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Friedrich Merz streichelt die Seele der CDU

Bundeskanzler Friedrich Merz spricht auf dem 38. Parteitag der CDU in Stuttgart.
dpa/Katharina Kausche)Stuttgart. 10 Minuten und 40 Sekunden. Eine Minute und zehn Sekunden länger als 2024. Schon die Länge des Applauses zeigt: Die Delegierten des 38. Parteitags der CDU sind mit der Rede ihres Parteivorsitzenden zufrieden.
Und dies, obwohl Angela Merkel in der ersten Reihe sitzt. Was war nicht alles in dieses Zusammentreffen hineingeheimnisst worden? Wie würde der Kanzler die Altkanzlerin empfangen? Die ihn ja seinerzeit als Fraktionschef abgesägt hatte, woraufhin er die Politik verließ, um erst vor wenigen Jahren nach ihrem Abschied zurückzukehren.
Erinnern sich die beiden noch an 2008, als er als einfacher Delegierter ebenfalls in Stuttgart kritische Fragen stellte? Damals befand Angie sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Jetzt ist sie der Gast und er der Gastgeber. Und sie zeigt sich gerührt, als er sie begrüßt und der ganze Saal begeistert applaudiert.
Wer Merz bei der Münchner Sicherheitskonferenz zugehört hat, dem kommt manches vertraut vor. Es ist nicht die ganz große Neuigkeit, dass er eine neue Rolle Deutschlands in einem neuen Europa fordert. Und dass er sich zwar nicht von den USA, aber doch von der US-Administration scharf abgrenzt, obwohl Marco Rubio in München weit weniger wütete als JD Vance ein Jahr zuvor.
Die Zeiten seien vorbei, sagt er, in denen sich Deutschland auf das Wirtschaftliche konzentrieren konnte und die Führung anderen überließ. Wenn wir nicht wollen, dass andere über unser Schicksal bestimmen, müssten wir wehrhaft werden.
Merz schließt eine Zusammenarbeit mit der AfD aus
Wehrhaft will er in Zukunft auch nach rechts sein. Eine Zusammenarbeit mit der AfD schließt er aus. So etwas wie vor einem Jahr, als er billigend in Kauf nahm, dass die AfD ihm im Bundestag zu einer Mehrheit in der Migrationspolitik verhalf, dürfte es in Zukunft nicht mehr geben. Das ist die Botschaft. Und das ist auch der Punkt, der bei den Delegierten aus Baden-Württemberg besonders gut ankommt. Wen man auch fragt, alle begrüßen, dass der Kanzler sich so entschieden nach rechts abgrenzt. Da nimmt man auch hin, dass der Koalitionspartner in Berlin, möglicherweise auch im Hinblick auf seine sinkenden Umfragewerte, die Zusammenarbeit auf eine harte Probe stellen. Der Kanzler fordert mehr Tempo bei den Reformen des Sozialstaats und weiß doch, dass dies mit der SPD kein leichtes Unterfangen wird. Und er entschuldigt sich, dass der Herbst der Reformen ausgefallen ist. Manches, was er versprochen hat, konnte er nicht halten. So selbstkritisch ist er.
Klare Kante gibt es auch in Richtung Antisemitismus, wobei er nicht nur die Rechten und die Linken, sondern auch die Medien und die Kultur hart ran nimmt. Auch das wird vom Parteitagspublikum goutiert.
Nach anderthalb Stunden ist es dann vorbei. Und Applaus zeigt, dass der Kanzler die Seele der Partei gestreichelt und gleichzeitig aufgerüttelt und erreicht hat.