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Der Landesvater - 15 Jahre Winfried Kretschmann als Ministerpräsident

Das Phänomen Kretschmann bleibt

Winfried Kretschmann ist ein außergewöhnlicher Politiker. Volksnah und doch manchmal unnahbar, heimatverbunden und doch ein Philosoph. Auch nach 15 Jahren bleibt das Phänomen Kretschmann schwer erklärbar. Der Versuch einer Annäherung.
Drei Männerporträts; zwei schwarz-weiß, eins farbig mit grauem Haar und Brille.

Ein außergewöhnlicher Politiker: volksnah und doch distanziert, heimatverbunden und zugleich Philosoph – auch nach 15 Jahren bleibt das Phänomen Winfried Kretschmann schwer greifbar.

Foto: dpa/Bernd Weißbrod/DB Obertreis/dpa Potraitdienst)

Es ist manchmal nicht ganz leicht, Winfried Kretschmann nahe zu kommen. Das liegt nicht nur daran, dass ein Ministerpräsident ständig von einem Kranz aus Mitarbeitern, Referenten und Personenschützern umgeben ist. Der 77-Jährige ist kein Smalltalker, der auf Empfängen von Tisch zu Tisch tänzelt. Oberflächliche Fragen empfindet er als langweilig. Aber wenn es einmal gelingt, sein intellektuelles Interesse zu wecken, kann es durchaus sein, dass der dienstälteste Regierungschef der Republik sich mit einem Gegenüber intensiv unterhält, vielleicht sogar stundenlang.

Kretschmann will nicht gefallen, sondern Probleme bis in die Tiefe durchdenken und Lösungen finden. Das war schon so, als er mit der neu gegründeten Partei 1980 erstmals in den Landtag einzog. In der bunten Truppe war der ehemalige Gymnasiallehrer mit Wolf-Dieter Hasenclever ein Vertreter des „ökolibertären Flügels“, erdachte sich Lösungen für eine wassersparende Toilettenspülung. Die Liebe zur Natur hat ihn zur Partei gebracht.

Noch heute kann er stundenlang über Pflanzengattungen dozieren. Als ihn die Ex-Kanzlerin Angela Merkel vergangenes Jahr in der Villa Reitzenstein besuchte, entdeckten sie im Garten der Staatskanzlei eine seltene Blume, Kretschmann erzählte davon mit leuchtenden Augen. Einer seiner frühen Mitstreiter im Naturschutz war übrigens Jürgen Resch, der sich als Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe aber mit dem Katholiken überwarf und seine Landesregierung sogar verklagte.

Und dann gibt es den Tiefdenker Kretschmann, der aus dem Stand philosophiert und über die Existenz des Menschen und der Politik nachdenkt. Seine Lieblingsphilosophin Hannah Arendt fasziniert ihn auch deswegen so, weil sie versucht hat, das Wesen des Faschismus zu verstehen.

Der Sigmaringer war selbst in seiner Jugend kurz auf extremistischen Abwegen beim Kommunistischen Bund Westdeutschland. „Das war ein Protest gegen das strenge Internat“, hat er im Interview kürzlich erzählt.

Bei den Grünen war er immer mehr konservativ als links, mehr liberal als vom Ordnungsrecht besessen, wenn es um Umweltschutz ging.

Ein Denkmal der Landespolitik

Doch dass aus dem eher verschrobenen Außenseiter in der Landtagsfraktion ein lebendes Denkmal der Landespolitik werden würde, war damals nicht absehbar. „Viele wissen nicht mehr, dass Kretschmann lange Zeit ein frustrierter Landespolitiker war“, sagte einmal sein Mitstreiter Winfried Hermann, der ebenso lange wie er in der Regierung sitzt.

Den Ton gaben andere an, Fritz Kuhn, der spätere Grünenchef und OB von Stuttgart, Rezzo Schlauch oder später Dieter Salomon. Doch als dieser OB in Freiburg wurde, griff Kretschmann zu und wurde Fraktionschef. Noch in den Schlichtungen zu Stuttgart 21 wirkte er unscheinbar gegenüber dem brillanten Boris Palmer, damals noch Verkehrsexperte und grüner Landtagsabgeordneter.

