Fünf Empfehlungen, damit guter Journalismus eine Zukunft hat

Uwe Wagschal (l) Politikwissenschaftler, und Theresia Bauer, ehemalige Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, nehmen an einer Landespressekonferenz zu den Ergebnissen des Bürgerforums zur Medienlandschaft teil.
dpa/Marijan Murat)Stuttgart. Es ist der Traum jedes Zeitungsverlegers: Da nimmt ein Bürger an einer Debatte über die Zukunft der Medienlandschaft teil und stellt fest, dass er im kommunalen Bereich ein Informationsdefizit hat. Und schließt dann ein Online-Abo der Lokalzeitung ab. Quasi als Garant dafür, dass Qualitätsmedien noch eine Zukunft haben.
So geschehen beim Bürgerforum „Über Medien, über Verständigung, über uns“, das allerdings gar nicht das Ziel hatte, dass in den Medienhäusern die Kasse klingelt. Die Baden-Württemberg-Stiftung und die Pressestiftung wollten von den 63 zufällig ausgewählten Teilnehmern eigentlich nur wissen: Wie stellen sie sich die Medien der Zukunft vor? Und was muss geschehen, damit es in Zukunft noch Qualitätsjournalismus gibt?
Zwei Gruppen debattierten, eine junge und eine gemischte
Der Freiburger Politologe Uwe Wagschal hat das Projekt, das sich über ein halbes Jahr erstreckte, wissenschaftlich begleitet. Am Mittwoch stellte er in Stuttgart fünf Handlungsempfehlungen vor, die die beiden Gruppen – eine junge und eine altersgemischte – in vier Treffen erarbeitet haben.
Punkt eins lautet: Medienbildung systematisch stärken. Und zwar in der Schule und darüber hinaus – ein Leben lang.
Zweitens sollte der Lokaljournalismus gezielt gefördert werden. Wagschal wies darauf hin, dass es dafür zahlreiche Modelle gibt – die direkte Subventionierung wie in Skandinavien, aber auch Vergünstigungen bei Steuer und Porto wie in der Schweiz. Der Vorschlag aus der Mitte des Bürgerforums ist ein „Baden-Württemberg-Ticket für Medien“. Junge Menschen bis 21 Jahre sollen so kostenlos Zugang zu Qualitätsjournalismus erhalten.
Forderung Nummer drei lautet: Transparenz in der Medienlandschaft erhöhen. Die Medien sollten Faktenchecks betreiben, Quellen kennzeichnen und Algorithmen offenlegen.
Außerdem waren sich – Punkt vier – die Gruppen einig, dass eine altersbezogene Regulierung sozialer Medien geprüft werden muss. Ein striktes Smartphoneverbot in der Schule, wie es Grüne und CDU in ihrem Sondierungspapier fordern , würde auch den Teilnehmern gefallen.
Punkt fünf heißt, die Bürgerforen zu institutionalisieren und die „Politik des Gehörtwerdens“ zu verstärken. Auch da sind sich die Bürger mit den beiden Parteien einig, die das Land voraussichtlich fünf weitere Jahre regieren.
Theresia Bauer, die Geschäftsführerin der Baden-Württemberg-Stiftung, sagte zu, die Themen weiterzuverfolgen. Am 30. Juni soll es ein Werkstattgespräch geben, an dem auch die Pressestiftung teilnimmt. Dort kommen einige der Teilnehmer mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft zusammen. Außerdem habe der alte Landtag zugesagt, über die Empfehlungen zu debattieren. Und Bauer ist zuversichtlich, dass sich der neue Landtag daran gebunden fühlt.
Der herrschaftsfreie Diskurs, wie er Habermas vorschwebte
Ein optimistisches Fazit zog auch der Freiburger Politologe Uwe Wagschal. Auf die Frage, was ihn überrascht hätte, antwortete er: „Wir sprechen viel über Polarisierung. Ich fand, das war sehr konsensorientiert, und das gibt mir Hoffnung.“ Die Arbeit in den Bürgerforen habe ihn an den kürzlich verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas erinnert – und seine Theorie vom herrschaftsfreien Diskurs.