael Binkowski.

Boris Palmer

Boris Palmer bleibt 8 weitere Jahre OB von Tübingen.

Boris Palmer/Facebook)

TÜBINGEN. Boris Palmer bleibt Oberbürgermeister von Tübingen – nicht, weil er sich verstellt hat, sondern weil er sich treu geblieben ist. Auch wenn er in den vergangenen Monaten im Wahlkampf etwas zurückhaltender aufgetreten ist – wer den 50-Jährigen im Wahlkampf erlebt hat, der hat keinen Politiker gesehen, der sich verbiegt und den Menschen nach dem Mund redet, um wieder gewählt zu werden. Im Gegenteil – er hat auf einen Ortsbesuchen klar gesagt, was geht und auch was nicht geht. Auch wenn er damit manche enttäuscht hat. Das ist eben Boris Palmer – unverstellt, direkt und bleibt sich treu.

Dass er gelegentlich zu Rechthaberei neigt, sich in Facebook-Debatten verloren hat und oft über das Ziel hinaus schießt gehört zu seiner Persönlichkeit hinzu. Immerhin hat er in einigen Punkten Fehler eingeräumt. Vielleicht war der schwierige Wahlkampf und die Tatsache, dass seine eigene Partei ihn nicht mehr aufgestellt hat und ihn gar ausschließen wollte, auch ein Grund zum Nachdenken. Das Wahlergebnis finden Sie hier.

Wird Palmer wieder aktives Grünen-Mitglied?

Interessant ist daher, ob die Grünen wie geplant die Mitgliedschaft 2023 wieder aufleben lassen – und auf das Ausschlussverfahren verzichten. Strategisch richtig wäre es – denn Palmer ist trotz seiner gelegentlichen Provokationen der profilierteste OB der Partei bundesweit, hat eine kommunalpolitisch gute Bilanz vorzuweisen, gerade im Hinblick auf Klimaschutz. Und regiert mit Tübingen eine Stadt, die wichtig für das grüne Selbstverständnis ist. Die Stadt war allerdings, anders als in vor allem überregionalen Medien beschrieben, nicht gespalten – die Stimmung gegen Palmer war weitaus weniger ausgeprägt, als viele erwartet hatten. Zudem hat der OB davon profitiert, dass seine Gegner sich nicht einig waren. Sie haben mit Ulrike Baumgärtner und Sofie Geisel zwei profilierte Frauen gegen ihn antreten lassen, die einen respektablen Wahlkampf hingelegt haben. Sie haben sich allerdings auch gegenseitig die Stimmen aus fast dem selben Lager weggenommen.

Die Palmer-Gegner waren zersplittert

Und die bürgerlichen Kritiker von Palmer, denen etwa die Verkehrspolitik gegen den Strich geht, haben erst gar keinen eigenen Kandidaten aufgestellt. Ein Teil hat sich wie die Tübinger Liste oder die FDP für die SPD-Kandidatin ausgesprochen, ein Teil hat Palmer unterstützt. Somit verfügte er über eine breite Wählerbasis und ein zersplittertes Spektrum seiner Gegner. Palmer wird Palmer bleiben  – inklusive Provokationen, Talkshowauftritten und Streitereien. Er wird aber auch ein OB bleiben, der viel umsetzt, Arbeitsplätze in die Stadt geholt und gleichzeitig Klimaschutz erreicht hat. Das hat im Urteil der Tübinger Bürger schwerer gewogen als die Streitigkeiten. Wenn der wieder gewählte OB klug ist, geht er jetzt auf seine Kritiker zu und bindet sie ein. Die Antrittsrede nach Schließung der Wahllokale hat dies angedeutet. Seine Gegner, die ja eigentlich seine politischen Verbündeten waren, sollten diese Angebot annehmen. Setzt Palmer dieses um, können die nächsten acht Jahre für die Stadt produktiv werden. Insofern bleibt die Zeit nach der Wahl fast so spannend wie die Zeit vor der Wahl.

Quelle/Autor: Rafael Binkowski

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