Dass er 2011 Regierungschef wurde, war eine Ironie der Geschichte. Eigentlich hatte der SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid schon die Möbel für die Villa Reitzenstein ausgesucht, als Stefan Mappus die Wahl für die CDU zu verlieren drohte. Doch am Wahlabend lagen die Grünen 1,1 Prozent vorne, völlig überraschend. Es war auch der Spin Doctor Rudi Hoogvliet, der als sein Sprecher die Sprödigkeit und Sperrigkeit in Bodenständigkeit und Ehrlichkeit uminterpretierte.

Und natürlich war es Kretschmann selbst, der sein Bild formte. Die „Politik des Gehörtwerdens“ wurde sein Markenzeichen, Volksabstimmungen wurden auf kommunaler Ebene vereinfacht und die Hürden gesenkt, ein Volksantrag auf Landesebene verwirklicht. Zu Stuttgart 21 setzte er eine Volksabstimmung an. Die verlor er, aber das Dauerstreitthema war damit befriedet, ein für alle mal. „Als guter Demokrat akzeptiere ich das Ergebnis“, sagte er damals.

Dass auch das neunjährige Gymnasium gegen seinen Willen durch das von ihm geschaffene Instrument des Volksantrags indirekt kam, ist eine weitere Ironie der Geschichte. Doch auch das gehört für ihn dazu. Ansonsten aber war der Wahlbürger sein Freund, immer populärer wurde er und gewann Wahl um Wahl gegen chancenlose CDU-Herausforderer, erreichte am Ende 32,6 Prozent.

Er blieb als Dauergast in Talkshows authentisch

Als einziger grüner Premier mit eigenen Ansichten war er Dauergast in Talkshows. Doch auch hier blieb er authentisch. Als er im Heute-Journal dem Moderator Jan Sievers ein siebenfaches „Nein“ entgegenwarf, wurde das gleichermaßen ein stilprägendes Video wie Zielscheibe von Spott.

Das war auch so, als er in der Coronakrise den Menschen nahelegte, einen Waschlappen zu nutzen. Auch das war für Kretschmann praktische Lebenshilfe, keine Belehrung. Der grüne Ministerpräsident gehörte zum Team Vorsicht und machte sich damit nicht nur Freunde.

Aber diese Knorrigkeit macht ihn aus. Das bekam seine eigene Partei immer wieder zu spüren. Der Oberrealo aus dem Südwestzipfel der Republik stimmte weiteren sicheren Herkunftsländern im Bundesrat zu und weichte das Verbrennerverbot auf, hielt das Heizungsgesetz für einen Fehler. Weil: zu viel Ordnungsrecht, das passt nicht ins ökolibertäre Ideal, in dem der Staat mit der CO₂-Steuer den Rahmen setzt und den Markt regieren lässt.

Am meisten hat er seine Partei 2021 vor den Kopf gestoßen, als er gegen den erklärten Wunsch der Grünen keine Ampelkoalition mit SPD und FDP bildete, sondern lieber das Bündnis mit der CDU fortsetzte. Ein konservativer, verlässlicher Partner war ihm lieber als linke und eine rechtsliberale Außenbordmotoren. Rudi Hoogvliet hatte ihm das schon früh gesagt: sich von der eigenen Partei zu distanzieren, stärkt sein Profil. Auch wenn das nie Kretschmanns Motiv war.

Zum Ende seiner Amtszeit erfuhr der betagte Regent eine fast hymnische Verehrung, auch in der CDU kein schlechtes Wort. Allenfalls hieß es, er sei eigentlich in der falschen Partei.

Das wiederum hätte der praktizierende Katholik nie in Erwägung gezogen. Die Grünen waren für ihn immer die politische Heimat. Zuletzt zog er noch einmal mit Feuereifer in den Wahlkampf, um Cem Özdemir zu seinem Nachfolger zu machen. Boris Palmer war eigentlich auserkoren dazu, doch der Tübinger OB hat sich selbst ins Abseits geredet und die Partei verlassen.

Mit dem Sieg Özdemirs hat Kretschmann nun sein Erbe gesichert, die grüne Herrschaft auf 20 Jahre ausgedehnt. Der Nationalpark sei, sagte er kürzlich, „auf 600 Jahren angelegt“. Er wird fehlen, mit seiner Kratzbürstigkeit ebenso mit der Fähigkeit, alles bis ins Detail zu durchdenken, der über den Tag hinausblickt. Einer wie er kommt nicht wieder.

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