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BDI‑Chef Leibinger: Wir verlieren wesentliche Teile unseres Mittelstands

Bei den wichtigsten Kostenarten liege man im internationalen Maßstab überall vorn. Man sei daher inzwischen häufig zu teuer, warnt Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie und Chefaufseher von Trumpf in Dietzingen.
Frank Eppler)Stuttgart . Seit Anfang 2025 ist Peter Leibinger Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Entsprechend groß war die Erwartung an seinen Auftritt beim heimischen Unternehmertag. Als Aufsichtsratsvorsitzender von Trumpf ist der Maschinenbauer heute strategischer Chefaufseher des Konzerns und blickte skeptisch auf die Bundespolitik.
„Die Krise ist Realität“
Der Reformwille sei vorhanden, sagte Leibinger, doch die Bereitschaft zum echten Kurswechsel fehle. Es brauche „strategische Klarheit“ und einen Zukunftsplan, „ein Narrativ, das beantwortet, warum wir das überhaupt tun“. Die Lage der Industrie bewertete er als hochkritisch: „Die Krise ist Realität. Viele Unternehmen stehen am Abgrund.“ Man befinde sich mitten in einer Insolvenzwelle. „In den nächsten drei Jahren werden wir wesentliche Teile unseres produzierenden Mittelstands verlieren.“
Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister‑Kraut (CDU) verwies auf die angespannte Situation bei VW, wo Konzernchef Oliver Blume den Abbau von rund 50.000 Stellen angekündigt hatte. Anlass für sie, ein Spitzengespräch mit den Automobilherstellern und Zulieferern sowie den Personalvorständen und Betriebsratsvorsitzenden einzuberufen. „Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Politik müssen jetzt an einem Strang ziehen“, sagte sie. Die Konkurrenz liege in China und den USA. „Wir müssen aufpassen, dass unsere Schlüsselindustrien nicht zerrieben werden.“
Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister‑Kraut kündigt Hightech-Agenda an
Hoffmeister‑Kraut hob das Ziel der neuen Landesregierung hervor, alle Entscheidungen dem Ziel unterzuordnen, Arbeitsplätze, Investitionen und Wertschöpfung in Baden-Württemberg halten und ausbauen zu wollen. „Wir sind klar auf Wachstum orientiert.“ Das wolle sie gegenüber ihren Kabinettskollegen immer wieder einfordern.
Hoffmeister-Kraut kündigte eine Hightech-Agenda an. „Wir wollen damit Enabler, Acceleratoren und Plattformen im Land stärken.“ Zudem solle ein Effizienzgesetz Berichts- und Dokumentationspflichten sowie Aufbewahrungsfristen reduzieren. Dazu werde man am 28. Juli im Kabinett beraten.
UBW‑Präsident Thomas Bürkle kritisierte, Deutschland habe sich „zu lange auf vergangenen Erfolgen ausgeruht“. „Wir haben eine der höchsten Abgaben- und Steuerlasten weltweit, Sozialausgaben erreichen Rekordhöhen, die Arbeitskosten laufen aus dem Ruder und die Bürokratie wächst schneller, als sie abgebaut wird“, so Bürkle. Nun gelte es, Investitions- und Innovationsbedingungen zu verbessern. Das Problem der nicht mehr wettbewerbsfähigen Arbeitskosten müsse dringend angegangen werden. Hier seien die Tarifparteien gefragt, erklärte der UBW-Präsident.
Transformation und Subventionen – für manche Unternehmen ist das Gift
Leibinger sprach von einer „Bruchlinie“ in der Industrie: „Die einen stützen ihre Zukunft auf staatliche Lenkung der Transformation und Subventionen. Die anderen wie Trumpf bräuchten dagegen endlich wieder gute Wettbewerbsbedingungen. Während sich aber die einen gegen ein Zurücknehmen der geplanten Transformation wehren, sei diese für die anderen Gift.
Das Wachstum des Welthandels sei ungebrochen, sagte Leibinger. Seit 2021 habe es um 15 Prozent zugelegt, doch Deutschland und Europa profitierten nicht mehr. Zwischen 2019 und 2025 seien die Exporte aus Europa um zehn Prozent die Importe nach Europa um fünf Prozent gesunken. Alle Regionen der Welt, außer Europa und UK, hätten in dieser Zeit ihre Exporte gesteigert.
Leibinger definierte fünf Kostenarten, die den Standort belasten: Lohnstückkosten, Lohnnebenkosten, Energie, Steuern und Bürokratie. „Überall sind wir in der Spitzengruppe. Das führt dazu, dass wir häufig zu teuer sind“, sagte er. Leibinger zufolge brauche es eine massive Senkung dieser Kosten, andernfalls werde die Gesundung des Standorts nicht gelingen.
Zu wenig Investitionen in Forschung und Entwicklung
Auch die Innovationskraft nahm Leibinger kritisch unter die Lupe. Sie stütze sich zu sehr auf etablierte, traditionelle Technologien. „Bei den Schlüsseltechnologien der Zukunft – Halbleiter und Chipdesign, leistungsfähige Rechenzentren, Hash- und Cloud-Anwendungen, Künstliche Intelligenz sowie die neuen Generationen von Language-, Frontier- und Weltmodellen – fehlt es uns an technologischer Schlagkraft und an eigener Entwicklungsleistung.“ Die deutsche Wirtschaft investiere in diesen Bereichen– im Vergleich zu den USA und China – zu wenig in Forschung und Entwicklung. „Der Abstand ist nicht nur groß, er wird jeden Tag größer.“
Trotzdem versuchte BDI-Präsident Leibinger Zuversicht zu verbreiten: „Die entscheidenden Voraussetzungen für unseren Erfolg sind unverändert vorhanden.“ Es gebe viele Unternehmen, die unverändert technologisch Weltspitze seien. Zudem sei der deutsche Mittelstand überwiegend sehr gut geführt und gut finanziert. „Damit ein tragfähiges Zukunftsbild in der Praxis entsteht, werden alle neu denken und über die Schatten ihrer Gewissheiten springen müssen.“