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Teilzeit ist kein Statussymbol

Der Begriff "Lifestyle-Teilzeit" wurde vom Wirtschaftsflügel der CDU kreiert und brachte der Partei sehr viel Kritik ein.
IMAGO/BODE)Wer Teilzeit arbeitet, geht morgens zum Pilates, trinkt überteuerten Cappuccino und kauft sich vom verdienten Geld jeden Monat eine Designer-Handtasche.
So zumindest das Bild. Und weil es überwiegend Frauen sind, die in Teilzeit arbeiten, ist auch schnell klar, wer hier gemeint ist: Lifestyle-Teilzeit. Ein Luxusproblem. Oder?
Falsch. Aber genau das scheint vielen unserer Politiker entgangen zu sein. Der Wirtschaftsflügel der CDU hat auf Bundesebene einen Antrag eingebracht, den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeitarbeit einzuschränken. „Lifestyle-Teilzeit“ nennen sie die Arbeit, die zwar nicht vierzig Stunden pro Woche umfasst, aber dennoch einen unverzichtbaren Beitrag zur Gesellschaft leistet. Künftig soll es Teilzeit nur noch mit „guter Begründung“ geben – etwa wegen Kinderbetreuung oder Pflege. Auch im baden-württembergischen Landtag hat der Vorstoß die Gemüter erhitzt. Die Grünen kritisierten die CDU scharf, während Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) betonte, zur Teilzeitarbeit im Land zu stehen. Sicherlich nicht, damit sich Menschen Luxusgüter leisten können – sondern eher, weil ein Teilzeitgehalt in vielen Fällen schon heute nahezu vollständig von hohen KiTa-Gebühren aufgezehrt wird. Oder weil unbezahlte Care-Arbeit anfällt: Putzen, Kochen, Pflegen. Arbeiten, von denen Frauen noch immer über 44 Prozent mehr übernehmen als Männer.
Fällt die Möglichkeit zur Teilzeit weg, bleiben vielen nur zwei Optionen: Vollzeit oder der Ausstieg aus dem Beruf. Mit weniger Geld kann man lernen umzugehen – mit dauerhaftem Zeitmangel nicht. Eltern wollen ihre Kinder aufwachsen sehen. Sie wollen ein sauberes, stressarmes Zuhause. Sie wollen abends nicht völlig ausgebrannt auf dem Sofa liegen, Streit über liegengebliebenes Geschirr führen und ihr Kind abweisen müssen, weil selbst dafür keine Kraft mehr bleibt.
Ein Blick auf die Branchen, in denen Teilzeit besonders verbreitet ist, macht die Absurdität der Debatte deutlich: Fast 70 Prozent der Beschäftigten in Privathaushalten arbeiten in Teilzeit. Mehr als 54 Prozent derjenigen, die erziehen oder unterrichten. Beinahe die Hälfte der Beschäftigten im Gesundheitswesen. Es sind ausgerechnet jene Bereiche, in denen seit Jahren über Fachkräftemangel geklagt wird, Stellen unbesetzt bleiben und Arbeitsbelastung ein Dauerthema ist.
Natürlich ließe sich argumentieren: Würden all diese Menschen plötzlich Vollzeit arbeiten, gäbe es Entlastung. Mehr Arbeitsstunden, mehr Produktivität, höhere Steuereinnahmen. Kurzfristig mag das rechnerisch stimmen. Langfristig jedoch greift dieses Denken zu kurz. Denn Arbeitsverdichtung führt nicht automatisch zu mehr Leistungsfähigkeit. Sie führt zu Überlastung, zu Krankheit, zu Burnout – und letztlich dazu, dass Menschen ihre Arbeitszeit reduzieren oder ganz aus dem System aussteigen. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch krankheitsbedingte Ausfälle, Frühverrentung und den Verlust von Fachkräften sind erheblich und werden in dieser Debatte konsequent ausgeblendet.
Ist es also wirklich ein sinnvoller Ansatz, strukturelle Probleme auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung auszutragen – und dabei primär auf dem Rücken der Frauen? Für viele ist Teilzeit keine Komfortentscheidung, sondern die einzige Möglichkeit, überhaupt erwerbstätig zu sein. Und selbst dort, wo keine Kinder oder pflegebedürftigen Angehörigen vorhanden sind, bleibt die Frage: Warum sollte Teilzeit erklärungsbedürftig sein? Wer seinen Lebensunterhalt selbst bestreitet, den Sozialstaat nicht zusätzlich belastet und seine Arbeit gewissenhaft erledigt, sollte seine Zeit frei einteilen dürfen.
Schließlich sprechen wir hier nicht von Müßiggang, sondern von Lebensqualität: von mentaler Gesundheit, von Fürsorge, von einem Alltag, der nicht dauerhaft an der Belastungsgrenze verläuft. Das Grundgesetz spricht von der freien Entfaltung der Persönlichkeit. Von Freiheit. Und davon, dass alle Deutschen das Recht haben, den Beruf frei zu wählen.
Bleibt zum Schluss nur ein bitter-ironischer Gedanke: Vielleicht sollten all jene Teilzeitkräfte tatsächlich den Beruf der Hausfrau wählen. Dann würde der Wirtschaftsflügel sehr schnell merken, was passiert, wenn genau die Arbeit wegfällt, die sie heute als Lifestyle-Entscheidung abtut.