Themen des Artikels
Um Themen abonnieren und Artikel speichern zu können, benötigen Sie ein Staatsanzeiger-Abonnement.Meine Account-Präferenzen
Der Schwarzwald ist mehr als eine idyllische Postkarte

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut mit dem Liebenzeller Bürgermeister Dietmar Fischer im sanierten Kurhaus.
Stadt Bad Liebenzell)Von Sommerreisen einer Wirtschaftsministerin würde man eher Besuche bei Start-ups, in Robotiklaboren oder der Produktion eines Hidden Champions erwarten. Orte, an denen Baden‑Württembergs wirtschaftliche Selbstgewissheit täglich hart erarbeitet wird.
Doch Nicole Hoffmeister‑Kraut, die neben Wirtschaft und Handwerk auch den Tourismus auf dem Klingelschild ihres Ministeriums führt, war in diesem Sommer nicht zu einem Weltmarktführer unterwegs, sondern besuchte Bad Liebenzel l – einen Kurort, der eher für Ruhe als Rendite steht. Dort hat sie dieser Tage das frisch sanierte Kurhaus besichtigt, ein Gebäude aus der Nachkriegszeit, das für rund zwölf Millionen Euro erneuert wurde. Das Land steuerte 2,9 Millionen Euro aus seinem Tourismusinfrastrukturprogramm bei.
Lebensqualität, regionale Identität mit ökonomischer Stärke
Ein unspektakulärer Termin? Tatsächlich steckt dahinter eine größere Dimension. Baden‑Württemberg definiert seinen Erfolg traditionell über Autos, Maschinenbau und Forschung. Der Tourismus wird landläufig gerne unterschätzt. Doch er ist ein echter Wirtschaftsfaktor . Er verbindet Lebensqualität, regionale Identität mit ökonomischer Stärke – und zwar auf eine Weise, die man erst erkennt, wenn man genauer hinschaut.
374 000 Menschen im Land sind im Tourismus beschäftigt. Gäste, Gastgeber und Gastronomie erzeugen einen Bruttoumsatz von fast 26 Milliarden Euro. Das ist mehr, als die Automobilindustrie im ersten Halbjahr 2026 an Werten in alle Welt exportiert hat. Schwarzwald , Bodensee und Schwäbische Alb – die über 60 Prozent der touristischen Wertschöpfung des Landes bündeln – verkaufen nicht nur Betten, sondern ein Gefühl rund um Natur, Kultur und kulinarischem Genuss. Kurz: eine Entschleunigung in bewegten Zeiten.
38 Kommunen erhalten Fördermittel über knapp 15 Millionen Euro
Die andere Seite der Medaille: Die Infrastruktur ist oft veraltet. Kommunen haben begrenzte Mittel für Investitionen. Genau deshalb ist es wichtig, dass das Land Kurhäuser, Thermen, Wanderwege, Radnetze und Ortskerne unterstützt und zu Orten macht, an denen sich Menschen wohlfühlen, verweilen und zu denen sie wiederkehren.
38 Kommunen erhalten in diesem Jahr knapp 15 Millionen Euro, um ihre touristische Infrastruktur zu modernisieren. Das Wirtschaftsministerium rechnet damit, dass dadurch Projekte mit insgesamt über 40 Millionen Euro angestoßen werden. Das zeigt, wie stark öffentliche Fördergelder private und kommunale Investitionen hebeln können.
Das sanierte Kurhaus in Bad Liebenzell steht damit für etwas Größeres: für die Erkenntnis, dass Tourismus Teil eines liebenswerten Landes ist, das seine Zukunft nicht allein in Motoren und Maschinen sucht, sondern auch in Landschaften, Kultur und Lebensqualität.
Köchinnen, Servicekräfte und Hotelpersonal fehlen
Doch die Tourismusbetriebe klagen über harte Fesseln: Ihr Geschäft ist personalintensiv. Viele kämpfen mit fehlenden Köchinnen, Servicekräften, Hotelpersonal. Das führt zu eingeschränkten Öffnungszeiten, Qualitätsverlust und Investitionszurückhaltung.
Zu allem Übel leidet die Branche unter der Kostenspirale steigender Energie- und Lebensmittelpreise sowie höheren Mindestlöhnen und Lohnnebenkosten. Immer mehr Betriebe können diese Preissteigerungen nicht an ihre Gäste weitergeben. Und im Hintergrund schlummert auch noch der Investitionsdruck für Modernisierungen.
Ob Hotels, Gaststätten und Freizeitparks den nötigen Spielraum finden, um ihre Türen offenzuhalten, hängt auch vom Reformeifer der Bundesregierung ab: Der Tourismus-Verband Baden-Württemberg hat Ministerin Hoffmeister-Kraut erst Ende Juli zu seiner neuen Präsidentin gewählt. Ihr Job ist es nun, in Berlin auf Reformen zu drängen. Reformen, die die Fesseln der Betriebe endlich wieder lockern.